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Popkultur und ihre Abgründe: „Elvis de Sade“ im Interview zu ihrer Debüt-EP

Es gibt wahrlich bessere Zeiten, um eine Debüt-EP zu veröffentlichen. Am 1. April hätten „Elvis de Sade“ eigentlich ihre Platte „Angelus Novus“ auf Münchens Bühnen gebracht. Der Termin war gebucht, die Flyer gedruckt, Vorbands eingeladen und die Platte gepresst. Doch dann kam bekanntlich Covid-19: Der Virus, dessen Namen ein bisschen klingt wie ein obskurer Synthesizer aus Japan, der aber leider zum wahren Kulturzerstörer wird. Und so reihte sich das geplante Release-Konzert der Darkwave-Combo in die lange Reihe nie stattgefundener Konzerte.

Dark Wave mit existenzialistischer Grundhaltung und zuckersüßen Melodien

Ziemlich schade. Um dem Release aber ein wenig der Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die es verdient, haben wir die vierköpfige Band kurzerhand zum Gespräch gebeten. Dabei wird schnell klar: Hinter der Collage aus Samples, Noise, technoiden Beats und verklärt-melancholischen Pop-Melodien steckt jede Menge Substanz. Wer sich der existenzialistischen Grundhaltung des Dark Wave verschreibt, der kann vielleicht gar nicht anders. Und wer Elvis mit Marquis de Sade (ein Roman-Autor und Philosoph, nach dem der Sadismus benannt wurde) verquickt, steht sowieso im Verdacht, das auch noch auf interessante Art und Weise zu machen.

Popkultur und ihre Abgründe: Im Gespräch mit Elvis de Sade

Hi ihr! Da ich mich das jedes mal frage: Wie seid ihr eigentlich auf euren Bandnamen gekommen?
Andreas: Wir wollten einen Namen, der genau das wiedergibt, was wir auch musikalisch auszudrücken versuchen: Eine Auseinandersetzung mit Popkultur und ihren Abgründen. Elvis Presley gilt uns als archetypisches Vorbild eines Popstars, während der Marquis de Sade die Schattenseiten der modernen Gesellschaft repräsentiert.

Leo: Für mich sind beide – de Sade wie Elvis – gewissermaßen Galionsfiguren der Aufklärung: und zwar für deren positive Seiten, wie auch deren Abgründe. De Sade als Schriftsteller, der zur Zeit der Französischen Revolution und dem entstehenden Bürgertum wirkte und in seinen Werken Sexualität und Rationalität eine Verbindung eingehen lässt und dadurch von beidem je die abgründigsten Seiten hervorkehrt. Und Elvis, als Archetyp der Popkultur, der ja auch durch sein schillerndes Leben die durchaus widerspruchsvollen Seiten von Kulturindustrie aufzeigt: Das schillernde, hedonistische Gefühl des Rock’n’Roll: Freiheit, Exzess, Rausch – aber eben auch Vermarktung, Propaganda und Indoktrination, Verfall und tragisches Ende.

Wie habt ihr euch eigentlich kennen gelernt? 

Andreas: Wir kennen uns alle aus politisch linken Zusammenhängen und teilweise schon seit mehreren Jahren. Das erklärt dann wohl auch, weshalb uns eine konsequente Haltung gegen Faschismus, Rassismus und Antisemitismus so wichtig ist. Leo kenne ich am längsten – und mit ihm fiel auch der Entschluss, eine Band zu gründen. Cosima und Felix haben wir erst später ins Boot geholt, als wir feststellten, zu zweit nicht in der Lage zu sein, Musik angemessen live zu performen. Mittlerweile sind wir aber zu einer Einheit zusammengewachsen. Happy End.

Im Uhrzeigersinn von oben: Felix, Cosima, Leo, Andreas

Wer oder was inspiriert euch allgemein?

Andreas: Musikalisch sind die Sisters of Mercy der wichtigste Einfluss und – was das Sampling angeht – Ministry. Allerdings haben wir auch einen deutlich poppigen Touch und sind auch von diversen Mainstream-Acts aus den 1980ern inspiriert wie Bonnie Tyler bis hin zu Eurodance-Projekten aus den 90ern wie 2Unlimited inspiriert. Wie unser Bandname schon andeutet, geht es uns um eine Auseinandersetzung mit Popmusik, deren positive und affirmative Vibes wir mit der Deprimiertheit und der vermeintlichen oder tatsächlichen Subversivität des Dark Wave konterkarieren.

Leo: Musikalisch hören wir auch sehr unterschiedliche Sachen: Neben Darkwave und Post-(Punk) und 80s Sound steh ich zum Beispiel auch sehr auf Techno, EBM, aber auch auf Funk, Soul, (Italo-Disco), Klassik oder Jazz. Neben Musik interessieren mich vor allem Kino und Theater. Ich liebe zum Beispiel den Film Noir oder alte italienische Genrefilme: Gothic Horror, Giallo, Italowestern, Poliziotteschi oder Neorealismus. Auch im Theater präferiere ich richtiges “Schauspieltheater”, also realistische oder an Brecht geschulte Inszenierungen.

„Ich bin ein Live-Mensch!“

Nach knapp drei Jahren Bandgeschichte bringt ihr jetzt eure Debüt-EP „Angelus Nouvus“ raus. Ist es eigentlich arg frustrierend, dass ihr diese nun gar nicht live performen könnt?

Leo: Ja, natürlich! Ich liebe es aufzutreten, die Interaktion zwischen uns und dem Publikum. Ich bin ein Live-Mensch! Aber die Beschränkungen müssen in diesen Zeiten sein und ich halte sie auch für sinnvoll: Aus Verantwortungsgefühl und Respekt vor der Gesundheit anderer Menschen, besonders den Älteren, Kränkeren und Schwächeren gegenüber, sollten größere Menschenmengen momentan noch nicht wieder zusammenkommen, zumindest nicht, wenn entsprechende Sicherheits- und Hygienemaßnahmen nicht eingehalten werden können.

