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E wie Eritreisch – am Eritrea-Stand auf dem Schwabinger Weihnachtsmarkt

Verena Mayer

Verena entdeckt gern Städte, Menschen und das Ende der Welt. Der perfekte Nachmittag: Im Café sitzen, schreiben und Leute beobachten. Alternativer Berufswunsch, falls es mit dem Reporter-Leben nicht klappt: Food-Truck-Betreiberin.
Verena Mayer

Das Schönste an Weihnachten ist die Zeit davor. Die Stadt leuchtet. Und überall sind Christkindlmärkte. Schwer zu sagen, wie viele es genau sind. Im Internet ist an einer Stelle von 37 die Rede, auf einer anderen Seite sind sogar 67 Märkte und Basare aufgelistet. Man könnte jeden Tag im Advent einen anderen besuchen – vielleicht sogar zwei. Einer meiner liebsten Weihnachtsmärkte ist der in Schwabing an der Münchner Freiheit. Er entstand 1976 auf Initiative von Schwabinger Künstlern. Sie wollten einen Ort schaffen, an dem sie ihre Kunst – das perfekte Weihnachtsgeschenk – verkaufen können. Diesen künstlerischen Geist spürt man bis heute.

Mehr als die übliche Bratwurst…

Der Markt ist etwas Besonderes. Statt Kitsch und billigem Ramsch, der auf vielen Märkten verkauft wird, bieten Kunstschaffende ihre selbst gemachten Schätze an. Auch das Essen ist anders: Natürlich gibt es auch hier die obligatorischen Maroni-Buden und Bratwurst-Semmeln. Doch daneben kocht hier seit über dreißig Jahren Youdit Berhane Gerichte aus ihrer Heimat Eritrea. Ihre Hütte steht gleich neben der Bühne, Eritrea steht in bunten Buchstaben darüber. Ich kannte den Stand von meinen vorherigen Besuchen auf dem Markt – aber dass es dort eritreisches Essen gibt, war mir bisher nicht aufgefallen. Dank meiner A-bis-Z-Tour durch Münchens Gastronomie werde ich aufmerksamer – und schaue genauer hin. Das E steht als nächstes an in meinem kulinarischen Alphabet: E wie Eritrea.

Bild vom Stand von Youdit Berhane und vom Eritrea Logo –  an ihrem Stand verkauft sie eritreisches Essen

Von Afrika nach München

Youdit Berhane kommt aus Asmara, der Hauptstadt des ostafrikanischen Landes. Wie lange sie schon in München lebe? Oh, sehr lange, sagt sie und lacht. Hauptberuflich betreibt sie an der Münchner Freiheit einen kleinen Laden, in dem sie Gewürze aus Eritrea und Äthiopien verkauft. Die Küchen der beiden Länder sind durch die gemeinsame Geschichte sehr ähnlich. Grundnahrungsmittel ist Injera, ein Fladenbrot, das traditionell mit Sauerteig und Teffmehl (die kleinen Teff-Körnchen kennt man auch als Zwerghirse) gebacken wird. Dazu gibt es viele Schmorgerichte und Eintöpfe. Eritrea stand, wie auch Äthiopien, vor und während des zweiten Weltkrieges für einige Jahre unter der Herrschaft Italiens. Einflüsse der italienischen Küche fänden sich bis heute, erzählt Youdit Berhane. Das kenne sie noch von ihren Eltern. Bei ihr aber gibt es klassisch eritreische Speisen. Sie kocht, sagt sie, was sie selber gerne isst. Gelernt hat sie das Kochen von ihrer Mutter. Sie habe sie beobachtet und mitgeholfen. Einmal im Monat kamen Freunde ihrer Eltern zu Besuch, dann wurde groß aufgekocht. Das Essen in Eritrea sei eine gesellige Angelegenheit: Man isst gemeinsam, teilt, nimmt sich Zeit. Das passt ja eigentlich prima zur – zumindest in der Theorie – besinnlichen Adventszeit.

