Kultur, Nach(t)kritik

Den Verwandten aufs Maul gschaut

Corinna Klimek

Ich reise gerne, gehe oft ins Musiktheater und lese viel. Manchmal kombiniere ich auch alles miteinander. Seit 7 Jahren schreibe ich darüber unter www.nacht-gedanken.de

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Robert Ludewig, Fritz und Joachim Bauer, Vater

Wer kennt sie nicht, die Feiern, im Familien – oder Freundeskreis, die nach reichlich Alkoholgenuss unweigerlich den Streit ans Tageslicht zerrt, der unterschwellig vielleicht schon lange vorhanden ist. Eine gelungene Premiere des Jungen Schauspiel Ensembles München.

Den anderen ist es peinlich, sie versuchen zu schlichten, am Ende fällt man sich wieder in die Arme. Autor Fitzgerald Kusz ist es gelungen, die Atmosphäre eines solchen Tages perfekt einzufangen und das Junge Schauspiel Ensemble München brillierte einmal mehr bei der Umsetzung des Stückes.

Der talentierte junge Regisseuer Michael Stacheder behielt zwar die Münchner Fassung von Martin Sperr bei, verlegte aber das Stück wieder in die Zeit des fränkischen Originals, das in den Fünfziger Jahren spielt. Das Bühnenbild, das er ebenfalls entworfen hat, zeigt die gute Stube in einer typischen Wohnung dieser Zeit, Wandbemalung mit Musterwalze, Tütenlampe und Blumentreppchen inklusive. Wir beobachten die Protagonisten vom Mittagessen (Leberknödelsuppe, Schweinsbraten mit Knödel und Salat) über Kaffee und Kuchen bis zum Abendessen (Bratwürscht und Aufschnitt) und darüber hinaus.

An einer langen Tafel sitzen der Firmling Fritz, seine Mutter Grete, sein Vater Hans, die Tante Anna und der Onkel Willi, Gerda und Manfred, Bekannte der Familie sowie Hannelore, eine Cousine. Nach und nach erschließen sich dem Publikum die Beziehungen zwischen den einzelnen Personen, zwischen Verwandten, zwischen Männern und Frauen.  Die Probleme sind typisch Fünfziger und trotzdem zeitlos. Der Jugendliche, der eigentlich im Mittelpunkt der Feier steht, aber hinter den Problemen der Erwachsenen zurückstehen muss. Der aber trotzdem manchmal unangenehme Fragen stellt und dann lieber ins Bett geschickt wird. Mutter und Vater, die keine Erfüllung finden in ihrer Ehe und trotzdem nicht von einander lassen können. Onkel und Tante, die halt so sind wie so ein altes Ehepaar so ist: sie nörgelt an ihm herum, er schießt manchmal ganz schön scharf zurück. Dann das junge Ehepaar, bei denen auch nicht alles Gold ist, was glänzt. Und schließlich die Cousine, die nicht weiß wohin mit ihrem Liebeshunger.

Die Schauspieler sind einfach grandios und verkörpern ihre jeweilige Rolle perfekt: Robert Ludewig als pubertierender Fritz; Andrea Nürnberger als seine Mutter, die mit ihrem sanften Wiener Dialekt einen wohltuenden Kontrapunkt zu dem manchmal etwas grob daher kommenden Münchnerisch ihrer Schauspielkollegen setzen kann; Joachim Bauer als Vater, der eher ein Grobmotoriker ist, sich aber irgendwann den Schmerz aus der Seele schreit; Sarah Camp als Tante, die mit ihren trockenen Kommentaren für einige Höhepunkte dieses Abends sorgte; Erwin Brantl als Onkel Erwin, der ein wirklich typisches Kind seiner Zeit ist; Franziska Ball und Joachim Birzele als junges Ehepaar, bei dem der Haussegen wohl nicht erst am Ende des Abend schief hing; und schließlich Nina Bernreuther, die unglückliche, stille, verwandelte.

Was wie ein Kammerspiel wirken könnte, ist ein Volksstück im besten Sinne. Im Stil einer Screwball-Komödie reihen sich die Pointen aneinander, die ihren Witz daraus beziehen, dass jeder im Publikum die Situationen kennt, der Autor dem Volk genau aufs Maul geschaut hat und die Schauspieler vielleicht das ein oder andere reale Vorbild hatten. Manchmal möchte einem das Lachen aber auch in Hals stecken bleiben, wenn die versehentlich ausgesprochene Wahrheit allzu bitter ist.

Das Stück ist eine ideale Ergänzung des Repertoire des Jungen Schauspiel Ensemble München, Regisseur und Leiter Michael Stacheder sieht darin einen Kontrapunkt zu Stücken wie „Mala und Edek“ oder „Die weiße Rose“. Die Protagonisten sind Mitläufer gewesen, sie versuchen sich zu rechtfertigen, vor sich selbst und den anderen. Publikum und Schauspieler hätten sich eine Komödie bzw. ein Volksstück gewünscht, sagt Stacheder, im Februar 2012 wird die Reihe mit einer Uraufführung von „Kalteis“ nach dem Roman von Andrea Maria Schenkel fortgeführt.

Ein unterhaltsamer Abend mit Tiefgang erwartet die Besucher im Kleinen Theater Haar. Ein kleiner Tipp: essen Sie vor der Vorstellung, sonst könnten die verführerischen Düfte von der Bühne ihren Magen lauter knurren lassen als ihr Lachen.

Sondervorstellung für Wiesnmuffel am 17.09. mit Freibier ab 18 Uhr, weitere am 16.10. sowie 1., 2. und 3. 12 2011. Kartenreservierung unter (089) 890 5698 13

Foto von Max Ott

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