Aktuell, Kultur
Die bisher größte Krachparade kommt mit 43 Wägen und fordert „Lärm rauf, mieten runter”
„Die Stadt, die immer schläft“ – so beschreibt die Hip-Hop-Band Moop Mama ihre Heimatstadt München in dem gleichnamigen Song (Link zu Spotify). Kritisiert wird unter anderem der Mangel an lebendiger Subkultur und das sterile Image der Stadt. Dass sich daran etwas ändern soll, will die Krachparade unüberhörbar deutlich machen. Mit einer jährlichen Tanz-Demo – inzwischen zum 14. Mal.
Für die bisher Krachparade am Samstag, den 16. Mai 2026 haben sich 43 Wägen angemeldet. Damit wird es die bisher größte Krachparade. Mit Bässen und Beats möchten die Veranstalter ein Zeichen setzen für die freie Entfaltung von Kultur sowie gegen Wuchermieten und Gentrifizierung.
Hinter der Demo steht die Initiative Mehr Lärm für München. Aus der 2011 entstandenen Bewegung „Rettet die Münchner Freiheit“ hervorgegangen, setzt sie sich seither für den Erhalt von – wie es auf ihrer Website heißt – „sozialem Lärm“ ein. Mit Forderungen wie „MEHR LÄRM FÜR MÜNCHEN – gegen die Stilllegung kultureller Freiräume“ oder „Lärm rauf, Mieten runter“ ruft das Kollektiv jedes Jahr im Frühsommer dazu auf, laut zu sein und sichtbar Platz einzunehmen. Mehr als 60 Kollektive, Vereine und Initiativen sorgen in diesem Jahr für die nötige Lautstärke. Den größten Anteil stellen Techno-Kollektive. Das Besondere an der Krachparade ist die Verknüpfung von Rave-Kultur mit politischen Forderungen – weshalb sie oft als „Tanzdemo“ bezeichnet wird.
Doch die Krachparade ist mehr als nur Krach. Sie verschafft Stimmen ein Gehör, die ansonsten im Baulärm der Stadt untergehen. Dass dies nicht die Art von Lärm sei, die erwünscht ist, erklärt der diesjährige Leiter der Krachparade Timm Buchheit. München braucht mehr „sozialen Lärm“, sagt er.
Der Lärm, der entsteht, wenn Menschen zusammenkommen, schlicht und einfach Spaß haben. „Wir sind unter anderem eine Plattform für Leute, die ihre Forderungen für Subkultur erheben wollen“, so Timm Buchheit. Vermisst werden unter anderem mehr kulturelle Freiräume und bezahlbare Bedingungen für Veranstaltende. Gerade in München sähen sich viele Kollektive mit den strengen Auflagen und hohen Mieten konfrontiert, sagt Buchheit.

Welche Auswirkungen die Missstände in der Praxis haben, erläutert Mitbegründer Timo vom Technokollektiv Psyfuck. Die Techno-Kombo tritt heuer zum ersten Mal auf der Krachparade auf. Timo sagt, in München gäbe es zwar genügend Freiräume, beispielsweise das Backstage oder den Underground-Club Sauna im Bahnhofsviertel. Allerdings schränkten Regulierungen die Locations stark ein, sodass man diese Räume nicht voll ausnutzen könne, sagt Timo.
Obwohl der Wunsch „einfach mal höher drehen” zu können zentral ist, betont Timo, dass es in der Szene nicht nur um Musik geht. Vielmehr lebt sie vom Gefühl im Moment zu sein, sobald man vor der Anlage steht, dem Gemeinschaftsgefühl und gegenseitigem Support. Ohne den das am 13. April einjährig gewordene Kollektiv gar nicht erst hätte Fuß fassen können.
„Mir ist es wichtig die Stigmata der Szene zu lösen.”, sagt Timo vom Psyfuck-Kollektiv. „Wir wollen Vision und Traum der Rave-Szene aufrecht erhalten, jeder soll sich frei entfalten können.” Auch die zunehmende Gentrifizierung bringe die Lebendigkeit Münchner Subkulturen ins Wanken.
Der Kult-Club Harry Klein in der Sonnenstraße musste bereits vor drei Jahren dem Neubau eines Hotels weichen. „Warum gibt man Immobilien mehr Raum als Kultur?”, fragt Organisator Timm Buchheit.

Ein aktuelles Problem sehen die Krachparade-Organisator:innen auch in der Eindämmung der Schanigärten: Während die Freiluft-Gastro in anderen deutschen Städten wie Berlin oder Köln tief in der Kultur verwurzelt seien und nicht saisonal befristet sind, müssten sich Gastronomiebetreibende in München an strenge Regelungen, die Uhrzeit und Jahreszeit betreffend, halten. So ist die Schanigärten-Saison von 1. April bis zum 31. Oktober begrenzt und die Öffnungszeit auf maximal 24 Uhr, wobei die Lautstärke bereits ab 22 Uhr deutlich gesenkt werden muss. Werden diese Auflagen nicht eingehalten, drohen Strafgelder bis zu 5.000 €.
Doch nicht nur die allgemeinen Bedingungen für kulturelle Entfaltung sorgen in München für Kritik. Auch die Krachparade wurde im Vorfeld zum Diskussionsfall. Die MVG bemängelte die ursprüngliche Route dahingehend, dass die Koordination der Bus- und Tramlinien vor allem im Glockenbach- und Hauptbahnhofviertel mit zu hohen Kosten verbunden sei. Stattdessen wurde vorgeschlagen die circa 15.000 Menschen umfassende Demo am Haunerschen Kinderkrankenhaus vorbeiziehen zu lassen. Da der Demozug eine Stunde gebraucht hätte, um das Krankenhaus zu passieren, stieß der Plan bei den Veranstaltern auf großen Widerstand. Inzwischen konnte der Konflikt jedoch beigelegt werden und die Route in ihrer vorgesehenen Form bestehen bleiben.
Die Diskussion zeigt dennoch, wie schwer sich München noch immer mit kultureller Nutzung öffentlichen Raums tut. „Den Stimmen, die wir laut werden lassen, soll zugehört werden”, betont Timm Buchheit. Für die, die zu diesen Stimmen dazugehören wollen, beginnt die Krachparade dieses Jahr um 14 Uhr am Geschwister-Scholl-Platz, den man am besten mit den U-Bahn Linien U3 und U6 erreicht, und endet voraussichtlich um 22 Uhr an der Theresienwiese.
Die Route umfasst unter anderem zentrale Stationen wie das Isartor, den Gärtnerplatz und das Sendlinger Tor. Allerdings ist der Konsum von Alkohol und Mitbringen von Glasflaschen auf der Krachparade untersagt, denn den Veranstaltern bleibt es ein wichtiges Anliegen, dass sie weiterhin als Demo angesehen und nicht als Party abgestempelt wird. Spaß machen soll es trotzdem: Schließlich will man München endlich aus dem Winterschlaf aufwecken.

Fotos: Nadja Raabe