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C wie Chinesisch – im Man Fat

Verena Mayer

Verena entdeckt gern Städte, Menschen und das Ende der Welt. Der perfekte Nachmittag: Im Café sitzen, schreiben und Leute beobachten. Alternativer Berufswunsch, falls es mit dem Reporter-Leben nicht klappt: Food-Truck-Betreiberin.
Verena Mayer

In unserer Reihe „Essen von A bis Z“ nimmt dich unsere Autorin und Test-Esserin Verena 26 Mal mit in die leckersten Restaurants der Stadt – weiter geht es mit „C wie Chinesisch“.

Zwei sind mir eingefallen: China und Chile. Gibt es wirklich nur zwei Länder mit C? Eine schnelle Internet-Recherche verrät mir: Dazu kommen noch die Cook Inseln und Costa Rica. Leider beides in München kulinarisch nicht vertreten. Ein chilenisches Restaurant gibt es – allerdings in Baldham, knapp hinter der Stadtgrenze. Die Entscheidung bei C ist also schnell gefallen. Es gibt Chinesisch.  

An chinesische Restaurants habe ich mich lange Zeit nicht herangetraut

Ich bin negativ vorgeprägt von dem Asia-Lokal aus meinem Heimatdorf: die Speisekarte so dick wie ein Buch, das Aroma von Fertig-Würzmischungen und neunzig Prozent der Gerichte mit klebriger Soße süß-sauer. Die Entscheidung fällt dann ziemlich spontan. Schon unzählige Male bin ich auf dem Heimweg durch die Barer Straße am Man Fat vorbei geradelt. Jedes Mal habe ich mich gefragt, was es wohl mit dem Namen auf sich hat. Trotzdem mache ich dieses Mal etwas, was ich eigentlich nie mache – ich schaue mir die Kommentare auf Tripadvisor an. Das Restaurant hat sehr gute Bewertungen, sogar einige von chinesischen Nutzern, und auch die ziemlich positiv. Da wird das „echte chinesische Essen“ gelobt und vom „köstlichen Entenbraten“ geschwärmt.

Chineische Gäste schätzen die authentische Küche im Man Fat

Als wir das Restaurant an einem Abend unter der Woche besuchen, sitzen auch einige asiatische Gäste an den vielen Tischen. Das Man Fat sieht aus, wie man sich so ein chinesisches Restaurant eben vorstellt. Alles leuchtet in Rot und Gold. An den roten Wänden hängen kitschige Bilder und goldene Schriftzeichen. Drachen und Vögel beobachten die Gäste beim Essen. Die Einrichtung ist schon etwas in die Jahre gekommen. Kein Wunder, denn das Man Fat gibt es bereits seit 1978. Es war, so erzählt es uns die Chefin, das vierte chinesische Restaurant, das in der Stadt aufgemacht hat. Anders als heute, wo es an jeder Ecke Asia-Imbisse, Ramen-Läden und vegane Vietnamesen gibt, war asiatisches Essen damals noch ziemlich exotisch. Man könnte sagen, das Man Fat war ein kulinarischer Pionier.

Bis heute ist es in Familienhand. Es wird in zweiter Generation von Tang Chiufan geführt. Sie schmeißt den Laden zusammen mit ihrer Tochter. Ihre Eltern kamen ursprünglich aus Hong Kong, aber auf der Speisekarte finden sich Gerichte aus dem ganzen Land. China ist groß – mehr als doppelt so groß wie die gesamte EU – und entsprechend vielseitig ist auch die Esskultur des Landes. Das Küchenteam kommt aus Hong Kong, aus Fuzhou (eine Hafenstadt im Südosten mit mehr als 7 Millionen Einwohnern) und aus der Provinz Sichuan (da wo der berühmte Pfeffer herkommt). Und alle haben sie ihre Gerichte mitgebracht.  

