Foto: Dachterasse/ MUCBOOK/ ©Marco Eisenack
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Deckel drauf, statt Luft nach oben – Was ist mit deinen Dachterrassen, München?

Wöhr + Bauer

Im Prinzip wäre es doch eine tolle Sache, wenn es in München mehr öffentliche Dachterrassen geben würde. Aber wieso sind dann so viele Flächen noch immer ungenutzt? Welche Erfordernisse gibt es an die Nutzung für Sport, Gärten oder Gastro? Und welche Rolle spielt der Denkmalschutz? Anlässlich der Kunstintervention „Penthaus Parasit“ auf dem Dach eines seiner Projekte hat das Münchner Immobilienunternehmen WÖHR + BAUER dem Stadtmagazin MUCBOOK eine Plattform geboten, um das Thema Dachnutzungen mit einigen der wichtigsten Expert*innen in München zu diskutieren.

Es ist die Aufgabe von Künstler*innen gesellschaftliche Themen aufzugreifen, neue Perspektiven aufzuzeigen und zuweilen zu provozieren, um Bewegung entstehen zu lassen. Lösungen liefern muss ein*e Künstler*in nicht. Dafür sind andere da.

So gesehen war das Kunstprojekt „Penthaus Parasit“ auf dem Dach des alten Parkhauses in der Hildegardstraße 2 ein voller Erfolg. Ohne den Künstler Jakob Wirth hätte es diese spannende Expertenrunde zum Thema innovativer Dachnutzungen nicht gegeben.

Seit einer Weile ist der Soziologe Wirth mit seinem Guerilla-Tiny-House der Marke Eigenbau in deutschen Großstädten unterwegs und nistet sich auf leerstehenden Dächern ein – ohne vorher zu fragen.

WÖHR + BAUER, die Firma auf deren Parkdeck sich der „Penthaus Parasit“ in München niedergelassen hat, nimmt die Kraft des kreativen Impulses auf, um ihrerseits eine Intervention zu starten: Fünf Expert*innen werden auf das oberste Parkdeck in die Hildegardstraße 2 eingeladen, um über das Potential der Münchner Dächer zu diskutieren.

Die Stadtverwaltung ist grundsätzlich für Dachterrassen – nur in der Altstadt wird es schwierig

Grundsätzlich habe die Stadtverwaltung Interesse daran, die Dächer in München stärker für Dachterrassen nutzbar zu machen, so die Stadtbaurätin Prof. Elisabeth Merk.

„Wir sind ja immer offen solchen Interventionen gegenüber, weil sie wichtig sind und deutlich machen, dass es viel mehr Perspektiven und Möglichkeiten gibt als man denkt“, betont die Stadtbaurätin.

Trotzdem sind, ihrer Meinung nach, bauliche Veränderungen in der Altstadt schwierig. Das Gesamtbild der Altstadt, das nach dem Krieg wieder mühsam aufgebaut wurde, müsse erhalten bleiben. Der Stadtbaurätin wäre die Nutzung der Dächer in der Innenstadt und den Außenbezirken lieber. „Wir haben genügend Dächer – da kann ich jetzt alle beruhigen – in der restlichen Stadt, dort kann man echt was wagen“, so Merk.

Circa 25% aller Flachdächer in München sind laut Prof. Elisabeth Merk derzeit begrünt. Im bundesweiten Vergleich sei das keine schlechte Anzahl, trotzdem gehe da noch mehr, vermutet Merk.

Oft sind die Anwohner*innen ein Problem 

Dagegen zeigte sich der Jurist Rudolf Häusler schon deutlich desillusionierter was das Thema Dachnutzung angeht. Nach seinen Erfahrungen „geht die meiste Zeit dafür drauf, mit den Anwohner*innen“ zu reden. Nach dem Motto: Gastronomie auf Dachterrassen ja, aber bitte nicht bei mir vor der Haustüre. Zusätzlich sei es oft ein Problem, dass begehbare Dächer einen gesonderten Fluchtweg oder einen eigenen Eingang benötigen. Auch, um den Rest des Hauses nicht zu stören.

Grisi Ganzer vom Bellevue di Monaco wehrt sich dagegen, das Träumen von vielfältig genutzten Dächern zu schnell aufzugeben. Er und sein Team haben es durchgezogen: Auf dem Dach des Bellevue di Monaco gibt es bald einen neuen Bolzplatz mit den Namen Kurt-Landauer-Platz. Auch bei diesem Projekt, sei es sehr aufwendig gewesen, sich mit den Anwohner*innen auseinanderzusetzen, gibt Ganzer zu. Aber das Ergebnis sei die Mühe wert gewesen.

Doch manchmal hilft auch alle Mühe nichts: Zum Thema öffentlich zugängliche Kunst auf den Dächern konnte Häusler von einer ernüchternden Erfahrung berichten. WÖHR + BAUER habe einst an anderer Stelle einen Vorschlag für ein öffentlich zugängliches Kunstwerk auf dem Dach eines Bürohochhauses eingebracht. Diese außergewöhnliche Nutzung wurde aber wegen Höhenüberschreitung weder von den Nachbarn noch von der Stadt mitgetragen. 

Wie sieht es mit Dachterrassen bei Neubauten aus?

Architekt Prof. Andreas Hild wünscht sich eine Vertiefung der Debatte. Dächer seien grundsätzlich umkämpfte Orte, da es viele verschiedene Nutzungsmöglichkeiten gebe: Solaranlagen, Begrünung, Gemeinschaftsgärten oder Gastronomie, so der Architekt. Eine Dachterrasse in Auftrag zu geben, sei für Investoren teuer, da das obere Stockwerk dann nicht vermietet werden kann, ruft der Architekt in Erinnerung. Prof. Hild wünscht sich eine politische Debatte darüber, wie die Dächer in der Stadt genutzt werden sollen. 

Um diese grundsätzliche politische Debatte geht es auch dem „Penthaus Parasit“ Jakob Wirth. Er hält es für extrem wichtig, dass die wenigen Spielräume, die es in der Stadt gibt, nicht nur klassisch kommerzialisiert werden, sondern bei der Gestaltung der Dachterrassen auch mal ein bisschen „out of the box“ gedacht wird. 

Die Position der Stadtbaurätin und die baldige Eröffnung der Bolzplatz-Dachterrasse können Münchner Initiativen auf jeden Fall Mut machen. Da ist noch viel Luft nach oben, was das Thema Vielfalt auf den Dächern Münchens betrifft. 

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