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„Ich will in keiner Fantasiesprache schreiben“ – Ein nüchternes Gespräch mit Stefanie Sargnagel

Stefanie Witterauf

Stefi ist eine junge Journalistin aus München. Sie liebt Neologismen, Dadaismus und Kaffee. Den trinkt sie am liebsten auf Reisen. Bevor sie dreißig Jahre alt wird, möchte sie alle europäischen Hauptstädte gesehen haben.

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Stefanie Witterauf

Stefanie Sargnagel – eigentlich Stefanie Sprengnagel – wurde vom SZ-Magazin zur lustigsten Frau Österreichs ernannt. Die 32-Jährige hat in Wien in der Richter-Klasse Kunst studiert. Ihre Spielwiese ist primär das Internet. Seitdem sie vor zwei Jahren den Ingeborg-Bachmann-Publikumspreis gewann, findet man sie auch im Feuilleton großer Zeitungen.

Mit kurzen Anekdoten und selbstgemalten Cartoons füttert sie ihren Facebook-Account. Ihren Posts über Alltägliches und Absurdes gibt die feministische Schriftstellerin eine Komik, die manchmal das Vulgäre schrubbt. Und fantastisch basht sie eigentlich alles, was Menschen so machen. Oder eben auch nicht. 

Ihr viertes Buch heißt schlicht „Statusmeldungen“ und ist wie die Vorgänger eine Art Aphorismensammlung auf dreihundert Seiten. Wer die Meldungen von Stefanie Sargnagel nicht kennt, der sollte das schnell nachholen und lesen. Oder noch besser – sie sich von der Künstlerin selbst mit Wiener Dialekt anhören (das Hörbuch gibt es z.B. auf Spotify).

Mucbook: Was sind die nervigsten Interviewfragen an dich?

Stefanie Sargnagel: Es wiederholen sich viele Themen, weil es sich natürlich auch anbietet. Und es gibt generell viele Themen, da habe ich wenig zu sagen. Das sind so Sachen, wie wenn ich zu meinem Hut gefragt werde. Den habe ich halt einfach auf – da gibt es nicht viel zu sagen. Da gibt es keine Geschichte. Oder ob mir nicht die Inspiration fehlt ohne Callcenter. Da denke ich mir auch: Nein, ich schreibe nicht nur über das Callcenter. Und über meinen Namen. Warum ich mich Sargnagel genannt habe. Da fällt mir auch immer nichts ein, weil das einfach so passiert ist.

Kommen da auch Fragen, wie bei einem Bewerbungsgespräch? Zum Beispiel: Wo siehst du dich in fünf Jahren?

Ja, das werde ich auch häufig gefragt. Da weiß ich dann auch keine Antwort darauf. Ich bin nicht so ein Zukunftsplaner. Ich bin so ein „Jetzt-Geschöpf“. Das hat letztens eine Society-Dame im Interview gesagt...„Jetzt-Geschöpf“...das hat mir gut gefallen!

Und deine größte Schwäche?

Selbstdisziplin. Ich bin nicht sehr selbstdiszipliniert. Ich brauch dann auch Motivation. Beispielsweise einen Like. Ich habe es an der Kunst-Uni auch nicht verstanden, dass die Leute nächtelang in ihren Ateliers sitzen und Gemälde malen. Und nur für sich sind. Das hätte ich nicht gemacht. Dann treffe ich lieber Leute und gehe spazieren oder so.

Googlest du dich selbst?

Ja, das mache ich schon fast jeden Tag! Das verfolge ich schon. Das mache ich nicht weil ich so obsessed bin. Dann könnte ich mich auch jeden Monat einmal googeln. Sondern weil es auch ein Zeitvertreib ist, wenn man mal im Zug sitzt. Ich bin da schon sehr neugierig. Ich lese auch fast alle Kommentare. Nicht nur bei mir, sondern Kommentare bei Zeitungen und gehässige Kommentare. Ich lese das immer alles, weil es mich interessiert.