Die Qual der Wahl

Abends, wenn sich die Besucher zwischen den Buden drängen, ist es vielleicht etwas schwierig. Am frühen Nachmittag aber, als ich dort bin, ist der Markt noch ruhig. Auch an der Eritrea-Bude ist um diese Zeit wenig los. Auf einer Tafel steht geschrieben, was es zu essen gibt. Fleisch ist in Eritrea etwas Besonderes, viele Gerichte sind vegetarisch: Shiro, ein Brei aus Kichererbsen, der Linsen-Eintopf Timtimo und Alicha, geschmortes Gemüse. In einer Pfanne befindet sich knallig leuchtende Rote Bete. Für entscheidungsschwache Menschen (wie mich) gibt es den gemischten Teller mit allem. Darauf finden sich neben den vegetarischen Sachen auch Zigni, ein Schmortopf mit Lamm und das Königsessen, geschmorte Hähnchen-Keulen. Den Namen habe sie sich selber ausgedacht, sagt die Köchin. Ein Essen für besondere Gäste, für Leute, die man besonders gerne mag.
Das Essen wird auf Fladenbrot angerichtet. Oben drauf kommt, wie ein Deckel, noch mal ein Fladenbrot. Das Injera ist nicht nur Beilage, es ersetzt auch das Besteck. Kleine Stücke abrupfen, Essen draufpacken, in den Mund stecken. Gar nicht so einfach, wenn man eine dicke Winterjacke mit ausladenden Ärmeln trägt. Einige rosa Flecken der Roten Bete und Kleckse des kurkuma-gefärbten Joghurts erinnern noch an meinen Besuch an der Eritrea-Bude.

Bild vom gemischten Teller der eritreischen Speisen von Youdit Berhane
Einmal gemischter Teller: Eritreisch essen für Neugierige

Kommen wir zu einem Fazit…

Das Essen von Youdith Berhane ist saftig und würzig, leicht scharf – perfekt für einen kalten Wintertag. Sie kocht mit vielen Kräutern und Gewürzen. Mit ihrem eigenen Laden sitzt sie ja direkt an der Quelle. Und: Sie koche mit viel Liebe und guter Energie, sagt sie. Das sei das Wichtigste. Das Lamm ist leicht süßlich, die Soße sämig. Das Hähnchen fällt zart vom Knochen. Besonders gut schmeckt mir der Bockshornklee, Abake, ein Gericht von Berhanes Großmutter. Er schmeckt leicht nussig und bitter. Pur wäre er mir zu intensiv, aber zusammen mit dem restlichen Gemüse ergeben die Aromen eine interessante Geschmackskombination.

„Man muss immer alert sein…“

Während ich esse schneidet Youdit Berhane Gemüse für ihr Alicha. Mit einem langen Kochlöffel aus Holz rührt sie durch einen riesigen Topf. Vorbereitungen für das Abend-Geschäft. Sie kocht auf zwei kleinen Gas-Herdplatten, aber nach all den Jahren auf dem Weihnachtsmarkt hat sie ein ausgeklügeltes System. „Man muss immer alert sein“, sagt sie „wie eine Uhr.“ Also aufmerksam beobachten, was zu Ende geht und rechtzeitig nachkochen. Wie im Nachbarland Äthiopien ist auch in Eritrea die Kaffee-Zeremonie ein fester Bestandteil jeder Mahlzeit. Und so gibt es auf dem Schwabinger Weihnachtsmarkt bei Youdit Berhane neben Glühwein auch äthiopischen Kaffee.

Eine Seltenheit in München: Eritreisch Essen

Auch hier wird deutlich, wie eng die kulinarischen Traditionen der beiden Länder verwoben sind. Äthiopische Restaurants gibt es in München viele, aber gibt es auch eines, das mit eritreischer Küche wirbt? Youdit Berhane überlegt, fragt eine Freundin, die gerade bei ihr am Stand steht. Ihnen beiden fällt keines ein. Wer also einmal den Geschmack Eritreas probieren will, der sollte auf dem Schwabinger Weihnachtsmarkt vorbeischauen. Ein Besuch lohnt sich. Nicht nur, um Geschenke zu kaufen. Sondern auch für das gute Essen.


Was? Eritrea Bude
Wo? Schwabinger Weihnachtsmarkt auf der Münchner Freiheit
Wann? Bis zum 24.12. / Montag – Freitag: 12:00 – 20:30 / Samstag und Sonntag: 11:00 – 20:30

Für die Zeit nach Weihnachten: Zur Mittagszeit bietet Youdit Berhane in ihrem Laden eine kleine Mittagskarte an:

Der GewürzLaden
Haimhauserstraße 6
Montag – Freitag: 10:00 – 16:00 / Samstag bis 16:00

1Comment
  • Anka
    Posted at 09:50h, 12 Dezember

    Hört sich sehr Lecker an ,würde ich gerne probieren

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