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„Es geht darum für seine Kunst den Arsch zu riskieren“ – Der Urban-Art-Künstler Patrick Hartl im Gespräch

Katrin Schultze-Naumburg

Katrin Schultze-Naumburg

Münchner Kindl durch und durch - aber bitte ohne Schickimicki. Kuchen, Musik und ein gutes Buch machen mich glücklich. Verreise immer gerne und komme noch lieber nach Hause. Zu finden meistens an der Isar, in meiner WG-Küche oder in der Neuen Pinakothek.
Katrin Schultze-Naumburg

Graffiti und München – das sind zwei Begriffe, die man nicht unbedingt zusammen bringt. Mit ihrer immer-sauberen Fassade und dem manchmal schon dörflichen Flair, gibt es in unserer Stadt wenig Raum für urbane Kunst. Seit letztem Jahr bietet das neu eröffnete MUCA Urban-Art-Künstlern zumindest eine museale Plattform. Die aktuelle Ausstellung „The Art of Writing“ zeigt sieben Künstler, die in ihrer Kunst Graffiti und Kalligraphie verbinden – auch „Calligraffiti“ genannt.

Einer von ihnen ist der Münchner Künstler und Autor Patrick Hartl. Zusammen mit seinem Freund und Kollegen Christian Hundertmark (unser Mucbook-Designer!) hat er passend zur Ausstellung vor wenigen Wochen ein neues Buch veröffentlicht. In „The Art of Writing your Name“ stellen die beiden 34 Urban-Calligraphy-Künstler vor. Im Gespräch verrät Patrick Hartl, wieso der eigene Name so wichtig ist, ob Urban Art ins Museum gehört und wieso er Graffiti in München mit Kuhkäffern verbindet.

Der Titel eures neuen Buches ist „The Art of Writing Your Name“. Eine der Fragen an jeden Künstler war, ob er in seinen Arbeiten noch immer seinen Namen schreibt. Wieso steht ausgerechnet der Name so im Mittelpunkt?

Patrick: Das hat bestimmt für jeden Künstler in unserem Buch eine andere Bedeutung. Das Thema „Kalligraphie“ an sich eröffnet ein sehr großes Feld an Künstlern und Stilen, darum mussten wir einen sehr starken Fokus auswählen. Meine eigenen künstlerischen Wurzeln liegen im klassischen Graffiti. Da ging es ja wirklich darum, dass du deinen Namen schreibst, immer wieder, möglichst oft und möglichst auffällig. So lange, bis sich das in den Köpfen der Menschen hält und sie ihn auch wiedererkennen. Früher bin ich raus gegangen und habe meinen Namen irgendwo illegal hingeschrieben, auf Züge oder Wände. Dafür bin ich jetzt zu alt und zu faul, irgendetwas ändert sich halt auch im Leben. Heute bin ich in Galerien oder auf Festivals oder male irgendwo legal Wände an, aber auch da verteile ich meinen Namen ja weiter. Was sich vielleicht wirklich ändert ist, dass nicht mehr die Lesbarkeit vom Namen im Vordergrund steht, sondern dass vor allem der Stil des Künstlers wiedererkannt wird.

Geht es bei dem Verteilen des eigenen Namens auch darum, als Individuum in einer Großstadt wahrgenommen zu werden?

Ja, klar. Graffiti ist eine Jugendkultur und als Jugendlicher reizt dich das Illegale. Und wie du schon sagst, man will wahrgenommen werden in dieser ganzen Flut an Dingen und der Anonymität. Das ist mit Sicherheit bei den meisten der erste Beweggrund. Aber in den letzten dreißig Jahren hat sich Graffiti und die Szene drum herum wieder verändert. Deshalb würde ich das heute nicht mehr jedem automatisch auf die Flagge schreiben.

In deinen Werken kann man oft gar nichts mehr lesen, dein Name löst sich richtiggehend auf. Hat das auch damit zu tun, dass er inzwischen auf einer Plakette daneben steht?

Das würde ich gar nicht sagen, soweit denke ich beim Machen der Bilder eigentlich nicht. Mir macht dieses Rumexperimentieren total Spaß. Ich bin generell kein Künstler, der vorher einen Plan macht oder weiß, wie das Ding am Ende aussehen soll. Ich arbeite einfach gerne mit Buchstaben, auch wenn das dann nachher nicht mehr lesbar ist. Und irgendwas muss ich ja sowieso nehmen. Viele Kollegen schreiben dann zum Beispiel Songtexte oder so etwas in der Art, was natürlich total legitim ist. Aber ich muss beim Schreiben zum Beispiel aufpassen, dass ich mich währenddessen nicht verschreibe. Ich achte so auf jeden einzelnen Buchstaben, ja sogar auf den einzelnen Schwung – je weniger ich dabei nachdenken muss, umso besser.

