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“Eine Hommage an die Phantasie” – Pierre Jarawan präsentiert seinen Debütroman

Juliane Becker

Mit Worten umgehen kann er auf jeden Fall: Pierre Jarawan wurde 2012 Internationaler Deutschsprachiger Meister im Poetry Slam und gehört nicht erst seitdem zu den renommiertesten Slammern Deutschlands. Der Sohn eines Libanesen und einer Deutschen wurde in Jordanien geboren und hat mit 13 Jahren sein erstes Gedicht verfasst – und seine Leidenschaft für Geschichten seither nicht verloren. Heute erscheint sein Romandebüt Am Ende bleiben die Zedern, für das er das Literaturstipendium der Stadt München erhielt. Im Mittelpunkt der Erzählung steht Samir, dessen Eltern kurz vor seiner Geburt aus dem Libanon nach Deutschland geflohen sind. Als sein geliebter Vater spurlos verschwindet, ist Samir acht. Jetzt, zwanzig Jahre später, macht er sich auf in das Land der Zedern, um das Rätsel dieses Verschwindens zu lösen. Auf 440 Seiten erzählt Pierre Jarawan von einer Suche nach den eigenen Wurzeln – wir haben den Autor zum Interview getroffen.


War es schon immer dein Plan, ein Buch zu veröffentlichen?

Es war schon immer ein Traum. Aber erst jetzt habe ich mich auch schriftstellerisch dafür bereit gefühlt. Das ist für mich einfach künstlerisch der nächste Schritt. Ich schreibe ja schon sehr sehr lange – den größten Teil davon für die Bühne – und jetzt wollte ich mich an eine große Geschichte wagen. Dafür braucht es natürlich auch ein größeres Format. Wobei ich weniger den Wunsch hatte, einen Roman zu schreiben, als diese spezielle Geschichte zu erzählen.

Warum ist dir diese besondere Geschichte so wichtig?

Ich wollte die Lebensverhältnisse dieser zweiten Einwanderergeneration darstellen – die jungen Menschen, die jetzt in unserem Alter sind, die in Deutschland geboren wurden und die nicht die Wahl hatten, aus freien Stücken herzukommen. Ihre Eltern haben sich dafür entschieden, nach Deutschland zu kommen und sie wachsen hier auf, hören aber gleichzeitig in den Erzählungen ihrer Eltern von einer anderen Heimat, die sie nie kennengelernt haben. Deshalb habe ich Samir als Hauptperson gewählt: er verkörpert diesen Konflikt perfekt. Seine Mutter ist bereit, Deutschland als neue Heimat anzunehmen, während sein Vater ihm vom Libanon als wahre Heimat vorschwärmt. Das führt natürlich zu erheblichen Problemen.

War es beabsichtigt, diesen Roman genau jetzt zu veröffentlichen, wo viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen? Diese Thematik klingt durchaus an.

Wirklichkeit und Zeit haben den Roman eingeholt. Als ich vor zweieinhalb Jahren angefangen habe, das Buch zu schreiben, gab es noch nicht mal Pegida. Insofern passt das gut ins Heute – wobei man den Roman nicht auf die Flüchtlingsthematik reduzieren sollte. Es ist in erster Linie eine Familiengeschichte und für mich darüber hinaus eine Hommage an Phantasie und die Bedeutung von Geschichten für unser Leben.

pierrezedern

In „Am Ende bleiben die Zedern“ spielt die Beziehung von Samir zu seinem Vater und dessen Leben im Libanon eine wichtige Rolle – da drängt sich natürlich die Frage auf, wie viel von deiner eigenen Familiengeschichte in diesem Roman steckt.

Es ist tatsächlich nicht so autobiographisch, wie man denken könnte. Es gibt einige emotionale Parallelen. Zum Beispiel den Wunsch, den Libanon als Land fassbar zu machen. Die Geschichte dieses Landes ist, zumindest hier in Deutschland, nicht wirklich bekannt, es ist auch in der deutschsprachigen Literatur kaum präsent. Der Libanon hat mich in seiner Widersprüchlichkeit und seiner tragischen Geschichte schon immer fasziniert und ich habe immer gewusst, dass ich irgendwann eine Geschichte erzählen möchte, die mit diesem Land, in dem ich auch viele Verwandte habe, verbunden ist.

Du bist auch nach Beirut gereist – welche Eindrücke konntest du dort mitnehmen?

Ich war drei Wochen lang da und habe vor allem erlebt, was man schon erwarten konnte: es leben dort im Moment extrem viele syrische Flüchtlinge. Das sieht man auch. Aber gleichzeitig erlebt man auch die libanesische Lebensfreude: Die Libanesen feiern aufgrund ihrer Geschichte jeden Tag so, als wäre es ihr letzter. Da kann jeden Tag irgendetwas explodieren, damit leben sie ganz anders als wir. Jemand hat gesagt: wenn in Paris eine Bombe hochgeht, ist das Land drei Monate lang gelähmt; im Libanon geht es danach einfach weiter.

Woher hast du, neben deiner Libanon-Reise, die Inspiration für das Buch genommen?

Vor allem aus Erinnerungen, wie ich aufgewachsen bin. Meine Eltern sind damals ja aus dem Libanon geflohen. Sie mussten zwar nie mit dem Boot über das Mittelmeer schippern – meine Mutter ist Deutsche und konnte deshalb ganz normal einreisen – aber dadurch habe ich von Anfang an die deutsche und die libanesische Kultur mitbekommen. Ich bin zweisprachig aufgewachsen, war immer von Deutschen und von Libanesen umgeben und habe so beide Seiten kennengelernt. Ich habe versucht, dieses Lebensgefühl in Worte zu fassen.

Und was sagt dein eigener Vater über deinen Roman?

Er liest ihn gerade. Ich glaube, es gefällt ihm ganz gut.


Pierre Jarawan: Am Ende bleiben die Zedern, 440 Seiten, gebunden, € 22,oo


Bildquelle: Titelbild (c) Key Munich, Pierre Jarawan via Facebook

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