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„Der bessere Kinofilm findet heute oft im Fernsehen statt”
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Am 26. Juni öffnet das 23. Filmfest München seine Pforten. Deutschlands größtes Sommer-Filmfestival fährt dieses Jahr große Geschütze auf und bringt zahlreiche nationale wie internationale Filmstars in die Landeshauptstadt. Bei der Pressekonferenz in der Hochschule für Fernsehen und Film stellte das Team um das Leitungsduo Julia Weigl und Christoph Gröner das finale Programm vor.
Das Wort ‘Highlight’ wollte Weigl bei der Vorstellung vermeiden – “das ganze Filmfest ist für uns ein Highlight” – doch, dass sich internationale Stars wie Pedro Almodóvar, David Duchovny und Sandra Hüller in persona die Ehre geben werden, das darf man dann doch ein Highlight nennen.
Das MUCBOOK sprach vorab mit Festival-Kuratorin Ulrike Frick. Sie kuratiert die Reihe Neues Deutsches Fernsehen – seit fast 20 Jahren. Ein Gespräch über Qualität im Fernsehfilm, politischen Druck auf Festivals und die Beziehung zwischen dem Filmfest und seiner Stadt.
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Frau Frick, hat der Fernsehfilm seinen schlechten Ruf verdient?
Nein, überhaupt nicht – im Gegenteil. Ich finde, der bessere Kinofilm findet heute oft im Fernsehen statt. Gerade weil er so unter dem Radar läuft. Die Leute sitzen zu Hause auf dem Sofa, machen sich ein Bier auf – und dann zeigt man ihnen etwas, das ihnen, ohne dass sie es merken, etwas erklärt. Eine gut konstruierte Geschichte kann etwas beibringen, über Klasse, über Herkunft, über Gesellschaft, ohne dass immer ein moralischer Zeigefinger dabei ist. Das funktioniert im Fernsehen manchmal besser als im Kino. Schade finde ich, dass viele Sender das noch nicht so sehen.
Sie kuratieren die Fernsehreihe beim Filmfest München seit fast 20 Jahren. Wie sind Sie damals dazu gekommen?
Über den Journalismus – ich habe für den Münchner Merkur und die TZ Kritiken geschrieben und beim Filmfest zunächst das Programm-Magazin gemacht. Als dann die Stelle der Fernsehprogramm-Kuratorin frei wurde, bin ich da so hineingerutscht.
Ganz einfach war der Start nicht: Meine erste Amtshandlung war, die Reihe von rund 40 Fernsehfilmen auf maximal 20 zu verschlanken. Produktionen, die vorher problemlos durchgegangen wären, bekamen plötzlich eine Absage – das hat natürlich nicht alle begeistert. In meinen ersten Jahren gab es auch ein paar heftige Beschimpfungen per E-Mail.
Politischen und wirtschaftlichen Druck spüren Film- und Kulturfestivals gerade ja immer häufiger – auch mit Blick auf die Debatten rund um die Berlinale. Wie erleben Sie das?
Die Fernsehreihe des Filmfest München ist natürlich nicht der Wettbewerb der Berlinale – da sind ein paar Hausnummern dazwischen. Aber der Versuch der Einflussnahme ist immer da. Produzenten und Sender wollen ihre Produktionen lancieren, und man merkt, dass der Druck größer wird, je schlechter es der Branche geht. Es wird weniger produziert als vor Corona, aber was produziert wird, soll auf Teufel komm raus noch eine Festivalauswertung finden. Da wird entsprechend mehr lobbyiert.
Was die politische Dimension angeht: Ich finde es wichtig, sich da freizuhalten. Wir sind ein Ort des Austauschs, Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut – und man merkt gerade an allen Ecken, wie viel Arbeit es bedeutet, das zu schützen. Früher konnte man einfach eine anspruchsvolle, innovative Produktion auswählen. Heute muss man bei der Auswahl der Produktionen auch politische Herausforderungen bewusster mitdenken. Da gibt es schon Druck.