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Patrick Hartl (rechts im Bild) und der Künstler Said Dokins mit dem Buch „The Art of Writing Your Name“

War euch bei der Auswahl der Künstler wichtig, dass sie irgendwann mal illegal auf der Straße unterwegs waren?

Ja, auf jeden Fall. Das große Schlagwort bei dem Thema, um das sich unser Buch dreht, ist momentan „Calligraffiti“. Das ist gerade auch eine super trendy Bewegung in der Urban Art-Szene. Wir haben das in unserem Buch aber ganz bewusst nicht so genannt. Mir fällt dabei nämlich immer wieder auf, dass sich einige Künstler den Begriff auf den Zettel schreiben, die aber eigentlich nur Kalligraphie in groß machen. Zur Graffitiszene haben die überhaupt keinen Bezug und ich bilde mir ein, dass man den Unterschied in den Bildern auch sehen kann. Christian und ich wollten daher mit dem Buch zeigen, dass die Wurzeln des Ganzen im Illegalen und Graffiti liegen. Zwar hat das natürlich auch mit Kalligraphie zu tun, aber da steht zusätzlich ein ganzer Lifestyle und eine Haltung mit dahinter. Da geht es darum, ob jemand für seine Kunst – auf gut Deutsch gesagt – seinen Arsch riskiert hat. Für eine Japanische Künstlerin haben wir allerdings eine Ausnahme gemacht – die Gesetze dort sind ziemlich hart und kulturell bedingt würde sie als Frau mit illegalen Aktionen nochmal mehr Aufsehen erregen.

Vermisst du es manchmal, auf der Straße zu malen?

Eigentlich nicht. Es sind dir ziemliche Grenzen gesetzt, was du nachts draußen an einer S-Bahn überhaupt machen kannst. Irgendwann habe ich einfach gemerkt, dass ich handwerklich auf einem Level bin, das sich illegal nicht mehr umsetzen lässt. Sogar wenn ich inzwischen legal eine Fassade im Freien mache, fühle ich mich schon ein bisschen eingeschränkt. Ich genieße es total, ohne Druck im Studio zu arbeiten, wo ich alles da habe. Und man muss ja auch nicht sein Leben lang einer Jugendrevolution hinterher laufen. Natürlich gibt es noch genug Künstler, die nach wie vor illegal malen und sowas dann auch kritisieren. Ob zu recht, das bleibt dahin gestellt, aber ich bin glücklich damit.

Du hast es gerade selbst angesprochen: Es wird oft kritisiert, wenn Streetart-Künstler ins Museum wandern. Wie stehst du zu dieser Kritik?

Das sind für mich einfach komplett verschiedene Welten. Ich glaube, dass viele beim Thema einfach dicht machen, weil sie Angst haben sich ihr letztes Stück vom Kuchen auch noch wegnehmen lassen zu müssen. Versteh mich nicht falsch, ich habe den höchsten Respekt vor denen, die noch illegal malen. Aber man sieht ja, dass es vielen Künstlern inzwischen so geht wie mir und die Entscheidung liegt ja letzten Endes bei einem selbst. Und solange es genügend Künstler gibt, die eine Ausstellung mittragen, muss man die dann auch nicht verteufeln. Ein gutes Beispiel ist die aktuelle Ausstellung Magic City, da kochen die Gemüter ja am höchsten – was ich verstehen kann. Ich habe da auch einige Sachen gesehen, die ich mit dieser Welt, in der ich mich bewege, überhaupt nicht in Verbindung bringe. Andererseits erreicht man auf diese Weise auf einmal ein ganz anderes Publikum – sogar meine Mama wollte zum ersten mal Karten dafür haben. Lustig finde ich in dem Kontext ja immer, dass vor zwanzig, dreißig Jahren alle ins Museum wollten, um zu zeigen, dass das auch eine Kunstform ist. Jetzt ist es soweit und alle finden es wieder schlecht. Für mich ist das eine Diskussion, die ganz viel Energie frisst, die anders besser investiert wäre.

Hast du das Gefühl, dass Ausstellungen wie „Magic City“ oder Einrichtungen wie das MUCA die Akzeptanz für die eigentliche Straßenkunst erhöht?

