Kultur, Live

„Deutschland muss sterben!“

„Operation Nichtstaat“ nennt die Performance-Gruppe Hysterisches Globusgefühl, drei Frauen und ein Mann, ihre Arbeit, die nächsten März im i-camp Premiere feiern wird. Ende August wurde zu einer öffentlichen Probe eingeladen, die mehrheitlich an der frischen Luft in München Au stattfand – unter Polizeibeobachtung.

Eigentlich beginnt alles sehr konventionell: um 18 Uhr versammelt sich im Theaterraum des i-camp ein zugegebenermaßen recht kleines Publikum, das Licht geht aus, aus einem Lautsprecher tönt eine hochtrabende Rede, die die Lösung aller Probleme an diesem Abend ankündigt. Die Performer erscheinen – nach bester Performer-Manier natürlich nackt – um in rotweiße Morphsuits zu schlüpfen und sich mit Mikro, Megaphon und Masken auszurüsten.

Dann hat der Theaterraum schon ausgedient, es geht nach draußen in die Vorhalle, jeder Zuschauer holt sich einen roten Lippenstift-Punkt auf der Nase ab, um dann einem klapprigen Karren durch den Stadtteil Au hinterherzulaufen. Für Gesellschaft sorgt ein weiß-grüner Wagen inklusive zweier Polizisten, die aufpassen, dass die „Operation Nichtstaat“ nicht staatswidrig wird. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen: Die Gruppe hält sich ganz brav an die vorgegebenen Wege und an der roten Ampel bleiben alle stehen, wie es sich für Deutsche gehört.

Von „Danke Deutschland, dass wir morgens in der Schule keine Nationalhymne singen müssen“ über „Lacht über diesen Staat, der sich nicht selbst auflöst“ zu „Deutschland muss sterben, damit wir leben können“ ist es ein dadaistisches Wirrwarr; Auszüge aus der biblischen Beschreibung des Leviathan werden zitiert, die Auflösung der Gemeinschaft wird durch das Megaphon deklariert. Letztlich steht man an der Isar und schunkelt in einem Kreis. Komplettiert wird das Ganze durch den immer wiederkehrenden Schlachtruf „Total egal!“

Da der Umzug als Demonstrationszug bei der Stadt angemeldet ist, fragt man sich bei der ein oder anderen skandierten Meinung, ob man gerade als Demonstrant für diese Position eingekauft wurde, obwohl man den Standpunkt möglicherweise nicht teilt. Diese Fragen kommen auf, denn die Möglichkeit des Abschaltens und des Zurücklehnens in einen kuscheligen Theatersessel ist nicht gegeben: von den Passanten werden wir als Demo wahrgenommen, nicht als Theateraktion.

Ein wirkliches Gruppen-Gefühl entsteht ausgerechnet, als der Zug wieder im i-camp eingetroffen um einen Tisch sitzt und die Standpunkte der Teilnehmer, etwaige Probleme und thematischen Unverständlichkeiten diskutiert. Hier geschieht es, dass plötzlich die Teilnehmer zu Akteuren werden, den Performern Ideen vorschlagen, die von ihnen weiterentwickelt werden. Wir erfahren, dass Hysterisches Globusgefühl erst seit fünf Tagen proben und dies eben eine öffentliche Probe war. In diesem Faktum bekommt die Hinterfragung der Grenzen des Theaters, was die Performer mit dem Verlassen des Theaterraumes erzeugen wollten, erst eine tiefe Dimension: Theater als Prozess, nicht als Produkt, das man konsumieren kann.

Ob wir im März eine fertige Arbeit zu sehen bekommen? Lea-Sophie Schiel, eine der Performerinnen, beschreibt das Ziel so: „Wir möchten Identitäten, die aufgrund von Ländern bestimmt werden, hinterfragen und uns daran abarbeiten, was nach dem Konzept „Staat“ ist. Wenn alle Nationalstaaten nicht mehr existieren, was kommt dann? Wie ist Recht und Frieden möglich? Wir wissen nicht, was im März sein wird, denn das Thema ist schon so etwas wie eine Utopie…“

 Man darf auf die Premiere gespannt sein. Ob dann die „Operation Nichtstaat“ so weit fortgeschritten sein wird, dass wir auch rote Ampeln überqueren werden? Selbst wenn nicht: unkonventionell wird es auf jeden Fall.

 

Vorstellungen: 7./8./9. März 2015 im i-camp.

Entenbachstraße 37, 81541 München.

 

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