Von wem kommt dieser Druck konkret?
Ganz direkt von Produzenten oder Sendern, die unbedingt ins Programm wollen. Interessant ist dabei auch, dass selbst Streamer mit riesigen Budgets, also Netflix und Co, eine Festivalteilnahme inzwischen als eine Art Währung betrachten. Die könnten problemlos eine große Premiere ohne Festival veranstalten. Aber das Festival gibt einer Produktion offenbar etwas, eine Art Qualitätssiegel, das man sich nicht einfach kaufen kann – und das ist in den letzten Jahren wichtiger geworden.

Seit über 20 Jahren im Geschäft: Filmfest-Programmerin Ulrike Frick © Filmfest München
Warum ist das so?
Ich glaube, es hat sich eine Erkenntnis durchgesetzt – beim Publikum wie bei der Branche: Bestimmte Produktionen kann man wirklich nur auf einem Festival sehen. Wer nicht aufpasst, findet sie im normalen Kinoprogramm nicht mehr wieder. Gleichzeitig hat sich herumgesprochen, dass Kuration etwas Schönes sein kann. Dass jemand vorausgewählt hat, dass das kein totaler Schrott ist, was da läuft. Das klingt banal, aber es ist offenbar ein Versprechen, das zieht.
Was ist für Sie das erste Kriterium, nach dem ein Film Sie interessiert?
Bei der Fernsehreihe des Filmfests gibt es zunächst mal formale Leitplanken: Es muss eine erkennbare Fernsehproduktion sein, also eine Senderbeteiligung vorliegen, und sie muss eine Mindestlänge haben. Bei Serien gibt es weitere Vorgaben. Aber was mich dann wirklich interessiert, ist inzwischen vor allem politische Relevanz – im weitesten Sinne. Etwas, das über bloße Unterhaltung hinausgeht. Was Nachdruck hat.
Was mir dieses Jahr aufgefallen ist: ein Rückzug ins Biedermeierliche bei vielen Produktionen. Ich habe mit einigen Produzenten darüber gesprochen, wenn es um eine Absage ging, und die meinten dann: „Das will man doch jetzt einfach nicht mehr, man kann nicht dauernd Politik und gesellschaftskritische Dramen zeigen.” Meine Reaktion ist da genau umgekehrt – ich will das gerade jetzt.
Der deutsche Film polarisiert ja schon seit vielen Jahren. Da sind von Kritikern verachtete Produktionen, Popcorn-Kino könnte man sagen, aber auch international gefeierte Werke. Wie schauen Sie auf das Thema?
Trotz der erfreulichen Ausnahmen, es gibt in der Branche leider einen unangenehmen Trend zur sicheren Bank. Überall – im Kino wie im Fernsehen. Man setzt auf bekannte Namen, vertraute Formate, Marken und Genrefilme wie Komödien, Romanzen oder Krimis. Das hat seinen Grund, ich verstehe den wirtschaftlichen Druck. Aber es bedeutet: weniger Experimente, weniger Wagnis, weniger Innovationen.

Der Tatort steht exemplarisch für den deutschen Fernsehfilm. © BR / Bavaria Fiction GmbH / Linda Gschwentner
Und das zieht sich auch durch die Fördersysteme: Die deutschen Filmförderprogramme sollen in erster Linie den Filmstandort stärken – die Region, den Drehort, den Wiedererkennungseffekt. Doch es geht immer weniger um die Entwicklung eines wirklich originellen Themas. Das finde ich deprimierend.
Dann wenden wir uns lieber etwas Schönem zu: Was empfehlen Sie im diesjährigen Programm des 43. Filmfests?
Wenn man nur Zeit für einen Film aus dem Programm hat: Blackbird. Das ist eine Literaturverfilmung nach dem gleichnamigen Buch von Matthias Brandt – autobiografisch, Coming-of-Age, Westdeutschland der 70er Jahre. Da geht es um Musik, um die erste Liebe und um die erste Konfrontation mit dem Tod. Das ist unfassbar gut inszeniert und gespielt. Wirklich bewegend.
