Kultur, Nach(t)kritik

Gewitter in der Seifenblase

Simone Mellar
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Patrice - One

Patrice - One

Der Messias of Ceremony bescherrt den Münchnern einen schönen Rausch. Eine Nachtkritik von Simone Mellar. Der abendliche Fußmarsch zur Muffathalle verdeutlicht den Wechsel der Jahreszeiten: Unter der dicken Schwärze wiegt sich verschnörkeltes Astwerk träge im Wind, lässt Blätter fallen und entblößt knorrige Baumkronen. Den Schal ein wenig enger um den Hals geschlungen, geht es strammen Schritts in den Raum, der für die nächsten drei Stunden einer Wettkampfarena gleich den Nachbarn Laura Lopez Castro & Don Philippe im Ampere einen musikalischen Gruß nach dem anderen rüberschicken wird.

Prompt steht man dank Bühnentransparent buchstäblich im Walde – und vor einem hohen Turm aus Lautsprechern, ganz so wie in Patrices neuem Video zu „Ain’t got no (I got life)“. Und diese Lautsprecher werden noch an ihre Grenzen kommen, soviel steht bereits bei Fetsum – dem gefühlvollen Vor-Act, der gerne in den Dschungel zieht, um sich inspirieren zu lassen, fest. Das erstaunlich gastfreundliche Publikum verzichtet aufs Warmwerden, kein skeptisches Abtasten – die Masse, die überwiegend aus Pärchen jeglicher Couleur und chilligen Jungenz in DC-Tretern und fätten Softschaum-Cäppis auf dem Lockenhaar besteht, geht sofort ab und tanzt sich ein.

Eine Stunde später ist es dann soweit: Angekündigt durch blaue Lichtblitze, die durch das transparente Geäst schießen, betritt der Maker himself den Saal. Anders als sonst wird allerdings nicht gleich die Gute-Laune-Reggae-Nummer gebracht, sondern ernste, fast melancholische Dub-Klänge, die durch das hohe Mauerwerk bibbern. Das funktioniert. Die Menge beruhigt sich, wartet gespannt auf die heiligen Worte ihres Messias. Doch der legt nach dem ersten Song richtig los: Da wird gestampft, gejumpt, gesmoovt, gegroovt, ein Duell nach dem anderen mit den Bandkollegen geliefert und immer wieder die Botschaft verkündet, dass dieser Tag in Muuuuuunich very special sei – einfach nur, weil wir leben. Die Lightshow zittert durch die Baumstämme, mal im satten Grün, mal feuerrot, mal als einzelner goldener Spott, als Gitarrenheld Louis „I can see clearly now (the rain is gone)“ zelebrieren darf.

Die Menge verdankt’s Patrice & the Supowers, wirft klatschende Hände in die Lüfte und erzeugt ein Donnerrauschen. Oben steht der Regenmacher, gibt den Ton an, dirigiert die unzähligen kleinen Tropfen, formt sie zu einem gewaltigen Fluss, spielt mit den Gischtwellen, bis sich ein großes Gewitter vor ihm auftürmt. Spätestens, als das Publikum zum Gospelchor anschwillt, wird klar: Dieser energetische Monsun wird noch explodieren. Und auch Patrice bemerkt’s, vereinigt nochmals alle Kräfte und lässt den Soulstorm los. Die Masse vibriert, schwingende Arme versperren den Blick, funkende Flutwellen schwappen an die Decke. Schwingende Körper, kreisende Arme, wackelnde Hüften – begleitet vom Hagel des Beifalls.

Der Schweiß tropft, die Beine schmerzen, die Haut klebt – doch niemanden scheint’s zu stören. Nach über zwei Stunden unter der Anleitung des Masters of Ceremony purzeln die Gäste erschöpft ans Isarufer. Knöpfen ihre Jacken zu, streichen sich das nasse Haar aus den apfelroten Wangen, blicken selig in die flüssige Nacht und lassen sich von ihr davon tragen. Weiter, zum nächsten Rausch.

Patrice – Knockin\‘ (Live)

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