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Der junge Meister: David August im Technikum am 29. Oktober

Iseult Grandjean

stamperlt gern mit ihrer Muse, auch wenn die sie oft hängen lässt.
Was dabei rauskommt, wenn was dabei rauskommt, kann man auf ihrem Blog http://iseultatgoogle.blogspot.de/ lesen.

Mein altes Kinderzimmer wird von meiner Mutter oft nur „Die Drogenhöhle“ genannt; dabei haben die unschuldig weißen Wände weniger Qualm geatmet als ein neugeborenes Baby und die einzigen Pillen, die dort regelmäßig eingeworfen werden, sind diverse Medikamente.

„Drogenhöhle“ heißt mein Zimmer allein wegen der Musik, die fortwährend von meinem Laptop in die Außenwelt weht, viel Deep House und Techno, alles irgendwie von tief unten kommend, wie aus einer Höhle unter dem Erdboden – für meine Mutter ein akustisches Pandämonium, für mich ein Zustand göttlicher Klarheit.

Der Beethoven des Techno

Für meine Mutter gehören die psychedelischen Klänge und schweren Bässe aus meinem Zimmer in eine LSD-getränkte Welt, die nichts mit den Glenn Gould-Aufnahmen in ihrem Regal zu tun hat. Doch eigentlich haben klassische und elektronische Musik, das Alte und das Neue, ziemlich viel gemeinsam: So gilt David August, gerade einmal ein Vierteljahrhundert alt, als „Beethoven of techno“, wie ein User unter dem Youtube-Video seines Boiler Rooms kommentiert.

Dem studierten Tonmeister selbst ist Mozarts Simplizität ein wenig zu kommerziell, er schätzt vor allem die mathematisch komplexen Kompositionen Bachs; als Wunderkind kann man den jungen DJ und Produzenten allemal bezeichnen.

Mit fünf Jahren erhält der in Hamburg geborene David Nattkemper den ersten Klavierunterricht, als Jugendlicher experimentiert er mit elektronischer Musik, mit 17 veröffentlicht er seinen ersten Track, einen Remix von Oliver Koletzkis „Zuckerwatte“.

Schnell produziert er für dessen Label „Stil vor Talent“ seine ersten EPs, dann arbeitet er mit Solomuns Label „Diynamic Music“ zusammen, wo er sein Debutalbum „Times“ herausbringt. Später wird er von den „Innervisions“-Machern Dixon und Âme unter Vertrag genommen. Für alle, die beim Name-dropping jetzt nicht mehr mitkommen: Zu Beethovens Zeiten wäre David August inzwischen längst Kapellmeister.

Hommage an das mediterrane Erbe

Tatsächlich deckt August mit seinen eleganten und ebenso minimalistischen wie vielschichtigen Kompositionen ein großes Spektrum der Musik ab und wurde für seinen tanzbaren Auftritt im Boiler Room (2014) ebenso gefeiert wie für die Kollaboration mit dem Deutschen Symphonie Orchester Berlin, mit dem er 2016 drei komplett ausverkaufte Konzertabende bestritt.

Nach einer längeren Schaffenspause tritt er dieses Jahr nun mit seinem dritten Album „D’Angelo“ wieder ins Rampenlicht und kehrt darin nicht nur zu klassischen Ursprüngen, sondern auch zu seinen ganz persönlichen Wurzeln zurückt: „D’Angelo“ ist eine Hommage an sein mediterranes Erbe – seine Mutter stammt aus der antiken Kommune Palestrina, 37 km östlich von Rom – und an das Werk des italienischen Barockmalers Caravaggio.

Der Sound des Albums, zwischen neoklassizistisch, ambient und jazz noir, spielt dabei mit Einflüssen aus der antiken Mythologie: „Narciso“ zum Beispiel erscheint als Parabel auf das fragile Ego unserer heutigen Zeit, unterlegt mit den Kirchenglocken Palestrinas oder der Stimme Davids Mutter, die ihn zum Essen ruft, „33CHANTS“ übersetzt die Gesänge aus Dantes „Göttlicher Komödie“ in transzendentale Synthieschleifen.

Die polyphonen Strukturen ergeben dabei bei jedem Track, wie einst bei den barocken Meistern, ein Ganzes von einer kühlen Klarheit, die ebenso instinktiv wie ausgearbeitet erscheint.

In Zeiten wie diesen, in denen man nur noch einen Software-Download vom Dasein als DJ entfernt ist, trägt doch jeder sein eigenes Tonstudio im Laptop, ist es längst nicht mehr nur Auserwählten vorbehalten, Musik zu produzieren – doch wirkliche Meister werden nur wenige.

Und so ziehe ich aus meiner „Drogenhöhle“ ins Technikum, um David August live zu hören, während sich meine Mutter mit Glenn Goulds Aufnahmen der Goldberg-Variationen im Wohnzimmer zurücklehnt. Und auf eine Weise hören wir beide Bach.


In aller Kürze:

Was? David August live

Wann? Montag, 29. Oktober 2018 | 21:00 Uhr | Einlass 20:00 Uhr

Wo? Technikum München

Wieviel? ab 25€, Tickets hier


Beitragsbild: © XLR8R

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