Hast du einen Lieblings-Instagram-Account?

Ich habe sehr eigenartige Instagram-Accounts, denen ich folge. Ich folge teilweise einem Neuen Rechten, einen Typen, der ist urgrausig! Dann noch so einem reichen, aufgepumpten Playboy-Typen aus den USA, der sich nur mit Ärschen von Frauen fotografieren lässt. Und so einem Wiener Snob, da bin ich mal zufällig drauf gekommen. Ach und ich folge zufällig einer Frau aus Tansania. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf sie gekommen bin. Aber sie postet den ganzen Tag nur Arsch-Wackel-Videos.

Ich finde es auch ganz lustig, dass es unterschiedliche Welten sind. Also die so sind wie ich, die find ich natürlich fad! Also die Hipster und die Linken und so.

Bei deiner Lesung in München hast du von Sprachbewusstsein gesprochen. Willst du nun Wörter wie „Hure“ aus deinen Texten verbannen?

Das ist tatsächlich ein Dilemma. Ich arbeite ja sehr viel damit, indem ich Slang zitiere. Und das ist dann schwierig, solche Wörter auszusparen. Und es gibt auch wenig Schimpfwörter, die die gleiche Durchschlagskraft haben wie „Hurenkind“ oder „Du Hure“. Aber ich verstehe auch voll die Problematik darin. Ich bin da sehr inkonsequent. Aber auch aus einem bestimmten Grund. Mir geht es ja darum, dass ich gesprochene Sprache zitiere. Und ich will in keiner Fantasiesprache schreiben, die nur fünf queer-feministische Intellektuelle sprechen. Also ich will schon auch gesprochene Sprache zitieren.

Hat das Grenzen?

Ich finde es bei schwul und behindert schon nochmal anders als bei „Hure“. Da fährt es mir nicht so arg ein. Vielleicht habe ich mich da noch nicht disziplinieren lassen von meinem Umfeld.

Wann hast du das letzte Mal was zum ersten Mal gemacht?

Was für mich wirklich ein erstes Mal ist, ist die Nüchternheit. Ich habe immer getrunken nach Lesungen und beim Ausgehen. Und nüchtern auf Partys gehen, das ist etwas was ich in letzter Zeit zum ersten Mal gemacht habe. Das habe ich davor noch nie gemacht.

Warum trinkst du nichts mehr?

Weil ich die Kater nicht mehr aushalte. Mir geht es dann so dreckig. Manche vertragen es besser, aber ich vertrag es einfach nicht mehr. Ich schlafe dann einfach total schlecht und sehr viel Zeit geht dann auch für Kater drauf. Ich habe früher schon Bier getrunken mit anderen. Aber irgendwann hatte ich dann nur noch Kater. Das war mir dann zu anstrengend. Ich bin dann total schlapp und bekomm nichts hin. Das spar ich mir dann einmal für den Monat auf. Das ist mir einfach zu anstrengend. Es ist ganz einfach eine Alterserscheinung. Ganz klassisch. Vielen geht es jetzt so. Ende zwanzig hat es sich schon abgezeichnet und jetzt bin ich soweit, dass ich es im Griff habe. Du kannst auch nüchtern bis eins mit Leuten zusammensitzen.

Was ist der größte Unterschied für dich am Nüchtern sein?

Du wirst wirklich müder. Das ist ein Unterschied. Mit Alkohol bist du aufgeputschter. Da bleibst du dann bis zwei oder drei. Das geht auch nüchtern, wenn die Leute passen. Wenn es fremde Leute sind, dann braucht es ein bisschen Alkohol, dass die Leute ein bisschen gesprächiger werden – geselliger. Ich finde das auch als Erkenntnis ganz angenehm. Geht auch irgendwie. Man muss nicht daheim bleiben, wenn man nicht trinkt.

Danke für das Gespräch. Und auf zum goldenen Matriarchat.

 


Beitragsbild: © Powerline Agency / Goll

Foto: © Stefanie Witterauf

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