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O’grapscht is! Freifahrtschein Bierzelt?

Katrin Schultze-Naumburg

Münchner Kindl durch und durch - aber bitte ohne Schickimicki. Kuchen, Musik und ein gutes Buch machen mich glücklich. Verreise immer gerne und komme noch lieber nach Hause. Zu finden meistens an der Isar, in meiner WG-Küche oder in der Neuen Pinakothek.
Katrin Schultze-Naumburg

Der schnelle Griff unter den Rock, eine fremde Hand auf dem Po oder ein „zufälliges“ Streifen der Brust – solche Zudringlichkeiten auf einem Wiesnbesuch kennt so gut wie jede Frau. Angenehm findet das keine.

Wie ich mich als Frau in so einer Situation fühle, scheint dabei leider nicht zu interessieren. Denn noch immer ist das Bierzelt in den Augen vieler Leute eine Art freie Zone, in der sexuelle Übergriffe normal sind. Das kann nicht sein, sagt die Aktion Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen und ermutigt Wiesnbesucherinnen dazu, sich gegen Grenzverletzungen zur Wehr zu setzen.

Nein heißt nein! – Jetzt auch vor dem Gesetz

Anbandeln gehört für viele zu einem Besuch auf der Wiesn. Flirten macht ja schließlich Spaß und das Bier lässt die Hemmschwelle sinken. Doch was, wenn die gerade noch so fröhliche Stimmung kippt? Aus einem „harmlosen“ Flirt kann es zu Annäherungen kommen, die mir dann doch zu weit gehen. Ein „Nein“ wird dann oft nur widerwillig oder manchmal auch gar nicht akzeptiert.

Eine weit verbreitete Unsitte ist es auch, Wiesnbesucherinnen im Vorbeigehen unter den Rock, zwischen die Beine oder ins Dekoletté zu greifen. Sich vor solch überraschenden Übergriffen im Vorfeld zu wappnen, ist so gut wie unmöglich.

Was kann ich also tun, wenn ich in eine derart unangenehme Situation gerate?

Noch bis vor Kurzem bot die gesetzliche Lage Frauen in solchen Situationen wenig Unterstützung. Im November 2016 gab es jedoch eine Reform des Sexualstrafrechts. Der Satz „Nein heißt nein“ ist dort nun fest verankert und gilt nicht nur für Vergewaltigungen, sondern auch für sexuelle Belästigung und Übergriffe. Dazu zählen auch vom Opfer ungewollte Berührungen im Intimbereich, die nach neuem Recht zur Anzeige gebracht werden können.

Anja Bawidamann Aktion Sichere Wiesn

Anja Bawidamann von der Aktion Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen.

 Je größer die Masse, desto mehr Menschen schauen weg

Das Recht wäre theoretisch also auf meiner Seite. Wenn ich wollte, könnte ich unverschämte Grapscher anzeigen. Ob ich das will, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Schließlich bin auch ich auf der Wiesn, um einfach nur Spaß zu haben. Einen betrunkenen Lederhosenträger gleich dem Richter vorzuführen, ist da vielleicht nicht mein erstes Mittel der Wahl.

„Wir wissen, dass auf Volksfesten eine stark sexualisierte Atmosphäre herrscht“, meint dazu Anja Bawidaman, Mitglied des Oragnisationsteams Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen. „Darum besteht ein großer Teil unserer Arbeit auch in der Prävention.“ So gibt die Aktion jährlich Tipps für einen sicheren Wiesnbesuch heraus.

„Wenn man sich in einer Situation unwohl oder bedrängt fühlt, kann es helfen andere Personen gezielt anzusprechen“, rät Anja Bawidamann. „Denn leider zeigt die Erfahrung, dass weniger Menschen von sich aus helfen, je größer die Masse ist.“ Man kann auch jederzeit die Securities oder Bedienungen zu Hilfe rufen.

Das gilt auch, wenn man eine Situation von außen beobachtet, in der nicht klar ist, ob diese von beiden Seiten gleichermaßen gewollt ist. Erfahrungsgemäß werden besonders häufig Personen aus dem näheren Umfeld übergriffig. Bei einem Kollegen oder dem Bruder der besten Freundin fällt es einer betroffenen Frau dann besonders schwer, sich aktiv zu wehren. Da kann es helfen nachzufragen oder die Securities darauf aufmerksam zu machen.

