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ENT’RACTE: in der Zwischennutzung zeigen dir 23 Jugendliche, was sie wirklich bewegt

Yeseo Choi

“Je suis nostalgique d'une vie que je n'ai pas connu”
Yeseo Choi

In den leeren Fluren des alten Siemens-Werksgelände in Giesing hat das Kunstprojekt Entr’acte sein Zuhause gefunden, zumindest vorübergehend. Am 1. Mai soll die viertägige Ausstellung losgehen. Das Konzept dahinter ist einfach: 23 junge KünstlerInnen haben es sich zur Aufgabe gemacht, ihre Ideen auf die Frage ‘Was wollen wir in unserer Gesellschaft verändern?’, in den ehemaligen Büroräumen in der St. Martin Straße künstlerisch umzusetzen.

Bei dem Kunstprojekt arbeiten nur Jugendlichen zusammen. Dementsprechend ist die Initiatorin Antonia Richter 17 Jahre alt, ebenso ihr Projektpartner Leopold Waldstein. Um mehr über den Hintergrund zu erfahren, besuche ich die beiden persönlich im Haus.

“Gebäude 5515”

Ich betrete das hintere Gebäude, das schlicht mit “Gebäude 5515” gekennzeichnet ist, und nehme den Aufzug bis in den letzten Stock. Oben angekommen, spüre ich zum ersten Mal die lebhafte Energie dieser Künstlerinitiative: Die erste Tür ist bereits von bunten Handabdrücken bedeckt, Jugendliche laufen den Gang hinunter oder springen von einem Zimmer ins andere, Musik ertönt leise von irgendwoher. Ich betrete Tona’s Zimmer und werde mit einem strahlenden Lächeln und einer warmen Umarmung von ihr begrüßt. Wir setzen uns mit Leo auf den buntbemalten Boden und sie fängt mir an zu erzählen, wie sie auf die Idee kam: Ein Besuch des Kunstlabors im abzureißenden Tengelmann-Hauptsitz war schuld.

TONA: „Ich hatte das Wunschdenken, dass es sehr spannend wäre, selber auszuprobieren, was man aus solchen Räumen machen kann. Deswegen hab ich einen Projektvorschlag geschrieben und ihn an einigen Bekannten geschickt. Aber erst nur aus Interesse, um zu wissen, ob die Idee Bestand hat. Dann hab ich schließlich über Leo’s Eltern den Kontakt zum allgemeinen Südboden hier bekommen und die haben uns die Räume zur Verfügung gestellt.“

Sie hatten großes Glück, dieses Gebäude zu bekommen, weil der allgemeine Südboden die größte Verantwortung – vor allem hinsichtlich rechtlicher Themen – übernahm und den beiden somit viel Arbeit abnahm. Trotzdem haben sie sich viele Gedanken gemacht, unter anderem, wen sie fragen würden mit ihnen die Räume zu gestalten.

“Wir haben nicht gefragt, ob sie malen können, sondern ob sie Ideen haben.”

Was war euch wichtig, als ihr euch die Leute ausgesucht habt?

LEO: „Meiner Meinung nach ging’s uns nicht darum, ob die Leute etwas vom künstlerischen her drauf haben, sondern es ging uns mehr darum, ob die Leute eine Meinung haben. Ob sie was zu sagen haben oder ob sie eine spannende Geschichte haben. Wir haben nicht gefragt, ob sie malen können, sondern ob sie Ideen haben.“

Am Anfang kannten sich viele der Teilnehmer untereinander noch gar nicht. Wie versteht ihr euch mittlerweile als Gruppe?

LEO: Man wächst so zusammen.
TONA: Es hat sich eine Kerngruppe gebildet, die sich hier viel aufgehalten haben und das ist echt verrückt, weil’s komplett unterschiedliche Leute sind, aber dadurch, dass man sich hier die ganze Zeit gesehen hat, hat sich echt eine ziemliche gute Gruppe entwickelt.
LEO: Wir verstehen uns auch wirklich.
TONA: Und man verfolgt auch gemeinsam ein Ziel.

Im Zimmer von Ines Timmich: „Gegen das schwarz-weiß-denken“ – es geht bei ihr darum, Kompromisse zu finden.

Sie haben viel über das Thema zu sagen. Ich merke an ihrer Begeisterung, dass das Projekt ihnen viel bedeutet.

“Es ging vor allem darum, dass man sich mit Sachen beschäftigt, die man in seiner kleinen Welt gern verändern würde.”

Warum habt ihr euch das Thema ‘Was wollen wir in unserer Gesellschaft verändern?’ ausgewählt?