Tang Chiufan und ihre Tochter führen das Restaurant in zweiter und dritter Generation

Die Spezialität im Man Fat ist Ente. Die wird erst mariniert und dann mit Gewürzen gefüllt Viele Köche, sagt Besitzerin Chiufan, kaufen die Tiere heutzutage fertig präpariert. Bei ihnen aber werde alles noch frisch und von Hand gemacht. Und: Das Man Fat ist eines der wenigen Restaurants, das noch einen alten, traditionellen Ofen besitze. Das Besondere daran ist, dass das Fleisch über dem Feuer aufgehängt wird. So kann das Fett nach unten abtropfen, während das Fleisch sanft gegart wird. Die Ente wollen wir auf jeden Fall probieren. Trotzdem, das gleiche Problem wie so oft: Wir sind von der Auswahl überfordert und können uns nicht entscheiden.

Die Spezialität des Hauses: der knusprige Entenbraten

Die Chefin kommt uns zur Hilfe. Sie mache das schon, sagt sie, und nimmt uns die Karten ab. Kurze Zeit später trägt sie die ersten Schalen an unseren Tisch. Es geht los mit gedämpften Teigtaschen. Sie sind gefüllt mit Schweinehack, Garnelen und Frühlingszwiebeln. Im Man Fat gibt es extra eine Köchin, die sich nur um diese Teigtaschen kümmert. Das schmeckt man. Die Masse ist wunderbar saftig. Sie erinnert mich ein wenig an Fleischpflanzerl – eine chinesische Variante des bayerischen Klassikers.

Bevor wir aufgegessen haben, kommen schon die nächsten Teller.

Von der Tageskarte gibt es grüne Bohnen mit Hühnerfleisch und Dan Dan Mian, ein beliebtes Gericht aus der Sichuan-Küche, bestehend aus Reisnudeln und – na klar – ordentlich Sichuan-Pfeffer. Bei aller Authentizität, ein wenig habe man das Gericht angepasst. In China, sagt Inhaberin Chiufan, sei es zehn Mal so scharf. Die Leute in Sichuan sind da anscheinend abgehärtet. Der erste Kommentar meiner Freundin, nachdem sie sich beherzt den Teller vollgeladen hat: „Gott ist das scharf.“ 

Für die köstlichen Teigtaschen gibt es im Man Fat eine extra Köchin

Unser Tisch ist schon ziemlich voll mit Tellern und Schalen, noch bevor wird überhaupt bei der Hauptspeise angelangt sind. Wir bekommen die Ente in zwei Varianten, zuerst mit Pfannkuchen zum selber Wickeln. Man nimmt einen der kleinen Teigfladen, legt ein paar Scheiben Ente drauf, dann noch einige Gemüsestreifen und als Topping ein wenig süßliche Hoisin-Soße. Ich versuche, das Ganze wie einen Taco zusammenzuklappen und in meinen Mund zu bekommen. Dabei fällt die Hälfte wieder raus. Egal. Schmeckt trotzdem wunderbar.

Ganz schön viel! Unser Menü bei Man Fat macht uns mehr als satt

Auch die zweite Variante, mit Gemüse auf der Feuersteinplatte gebraten, ist herrlich zart und aromatisch. Dadurch, dass die Enten im Ofen hängen, ist das Fleisch saftig, aber kein Stück fettig. Die Haut ist knusprig statt labbrig. Kein Vergleich zu der Ente süß-sauer aus dem Asia-Restaurant meiner Kindheit. Obwohl wir schon nach der Vorspeise ziemlich satt waren, essen wir alles auf. 

Woher der Name „Man Fat“ wirklich kommt

Zum Abschluss möchte ich nun aber unbedingt noch wissen, was es mit dem Namen auf sich hat. Man Fat, erklärt uns die Chefin, ist kantonesisch und heißt „vorwärts, immer weiter“. In ihrer Heimat Hong Kong sei das ein beliebter Name für Restaurants und Supermärkte. 

Für die Deutschen klang Man Fat irgendwie nach dickem Mann. Aus Man Fat wurde der Fat Man. Vor allem, so erzählt Chefin Chiufan, weil sowohl ihr Vater als auch ihr Bruder etwas beleibter waren. „Wie Buddha“, sagt sie und lacht. Bevor wir gehen, bekommen wir noch einen Pflaumenwein und den obligatorischen Glückskeks. Auf meinem steht: „Man erwartet dein Erscheinen bei einem fröhlichen Wiedersehen.“ Ein fröhliches Wiedersehen bei Man Fat, da hab ich nichts dagegen.


Fotos: © Privat / Verena Meyer

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