„Was zählt, ist dein Gefühl.“

Anja Bawidamann meint weiter, dass es vielen Frauen auch unangenehm sei, einen Rückzieher zu machen. Besonders wenn der Übergriffige im Vorfeld eine Maß ausgegeben hat, fühlen sie sich häufig zu mehr verpflichtet. Oft seien sie auch verunsichert, ob sie zu empfindlich reagiert oder die Situation falsch verstanden haben. „Am Ende zählt aber das Gefühl“, stellt die Sichere Wiesn-Mitarbeiterin klar. „Egal ob im Bierzelt oder auf dem Heimweg. Wenn du dich unsicher fühlst, hast du jederzeit das Recht Hilfe zu holen. Notfalls kannst du immer die 110 wählen.

Ebenso ist der Security Point hinter dem Hackerzelt eine inzwischen fest etablierte Anlaufstelle. Seit 15 Jahren betreuen die Mitarbeiterinnen der Sicheren Wiesn dort täglich bis zu 30 Wiesnbesucherinnen. Doch nicht nur Frauen, die einen Übergriff erleben mussten, finden dort Hilfe. Die Gründe, aus denen Frauen sich unsicher fühlen, sind vielfältig: den Geldbeutel oder die Freunde verloren, die Hoteladresse vergessen, nicht zurück ins Zelt gekommen. Geholfen werden kann dann mit Wechselkleidung, Taxigutscheinen oder Internetrecherche. Die Helferinnen am Security Point sind inzwischen für beinahe jedes Problem gewappnet.

„Eine Frau sollte nackt über die Wiesn laufen können“

Für den Ernstfall bietet die Sichere Wiesn also eine gute und wichtige Anlaufstelle. Die Aktion sieht darüber hinaus aber noch einen wichtigen gesellschaftlichen Auftrag. Auffällig ist nämlich, dass die Verantwortung für die eigene Sicherheit scheinbar allein bei den Frauen liegt.

Den Satz „Ja mei, auf der Wiesn ist das halt so, das weiß man ja vorher“, habe ich selbst von den unterschiedlichsten Frauen schon hundertfach gehört. Ebenso wie die Aussage, dass das Bier schuld sei. Oder man sich bei den sexy Outfits ja auch nicht wundern dürfe, wenn ein Mann sich da nicht mehr beherrschen könne. Wenn eine Frau belästigt wird, sucht man die Schuld also bei ihr. Auf die Idee, Männern zu sagen, dass sie halt weniger trinken sollen, wenn sie sich sonst nicht mehr im Griff haben, kommt auf der Wiesn natürlich keiner.

„Eine Frau sollte vollkommen nackt und betrunken über das Oktoberfest laufen können, ohne dass ihr etwas passiert“, lautet eines der Statements der Sicheren Wiesn. Es ist auch ein weit verbreiteter Irrglaube, dass aufreizende Kleidung sexuelle Gewalt begünstigt. Die Erfahrung zeigt nämlich, dass es für übergriffige Täter keinen Unterschied macht, was eine Frau trägt. Anstatt also Frauen zu erzählen, sie seien selbst schuld, wenn sie belästigt werden, sollte man endlich anfangen die Gesellschaft im Ganzen zur Verantwortung zu ziehen.

Nein, die Wiesn ist kein Freifahrtschein

Die große Bereitschaft, mit der sexuelle Übergriffe auf Volksfesten (das gilt natürlich nicht nur für das Oktoberfest) bagatellisiert werden, ist erschreckend. Die meisten Frauen sind der Ansicht das aushalten zu müssen, wenn sie zum Feiern ins Bierzelt gehen wollen. Heißt das dann aber im Umkehrschluss, dass ich zuhause bleiben muss, wenn ich einen Abend ohne sexuelle Belästigung verleben möchte?

Das kann und will ich im 21. Jahrhundert so nicht hinnehmen. Wir führen öffentliche Debatten über Frauenquoten und geschlechtliche Gleichstellung, während der Klaps auf den Po im Bierzelt mit einem Augenzwinkern weggewischt wird. Das empfinde ich als Frau – gelinde gesagt – befremdlich. Und zeigt, dass es bis zu einer gleichberechtigten Gesellschaft noch immer ein langer Weg ist.

Die Reform des Sexualstraftrechts ist dabei ein Schritt in die richtige Richtung. Vor allem bestärkt es Frauen darin, sich für die eigenen Grenzen einzusetzen und nimmt Männer in die Verantwortung. Schön wäre es, wenn dafür irgendwann kein Richter mehr notwendig wäre.


Infos in aller Kürze

Wer?  Aktion „Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen
Wo? Auf dem Oktoberfest hinter dem Hackerzelt im Servicezentrum neben dem Roten Kreuz
Was? Hilfe für Frauen in allen Notlagen
Tipps als Flyer, im Netz oder als App


Beitragsbild: Sebastian Gabriel

Bild: Katrin Schultze-Naumburg

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