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Flohzirkus im Volkstheater zur Premiere des Sargnagel-Stücks „Am Wiesnrand“

Stefanie Sargnagel und die Wiesn, das ist eigentlich eine Rechnung, die aufgehen müsste, könnte man denken. Drei aufeinander folgende Tage verbrachte die Baskenmützen-Stilikone und Bachmann-Preisträgerin letztes Jahr auf dem Oktoberfest. Eine Recherche der anderen Art: aus dem Text ihrer Impressionen entstand das nun von Christina Tscharyiski inszenierte Stück „Am Wiesnrand“. Es ist die zweite Zusammenarbeit der beiden nach „JA, EH! Beisl, Bier und Bachmannpreis“ (2018, Wiener Rabenhoftheater).

„Immer nur blablabla“ – Beobachtungen vom Wiesnrand

Den Anfang im komplett gefüllten Volkstheater macht am Donnerstagabend aber erst mal die Band Euroteuro, die musikalisch immer wieder durch den Abend führt. Das Wiener Fast-One-Hit-Wonder (ja, die mit dem Autogrill) eröffnet mit einem Song, der irgendwo zwischen Wiesnzelt, Trash und dem bandeigenen Neo-NDW-Sound liegt. Damit liegt der Ball im Feld: Und die Schauspieler aus dem Volkstheater-Ensemble betreten die Bühne als Flöhe verkleidet, aber eher an Aliens gemahnend.

Das Format des Theaterstücks ist dann eigentlich schnell umrissen: hektisch und im steten Wechsel intonieren die Schauspieler*innen den Text von Sargnagel, der nur grob so etwas wie eine Handlung erkennen lässt – nämlich die Suche nach ihrem persönlichen Wiesn-Traumprinzen (neben dem Vollrausch wohl das Wiesn-Versprechen schlechthin). Das muss als narrativer Rahmen herhalten. Darüber hinaus nimmt uns Sargnagel mit in ihr sprunghaftes Wiesn-Kopfkino. Dazu purzeln, poltern und wuseln die Wiesnflöhe über die eindrucksvolle Kulisse: ein riesiger, überlebensgroßer Bierbauch.

© Arno Declair

„Die Bayern sind wie Turboösterreicher, ohne Selbstmitleid und slawische Schwermut“

Der Text an sich ist stellenweise großartig, Sargnagels Beobachtungsgabe bestechend und pointiert, das Thema scheint ihr eigentlich auf den Leib geschnitten. Nur sträubt er sich, als konventioneller Theatertext zu funktionieren. So bleibt das Stück auch eine Ansammlung witziger Boebachtungen und skurriler Szenen, die wechselseitig vom Ensemble geschildert werden. Der Humor ist vor allem dann originell, wenn er sich ins Groteske zieht und auf allzu naheliegende Seitenhiebe verzichtet.

Karneval der Primitivitäten

Neue Erkenntnisse gewinnt man durch den Blick der Österreicherin auf die Wiesn aber kaum. Die Wiesn muss als Karneval der Primitivitäten und als Trachtenfasching eigentlich nicht überführt werden – das liegt auf der Hand. Wenn von muskulösen Küssen, übereifrigen Jungpolizisten („Sie durften heute ihren ersten Ausländer verhaften“) und Rappern in Lederhosn berichtet wird, ist das aber trotzdem lustig.

© Arno Declair

Das Fazit

Ironisch und hyperventilierend performte Wiesnhits, eine Kollektivdarstellung von Sargnagels Textfragmenten und eine Handvoll Eigenkompositionen von Euroteuro: Das Stück erinnert manchmal mehr an ein Musical als an Theater. Was nicht weiter schlimm sein müsste, aber selten wirklich mehr ergibt, als die Summe der einzelnen Teile.

„Am Wiesnrand“ oszilliert zwischen Hommage und Persiflage, zwischen Abscheu und Bewunderung des größten Massenbesäufnisses der Welt. Eine pralle Aphorismensammlung und viele witzige, eloquente Beobachtungen machen aber leider noch kein gutes Theaterstück. So fehlt die zwingende Idee oder Pointe, die aus „Am Wiesnrand“ mehr machen könnte als eine schauspielerische und musikalische Untermalung der kurzen Gedankenskizzen von Sargnagel. Dramaturgie: Fehlanzeige.

Das war vermutlich erwartbar, aber das Ensemble schafft es auch nicht, mit dem Sargnagel-Sound wirklich in Resonanz zu treten. So geht die, bei aller Eloquenz, stets auch präsente gelassene und lakonische Verschmitztheit ihrer Textsammlungen komplett unter im hektischen Flohzirkus – was andererseits zumindest dem Wiesn-Betrieb szenisch gerecht wird. Spaß hat der Abend aber trotzdem gemacht, weshalb sich ein Besuch zumindest für Fans und Gönner*innen durchaus lohnt.


Fotos: Arno Declair

Die nächsten Termine findest du hier.

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