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Die Schönheit im Normalen – Jim Jarmuschs „Paterson“

Thomas Empl

Schreibt seit 2012 für mucbook über Kino, meistens Filmkritiken, hin und wieder auch mal Theater. Als Münchner in Köln unterwandert er im Moment den Westen und arbeitet dort als Schriftsteller. Ist aber trotzdem ständig in München, der besten Stadt der Welt.
Thomas Empl

Jim Jarmuschs neuer Film Paterson ist außergewöhnlich, ohne von Außergewöhnlichem zu handeln. Seine Figuren sind gewöhnliche Menschen, es gibt keine Explosionen, niemand stirbt, keiner schreit rum. Auf Montag folgt Dienstag folgt Mittwoch, fast ohne Eskalation. Jarmusch sucht und findet die Schönheit im Normalen.

Er zeigt Tag für Tag eine Woche im Leben eines jungen Paars in der Stadt Paterson, New Jersey. Jeden Morgen wacht der Busfahrer Paterson (Adam Driver, dessen Figur heißt wie seine Stadt) neben seiner Frau Laura (Golshifteh Farahani) auf und geht zur Arbeit. Er fährt durch die Stadt, kommt heim zum Abendessen, führt den Hund aus, trinkt ein Bier in seiner Bar und der nächste Tag beginnt.

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Jarmusch weicht über sieben Tage fast nie von diesem Schema ab, aber er füllt es natürlich mit typischen Jim Jarmusch-Situationen. Patersons Fahrgäste unterhalten sich Night on Earth-like über italienische Königsmörder, in der Bar, in der man auch gerne am Tresen säße, hat ein gescheiterter Schauspieler Liebeskummer und Patersons Frau (Laura!) erzählt ihm von Petrarca.
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Überhaupt ist die Lyrik der eigentliche Zauber, der über dieser Stadt schwebt. Paterson hat kein Smartphone, stattdessen schreibt er Gedichte in sein Notizbuch, meist über Alltagsgegenstände. Das erste Mal, als er beginnt, über Streichholzschachteln zu dichten, fragt man sich noch: Was macht er da? – doch die Schönheit seiner Dichtkunst wird mit der Zeit immer einnehmender. Sie begegnet ihm überall in seiner Stadt, ob bei einem kleinen Mädchen, das ihm Gedichte vorliest oder einem Rapper, der im Waschsalon an seinem Wu Tang-Flow feilt.

Jarmusch erzählt seinen Film mit einer immensen Ruhe und Harmonie. Trotz aller Wiederholungen wird Paterson nie monoton. Kein anderer Regisseur ist so gut darin, Schauspieler beim Nichtstun zu filmen; und genau wie Bill Murray in Broken Flowers hat Adam Driver auch einfach ein interessantes Gesicht. Jarmusch hält die Kamera drauf, Driver fährt Bus und liest Gedichte vor und es ist gut.

Sieben Tage fast ohne Konflikt, there’s always another day, sagt jemand. Das Leben halt. Alltag, dem das geschriebene und gesprochene Wort Schönheit verleiht: Spätestens nach dem wunderschönen Ende wird klar, Jim Jarmusch hat’s kapiert. Als jemand der auch Dinge in sein Notizbuch schreibt (wenn auch meistens Filmkritiken), fühle ich mich von Paterson verstanden.

 


Kinostart ist der 17. November 2016, also weit vor dem US-Start, weil die Deutschen anscheinend Jim Jarmusch lieben. Cool.


 

Photo-Credit: © Mary Cybulski, Weltkino Filmverleih GmbH

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