Kultur

„Die Wiesn war das Triebmittel“

Jana Edelmann
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Ein Film über Geld – zu wenig Geld –, über die Sehnsucht nach mehr und über das Scheitern. Zusammen- geschmolzen auf einem Wiesn-Abend zwischen Champagner-Karussel und Kotzen hinterm Bierzelt. mucbook  hat den Film „Kasimir und Karoline“ gesehen und mit dem Regisseur Ben von Grafenstein gesprochen.

Kasimir und Karoline

Kasimir und Karoline: auf der Wiesn und in einer Lebenskrise

Kasimir hat seinen Job verloren, die Miete kann er sich nur dank seiner Freundin Karolina noch leisten und im Bett läuft`s, seit er arbeitslos ist, auch nicht mehr. Karolina ist Sprechstundenhilfe und will zum Zweijährigen der beiden unbedingt auf die Wiesn. Trotz klammen Geldbeutels. Dort treffen sie auf Gewinner, Verlierer und Vergessene des Systems: Schürzinger, Juwelierssohn und Politikstudent, der aber auf das Geld seines Vaters „scheißt“, wie er sagt. Merkel, ein Kleinganove und Schläger, der stolz darauf ist, in seinem Leben noch nie gearbeitet zu haben – bringe ja eh nix. Und ein Musikproduzent aus den 80ern, der heute außer BussiBussi-Show und Erinnerungen an bessere Zeiten nichts mehr zu bieten hat. Für die fünf wird der Wiesbesuch zum gemeinsamen Trip in ihre Hoffnungen, Neurosen und Sehnsüchte – die Bespaßungsmaschinerie des Oktoberfests dreht sich effizient und laut weiter, aber die Figuren verlieren sich im Rummelplatz – und ganz leise auch in sich.

mucbook:  „Kasimir und Karoline“ ist ein adaptiertes Theaterstück aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise von 1929 – wie hat das Stück funktioniert für die heutige Zeit?

Ben von Grafenstein: Der Stoff ist ja auf die heutige Zeit adaptiert. Damals gab es wirkliche materielle Not, die Weltwirtschaftskrise brachte die Menschen an den Rand ihrer Existenz – heute ist bei der Finanzkrise ja eher die Angst das Problem. Es gibt eine ungeheure Furcht vor dem sozialen Abstieg – an Kasimir wird das gut sichtbar: Dem geht’s ja eigentlich noch gut, der hat noch alles, was er braucht. Aber im Lauf des Abends entwickelt der eine richtige Neurose, und steigert sich da voller Minderwertigkeitskomplexe total rein.

mucbook: Ein Filmdreh auf der Wiesn – hört sich anstrengend an…

Ben von Grafenstein: Das ist natürlich eine Herausforderung – wir haben zum Beispiel in den Durchgängen vom Zelt gedreht, da drängt sich`s ziemlich. Aber ein richtiger Wiesnfilm ist es ja nicht – die Wiesn war eher wie das Triebmittel im Hintergrund für die tripartigen  Erfahrungen der Figuren. Ich würde gerne mal einen Dokumentarfilm über das Oktoberfest machen – mich auf die Leute dort konzentrieren, die Atmosphäre in den Zelten einfangen…Bei „Kasimir und Karoline“ ist es ja eher das Hintergrund-Setting.

mucbook: Ist das ein Mikrokosmos der Gesellschaft, den wir im Film auf der Wiesn zu sehen bekommen…?

Ben von Grafenstein: Auf dem Oktoberfest trifft sich ja wirklich alles – arm, reich, jung, alt…Die Figuren im Film sind auch total unterschiedlich. Aber eins haben sie alle gemeinsam: Die haben alle eine ungeheure Sehnsucht, die sind alle noch nicht angekommen in ihrem Leben…Naja, bis auf den Merkel: Der akzeptiert seine Rolle als prolliges Prekariat und handelt darum umso radikaler. Aber die anderen kommen ja eigentlich überhaupt nicht klar im Leben. Eine kleine Chance gebe ich Kasimir und Karoline aber innerlich trotzdem noch, dass sie sich irgendwie zusammenraufen…

Die Laufzeiten von „Kasimir und Karoline“:

Montag, 27.06.2011, 14:00 im CinemaxX 4

Mittwoch, 29.06.2011, 09:30 im CinemaxX 4

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