Dann wäre da noch München Beats. Das ist eine Serie rund um die Entstehung des Kunstpark Ost – für alle, die mit der Münchner Techno- und Clubgeschichte aufgewachsen sind. Eine junge Frau will DJ werden, in dieser von Männern dominierten Branche – eine fast schon klassische Konfrontation. Die Welt, die da gezeigt wird, München in den 90ern – da habe ich mich wiedergefunden.

In München Beats will Linda eine Männerdomäne erobern. © Holly Fink / FILMFEST MÜNCHEN
Und dann Selling Sex – eine Serie, die ich wirklich bemerkenswert finde. Ein sehr feministisch gehaltener, differenzierter Blick auf Sexarbeit und Escort heute, von Frauen erzählt, die als handelnde, eigenständige Subjekte gezeigt werden – nicht als Opfer, nicht als Gerettete. Die Kreatorinnen haben eigene Erfahrungen einfließen lassen. Was den Ton so besonders macht: Es gibt keinen moralisierenden Blick. Das ist extrem erfrischend.
Zum Schluss: Wie würden Sie die Beziehung zwischen dem Filmfest und München beschreiben?
Die Stadt ist uns sehr wohlgesonnen, und mit dem neuen Oberbürgermeister Dominik Krause läuft die Zusammenarbeit gerade sehr gut. Was ich schön finde an der Richtung, die das Festival unter Christoph Gröner und Julia Weigl einschlägt, ist dieses Verständnis: Das Filmfest ist kein reines Kinofestival mehr, es ist ein Stadtfestival. Man baut Kooperationen mit den Kammerspielen, dem Haus der Kunst, dem Residenztheater, dem Theatermuseum. Film wird in einen größeren künstlerischen Zusammenhang gestellt.
Das andere Thema ist das Publikum. Beim Filmfest war das Durchschnittspublikum schon immer eher reifer. Daran arbeiten wir – doch dafür braucht man einen langen Atem. Auf der anderen Seite sehe ich aber auch, was auf Plattformen wie Letterboxd passiert: da gibt es unglaublich viel Leidenschaft für Filme und Serien – eben auch bei jungen Menschen. Das Potenzial ist da. Man muss nur einen Weg finden, diese Leute anzusprechen und abzuholen.
Und wie geht das?
Manchmal merkt man, wie gut das gelingt, gerade nach einer Fernsehpremiere – wenn im Anschluss diskutiert wird und man plötzlich spürt, wie sich da etwas öffnet. Eine Zuschauerin meldet sich, fängt mit Lob an, und arbeitet sich langsam zu dem vor, was sie eigentlich sagen wollte: dass sie zum Beispiel die Darstellung von Frauen in dem Film für ziemlich sexistisch hält.
Dann verteidigen sich Produzenten und erklären ihre Entscheidungen. Plötzlich tut sich dann da was auf, an Verständnis, an Interesse aneinander. Das ist es, was Festivals können. Und das ist eigentlich der Grund, warum man das macht.
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Das 23. Filmfest München findet vom 26. Juni bis zum 5. Juli statt und zeigt 130 Filmpremieren aus 56 Ländern. Der Eröffnungsfilm “Vaterland” läuft am 27. Juni im Gasteig HP8 , als besondere Gäste werden der oscarprämierte Regisseur Paweł Pawlikowsk sowie die Schauspieler:innen Sandra Hüller, Hans Zischler und August Diehl erwartet.
Weitere Highlights sind die Verleihung des CineMerit Awards an Schauspielgrößen wie Toni Servillo und David Duchovny, die Deutschlandpremiere von Alice Wincours “Couture” mit Angelina Jolie und wieder zahlreiche internationale Independent-Filme, die es ansonsten wahrscheinlich nicht auf die deutsche Leinwand schaffen. Das volle Programm sowie Tickets gibt es hier.
Beitragsbild: © Joel Heyd / Filmfest München