(Anmerkung der Red.: Das Gespräch fand Ende Mai statt.)

Ihr verwendet neben Synthies, Gesang und Gitarren viele Sprachsamples in euren Songs: Haben diese Samples eine essentielle inhaltliche Bedeutung für euch oder dienen sie eher der Soundästhetik?

Sowohl als auch. Inhaltlich interagieren sie stets mit Leos Texten. “Cheerings From The Other Side” beschäftigt sich mit Walter Benjamins “Engel der Geschichte”. Also haben wir die Rede eines US-Evangelikalen gesampelt, in der dieser von Engelsvisionen spricht. Oder in “Rusty Phone” geht es um Kritik am Arbeitsfetisch. Gesampelt wurden hierfür Auszüge aus dem Hörbuch “Manifest gegen die Arbeit” der Gruppe Krisis. Wir wollen aber nicht einfach nur Samples verwenden, um damit eine zusätzliche inhaltliche Ebene zu erzeugen oder die bestehenden zu vertiefen. Ähnlich wie ein Songtext durch die Form des Gesangs integraler Bestandteil des Sounds ist, gilt es auch, Samples in die Ästhetik zu integrieren. Das, indem wir sie mit verschiedenen Effekten verfremden und verzerren oder indem wir sie dazu nutzen, die Rhythmik des Songs zu verstärken, wie mit dem Schreisample im letzten Part von “Mirror Reflection”.

„Die Szene in München ist unheimlich divers und eigentlich sehr groß.“

Wenn nicht gerade Corona ist: Habt ihr sonst genügend Gigs und Auftrittmöglichkeiten in München?

Cosima: Ich persönlich finde – entgegen vieler Klagen, dass in München musiktechnisch nichts ginge – dass wir hier tatsächlich viel Support erhalten haben. Es gibt auf jeden Fall Lücken, speziell beim Thema Festivals, aber gerade als kleine Band haben wir eigentlich sehr gute Erfahrungen gemacht. Was hier auf jeden Fall positiv auffällt, ist die dann doch eher dichte Struktur an selbstverwalteten VeranstalterInnen und Veranstaltungsorten, die wirklich bemüht sind, kleinere KünstlerInnen auftreten zu lassen und zum Teil auch ganz froh sind, wenn da nicht die xte Punk- oder Hardcorekombo vor der Tür steht.

Felix: Als ein Mitglieder einer x-ten Hardcorekombo kann ich mich Cosima anschließen. Die Szene in München ist unheimlich divers und eigentlich sehr groß. Man vergisst das, denke ich sehr häufig. Ich würde mir vielleicht mehr junge Leute auf den Shows wünschen, weil ich selbst recht jung in diese ganze DIY-Musikszene gekommen bin, über Punk und Meddel und so weiter. Aber ansonsten ist alles gar nicht so scheiße. Oder war es bis Corona. Es gibt einen Haufen Leute, die sich ein Bein ausreißen, damit irgendwo in München irgendwelche Shows stattfinden. Und meistens haben die Leute ja auch Bock zu kommen oder wenigstens genug Durst.

Was könnte besser laufen für Musiker*innen in der Stadt?
Cosima: Ich würde mir sowohl als Musikerin aber insbesondere auch als Musikfan mehr Stadtfestivals mit hochwertigeren Line-Ups wünschen. So etwas wie das Reeperbahn-Festival oder das Waves Vienna sucht man hier vergeblich. Die einzige Ausnahme ist das PULS-Indoor-Festival im Funkhaus, aber das ist ja vom Platz her sehr begrenzt und die Tickets sind jedes Mal Wochen vorher schon weg. Daneben gibt es noch einige kleinere Festivals, die aber hauptsächlich kleine regionale Acts auf die Bühne bringen, vom Theatron-Open-Air über Sound of Munich Now bis hin zum Digitalanalog. Aber hier ist für meinen Geschmack zu viel gratis – das entwertet einerseits die Musik die dort präsentiert wird, und andererseits sorgt es dafür, dass es qualitativ extrem durchwachsen sind.

Zu guter Letzte: Wo trifft man euch, wenn ihr nicht am Proben oder auf der Bühne seid?
Andreas: Gegenwärtig bei ausgedehnten Spaziergängen durch München. Viel mehr Möglichkeiten gibt es ja gerade nicht. 

Leo: Sonst betrinken wir uns in diversen Bars, bei Konzerten oder in Clubs. Oder allein zuhause. Oder studieren und/oder arbeiten.

Felix: Ich bin gern daheim und versuche Texte zu schreiben oder alleine Musik zu machen.

Danke für das Gespräch.

Verlosung: Gewinne ein Exemplar der „Angelus Novus“-EP

Etwas neugierig geworden? Wenn du ein der Exemplare der Debüt-EP auf Vinyl gewinnen willst, lass‘ uns unten einfach einen Kommentar dar. Am Montag, den 22. Juni, losen wir aus. Viel Glück! Kaufen könnt ihr die EP außerdem ab sofort auf Bandcamp oder bei Yound & Cold Records.


Bandfotos: © Saskia Eckert

Florian Kraus

Für MUCBOOK unterwegs in der Stadt, meist wenn's um Kultur oder Politik geht.
Florian Kraus
1Comment
  • Fabi H.
    Posted at 03:52h, 12 Juni

    Habe sie schon dreimal live gesehen, coole Band
    Wünsche mit auch ein gutes Stadtfestival…

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