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Weißwurst nur bis 12 Uhr mittags? So a Schmarrn…

Es gibt so einige Legenden über München und seine kulinarischen Köstlichkeiten. Ganz bestimmt gehört dazu die Faustregel, dass man nach 12 Uhr Mittags bitte keine Weißwurscht mehr essen darf.

Weil? Weil man’s halt so macht. „Die Weißwurst darf das 12-Uhr-Läuten nicht hören“ heißt es im Volksmund. Ich sag dazu: So ein Schmarrn!

Brauchtümer können auch irrsinnig werden

Manchmal könnte man glauben, Brauchtümer leben umso länger, je unsinniger sie sind oder je mehr sie aus der Zeit gefallen sind. Regeln für’s Essen gibt es ja viele. Neben gesundheitlichen Aspekten haben sie oft historische oder religiöse Hintergründe. Bei der Weißwurscht kann man sich vielleicht denken, woher die Regel rührt. Als es noch keine Kühlschränke gab, musste man eben entweder auf natürliche Art und Weise kühlen oder Proviant einfach zeitnah vertilgen, damit es nicht ungenießbar oder gar gefährlich wurde.

Damals und heute

Nach wie vor halten einige Wirtshäuser in München an dieser Tradition fest und servieren nach 12 Uhr mittags keine Weißwürste. Das blöde daran: Wahrscheinlich werden die übrig gebliebenen Würste dann einfach am nächsten Tag serviert. Das ist grundsätzlich ja nicht so schlimm – weil Weißwürste (wie die allermeisten Lebensmittel) im Kühlschrank über Tage haltbar sind – macht die Regel aber irgendwie noch unsinniger.

Die Weißwurst wurde um circa 1850 herum in München erfunden. Damals wurde das roh in den Schweinedarm verpackte Brät vor der Auslieferung durch den Hersteller nicht weiter abgebrüht. Inzwischen ist das anders. Weißwürste kommen in der Regel vorgebrüht zu privaten und gewerblichen Abnehmern.

Einst war es also sicher sinnvoll, die Rohlinge schnell zum Kochen zu bringen und zu verzehren, bevor sie schlecht wurden. Geschenkt. Auch ist das typische Weißwurst-Frühstück natürlich auch heute noch eine super schöne Sache, die ich keinem streitig machen will und die sich bei Gelegenheiten wie dem Wiesnbesuch oder dem Frühschoppen einfach anbieten.

Oder gab’s die Weißwurst früher nur für den Pöbel?

Eine zweite schlüssige Erklärung für die Entstehung der „12-Uhr-Regel“, die regelmäßig herangezogen wird, birgt gar soziale Brisanz: So sollen die Weißwürste in Gaststätten morgens an die ärmeren Handwerker verkauft worden sein, damit sie bis mittags, wenn die zahlungskräftigeren Kunden aus dem Bürgertum in die Wirtschaften drängten, wieder verschwunden waren. Oder damit einfach generell teurere Speisen bestellt wurden. Das geht unter ökonomischen Gesichtspunkten ja auch heute noch auf, schließlich zählt die Weißwurst auf den meisten Karten eindeutig zu den günstigsten Speisen.

Wie machen das die Wirte in München?

Eine stichprobenartige Umfrage per Telefon ergibt, dass sich nur ein Teil der traditionellen Münchner Wirtshäuser an die Regel hält: nämlich etwa ein Drittel der kontaktierten Gasthäuser (manchmal sind ganz einfach schon die Öffnungszeiten außerhalb der Gebotszeit). Strikt bei der Einhaltung der Regel ist etwa das Schneider Brauhaus im Tal. Auch im Giesinger Bräustüberl wird die Regel penibel eingehalten. Ein Mittelding fährt das „Wirtshaus zum Straubinger“ – hier gibt’s die Weißwurst gnädigerweise bis 14 Uhr und ab dann nur noch den Rest der Karte. Die anderen kontaktierten Lokale boten die Weißwurst durchgehend an, sofern sie auf der Karte steht.

Mir schmeckt’s auch Abends

Vielleicht störe ich mich an dieser Regel ja auch deshalb, weil wir in meiner Familie früher jeden Samstag Abend zusammen Weißwürste gegessen haben. Ganz selbstverständlich. Erst mochte ich sie als kleines Kind nicht mal besonders, weil die Konsistenz doch gewöhnungsbedürftig war für mich. Es war eher ein Genuss, der sich mir über die Zeit hinweg erschloss, den ich aber nicht mehr missen will. Von der ach-so-wichtigen „12-Uhr-Regel“ erfuhr ich wiederum erst viel später. Wahrscheinlich von besonders ortskundigen und beflissenen Touristen oder einer unfreundlichen Bedienung. Genau weiß ich es nicht mehr.

Vielleicht bin ich also ein Sprössling von Banausen. Oder vielleicht ist die Regel einfach blöd. Aus eigener Erfahrung jedenfalls: geschmeckt hat’s auch Abends immer! Beleben wir also lieber andere bayrische Traditionen wieder, aber tragen diese stillschweigend, wohlauf und gut genährt zu Grabe. Man kann auch mit einem Kalauer resümieren: Inzwischen ist die Weißwurst einfach zu abgebrüht für die „Nur-bis-12-Uhr“-Histerie!


Foto: Tim Reckmann via CC BY 2.0

Florian Kraus

Für MUCBOOK unterwegs in der Stadt, meist wenn's um Kultur oder Politik geht.
Florian Kraus
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