Ja, mit Sicherheit. Wobei immer noch dieser Widerspruch bleibt, dass die Kunst nur gefällt, solange sie nicht auf dem eigenen Besitz ist. Es geht vor allem auch darum, die Entscheidung darüber nicht dem Künstler zu überlassen, der dann nachts einfach deinen Gartenzaun anmalt. Selbst wenn das Leute sind, die sich das Ding vielleicht auf Leinwand ins Wohnzimmer hängen würden, auf der Hauswand wollen sie es dann doch nicht haben. Das hat halt mit Wert und Besitztümern zu tun.

Du bist ja Münchner – hat die Stadt Einfluss auf Dich und Deine Arbeit?

Lustig, das werde ich immer wieder gefragt. Nein, das ist für mich tatsächlich völlig egal. Also, klar, ich komme aus der Münchner Graffiti-Szene, aber da kann ich mich mittlerweile nicht mehr groß mit identifizieren. München ist auch einfach eine kleine Stadt, wir sind irgendwie das Gallische Dorf im Römisch besetzten Gebiet, international nicht von großer Bedeutung. Hier bin ich aufgewachsen und hier sind meine Freunde, deswegen bleibe ich gerne. Aber wenn ich morgen in eine andere Stadt ziehen würde, würde sich an meiner Kunst nichts ändern.

Die Frage kommt wahrscheinlich auch deswegen immer wieder, weil man bei urbaner Kunst irgendwie erwartet, dass die Stadt, in der du lebst, auch Einfluss auf dich nimmt.

Na ja, ich habe eigentlich immer nur ganz klassisch S-Bahnen angemalt. Und in München passiert das in den letzten Vororten und den S-Bahn-Endstationen. Graffiti in München verbinde ich darum eher damit, irgendwo übern Acker zu laufen und sich in Kuhkäffern zwei Stunden um die Ohren zu schlagen, bis die erste S-Bahn fährt. Also nicht wirklich „urban“. In München gibt es ja auch nicht viel Streetart. Wenn ich in Hamburg durchs Schanzenviertel gehe, finde ich an einer Straßenecke, was in München in der ganzen Stadt verteilt ist. Von dem her ist es hier eigentlich wenig inspirierend für mich, das habe ich bisher aber weder als Vor- noch als Nachteil wahrgenommen. „Writing my name“…das ist ja was persönliches, allein mein Ding, losgelöst vom Umfeld.

Said Dokins Munich Mural

Vor dem MUCA entsteht das größte Mural Münchens von Said Dokins

Hast du jemals überlegt wegzuziehen?

Immer wieder mal, ja. Aber das einzige Land, von dem ich ein riesiger Fan bin, ist Japan. Da möchte ich aber nicht leben, weil du da wahrscheinlich für immer „der Fremde“ bist. Du bist hier in München natürlich schon sehr eingeschränkt. Durch Magic City sind das erste mal seit Jahren mal wieder renommierte Künstler in die Stadt gekommen, von selbst kommt hier sonst halt keiner vorbei. Aber dadurch, dass ich inzwischen international ausstelle, komme ich ja auch viel rum. Ich empfinde München inzwischen auch als den sicheren Hafen zum Runterkommen und Arbeiten. Die Action passiert dann halt woanders.

Das Buch und die Ausstellung passen ja wirklich ausgezeichnet zusammen. Du bist als Autor und Künstler dabei – war das so geplant oder reiner Zufall?

Das ist wirklich zufällig passiert. Die Verantwortlichen vom MUCA haben uns erst einen Monat bevor das Buch raus kam darauf angesprochen. Es ist echt super, dass sich das jetzt noch so ergeben hat. Wenn wir die Möglichkeit gehabt hätten, eine Release-Show auf die Beine zu stellen, hätten wir es wahrscheinlich ähnlich kuratiert wie die Ausstellung hier. Am interessantesten finde ich aber die Wand draußen. Die macht Said Dokins, ein Mexikanischer Künstler, der so etwas wie der dritte Autor von unserem Buch war und auch als Künstler dort vertreten ist. Dass er auch noch hier sein kann, finde ich super.

Vielen Dank für das spannende Gespräch! 


Die Ausstellung „The Art of Writing“ ist noch bis zum 31. August im MUCA zu sehen. 

Das Buch „The Art of Writing Your Name“ von Patrick Hartl und Christian Hundertmark ist im Publikat Verlag erschienen. Kaufen könnt ihr es online oder direkt im MUCA.  

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