TONA: Es ging darum, dass nicht nur diese großen Themen wie Klimawandel und Flüchtlingspolitik behandelt werden, weil es Themen sind, die uns vielleicht beschäftigen, aber nicht so nah an unserem Alltag liegen.
LEO: Man konnte es machen.
TONA: Wir wollten uns mit Themen beschäftigt, die man in seiner kleinen Welt gern verändern würde. Das klingt vielleicht nach „möchtegern“, weil’s im Grunde bei Kunst immer darum geht, was einem stört oder was man verändern will. Aber ich habe mir vorgestellt, dass es spannend ist zu sehen, was die kleinen Sachen sind, die uns stören, was man vielleicht auch gar nicht erwarten würde.
LEO: Und es war uns auch klar, dass wir nicht unbedingt was verändern werden, aber wir fanden es spannend den Erwachsenen auch zu zeigen…
TONA: …was die Sachen sind, worüber wir uns Gedanken machen.

Paulina Sepp macht sich Gedanken über die Abhängigkeit von Menschen von einander

‘Jugendliche sind nicht nur am Saufen, sondern sie denken über solche Themen nach.’

Was wollt ihr den Besuchern mit Entr’acte zeigen?

LEO: „Ich find es spannend, den Besuchern zu vermitteln, dass man nicht künstlerisch begabt sein muss oder auf der Kunstakademie gewesen sein muss, um etwas großartiges zu schaffen. Und, dass wir es vor allem als Jugendliche das schaffen können.“

Später im Gespräch greift Leo die Frage wieder auf. Ihm ist folgender Punkt offenbar sehr wichtig. Und ich denke, dass viele andere Jugendliche seine Meinung teilen würden:

LEO: „Es würde mich echt freuen, wenn die Leute mit dem Gedanken rausgehen: ‘das hätte ich nicht gedacht, dass sich Jugendliche mit solchen tieferen Themen beschäftigen’ oder ‘Jugendliche sind nicht nur am Saufen, sondern sie denken über solche Themen nach.’

“Ich finde, wenn man sich selbst liebt, kann man so viel mehr erreichen.”, sagt Nina Racic über ihr Thema self-love.

“Mein größter Traum wäre, dass das Projekt weitergeht, dass das nicht das erste Mal war, sondern dass man das noch mehrmals noch macht.”

Es ist ja sehr ungewöhnlich für junge Menschen wie ihr, ein so großes Kunstprojekt zu initiieren. Momentan sind die anderen Zwischennutzungen in München entweder von großen Verlagen oder erwachsenen Künstlergruppen organisiert worden. Welche Bedeutung hat es für Entr’acte, dass ihr so jung seid?

TONA: „Ich glaube, dass das Besondere an uns ist, dass wir noch keine Erfahrung haben. Wir haben auch nicht unbedingt den Anspruch, dass wir etwas völlig neues machen müssen. Unser größter Traum wäre wohl, dass das Projekt noch weitergeht.“

Da ist sich auch Leo ganz sicher.

Natürlich haben die jungen Künstler auch den üblichen Schwierigkeiten, wie das Geldmanagement für die Materialien, aber Tona und Leo bleiben optimistisch und erzählen, dass sie nichtsdestotrotz auf einem guten Weg sind. (Wenn du sie bei ihrer Kickstarter-Kampagne unterstützen willst, schau hier mal rein.)

Entr’acte ist französisch für “Zwischen den Akten”. So bezeichnet man die Musik, die in einem Schauspiel zwischen zwei Akten gespielt wird. Ebenso ist das Kunstprojekt eine Zwischennutzung nach alter und vor neuer Nutzung. Aber es ist auch mehr als das: Für die Jugendlichen selbst ist Entr’acte ein Intermezzo zwischen Schule und Alltag. Eine Pause von der Routine. Letztlich sind sie noch Schüler und keine beruflichen Künstler. Sieben Wochen lang hatten 23 Jugendliche freien Spielraum, ihre Ideen in den faden Büroräumen des Siemens-Betriebsgelände zum Ausdruck zu bringen.

Hast du Interesse daran, was die jungen Köpfe Münchens über die Gesellschaft zu sagen haben? Dann schau am 1. Mai an der St.-Martin-Straße vorbei.


In aller Kürze:
Was? Zwischennutzung “Entr’acte”
Wo? Altes Siemensgebäude an der
St.-Martin-Straße 76

Wann? 1.Mai 15.00 – 20:30, 2.Mai &
3.Mai 17:00 – 20:30, 4.Mai 12:00 – 16:00

Mehr Infos auf der Website: https://www.entracte.de

 

Fotos: © Yeseo Choi, Text: Yeseo Choi, ehemalige MUCBOOK- Schülerpraktikantin.
Beitragsbild: Leopold Waldstein und Antonia Richter von © Antonius Waldstein.

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