Kultur, Live

Dena, die „deutsche“ „M.I.A.“

Sebastian Huber

Ok, was machen diese Anführungszeichen in der Überschrift? Das mag zwar ziemlich umständlich aussehen, ich will damit aber zeigen, dass Dena eins genau nicht ist — die deutsche M.I.A.

Auch wenn die Beats und die Attitüde des thriftshoppigen ‚Cash, Diamond Rings, Swimmingpools‚ an Songs wie ‚Paper Planes‘ von M.I.A. erinnern, gibt es große Unterschiede zwischen den Künstlerinnen, die sich beide mit Trash-Ästhetik und weiblichem Rap einen Namen gemacht haben.

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© Zelinda Zanichelli

Während Dena mit ihren Raps in Schulenglisch authentisch und sympathisch, aber manchmal eben auch etwas unprofessionell wirkt — wie eine dena from the block eben — rappt sich die englischsprachige M.I.A. souverän durch vier Albem und tourt über die sieben Weltmeere. Dagegen ist Denas Gesang überraschend und intensiv. Wer sie letzten Mittwoch im Kong live gesehen hat, wird das bestätigen können. M.I.A. dagegen, die eigentlich mit dem Singen anfing, weil sie keine passende Sängerin für eines ihrer Projekte auftreiben konnte, klingt — obwohl sie sich natürlich auch nicht schlecht anhört — manchmal mehr nach Autotune als nach echten und überwältigenden Vocals.

Die besagten Unterschiede sind nicht unbedingt qualitative, obwohl man daran denken sollte, dass Dena mit Flash vor kurzem erst ihr Debutalbum geliefert hat. Beide funktionieren in ihrer künstlerischen Mission anders.

Ich prognostiziere, dass Dena nach ihrer momentanen Europa-Tour zu ‚Flash‘ nicht mehr so oft mit M.I.A. verglichen werden wird, vor allem weil sich sie sich mit dem neuen Album stark am HipHop und RnB der 90er orientiert und so mittlerweile mehr Ähnlichkeit mit ‚Random Access Memories‘ von Daft Punk, als mit ‚Bad Girls‘ gesehen werden kann.

Die M.I.A.-issue wäre damit geklärt. Warum ist Dena aber eine „deutsche“ und keine deutsche Interpretin?

Naja, also platt gesagt, sie kommt aus Ungarn Bulgarien und nicht aus Schwäbisch Gmünd. Und auch, obwohl sie für ihr Studium in Visueller Kommunikation ins Land des Doppel-D (Dichter ’n‘ Denker) gekommen ist und ganz gut Deutsch spricht, würde ich ihr das Nationaladjektiv nicht zuordnen. Die Stadt, die sie groß gemacht hat, ist Berlin, und Berlin ist für mich die undeutscheste Stadt, die es in Deutschland gibt. Berlin ist eine europäische Stadt.

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© Zelinda Zanichelli

Wer Dena gehört hat, bemerkt die vielen transnationalen Einflüsse in ihrer Musik. Dabei stehen ihre Songs für mich im Zeichen einer jungen europäischen Musik, die den kürzlich durch die Krise gebeutelten Kontinent nach außen und innen vertritt und prägt. In einer Zeit, in der Sängerinnen wie die in Krasnojarsk geborene Helene Fischer deutsche Rentnerherzen höher schlagen lassen, sich deutsche und griechische Erasmusstudenten im Suff verbrüdern und schlechtes Englisch oft die beste Möglichkeit ist, miteinander zu reden, ist die alte Utopie einer europäischen „liberté, egalité, fraternité“ ein Stück weit schöne Realität geworden und in ihrer Kostbarkeit kaum zu überschätzen.

Und genau deshalb möchte ich Dena hier als europäische Künstlerin verstanden wissen, als Künstlerin, die ihre kreativen Wurzeln in allen Ecken unseres Kontinents hat und als Künstlerin, die durch die Möglichkeit eines vereinigten Europas zu dem werden konnte, was sie heute ist — einer großartigen, kreativen und sympathischen Frau, der in Zukunft nur das Beste zu wünschen ist.

Was für euch schade ist: Dena war leider schon im Kong und wird natürlich nicht mehr so bald zurückkommen. Außer eine CD/Platte zu kaufen oder euch wegzuschließen und zwei Wochen zu weinen, ist das einzige, was ihr tun könnt, die Unter-Der-Woche-Konzerte im Kong im Auge zu behalten. Auf der unscheinbaren Bühne spielen regelmäßig internationale, teilweise extrem gehypedte Künstler wie Le1f, SSION oder Nosaj Thing, die für gewöhnlich eine hammer Show abliefern.

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