Nach(t)kritik

Glen Hansard and The Frames feiern mit Münchnern wie mit alten Freunden

Glen Hansard
Seitdem ich 2008 den Film Once zum ersten Mal sah, wollte ich unbedingt Glen Hansard noch einmal live treffen. Einfach, weil es sich am Ende des Films anfühlte, als ob nun ein guter liebgewonnener Freund in ein Flugzeug steigt und in der Ferne sein Glück versucht. Und irgendwo in mir gab es einfach die naive Hoffnung, dass er irgendwann mit Geschichten, neuer Musik und alten Liedern zurückkommt.


Natürlich musste ich auf das Konzert in München! Und Glen Hansard veranstaltete gemeinsam mit The Frames und anderen Musikern eine riesige Wohnzimmerfete in der Muffathalle. Es war ein Abend voller Leben und irischer Lebensweisheit und nach 120 Minuten Konzert auf bereits 60 Minuten Vorband, gab es noch eine 50-minütige Zugabe: gemeinsam mit allen blätterte die Band durch die Liederbücher und CD-Regale alter Zeiten und coverte gemeinsam Songs von Springsteen, Cohen oder Dylan.

Glen Hansard ans The FramesInsgesamt 14 Musiker, bei welchen spürbar jeder einzelne sein Instrument liebt, brachten jede Menge Rock und Blues auf die Bühne. Songs von Glen Hansard und The Frames haben alle eine ihnen eigentümliche Dramaturgie: Sie beginnen leise, mit vernünftigen Worten um die beschriebenen Gefühle zu fassen und zu beherrschen. Doch mehr und mehr ergreifen die Gefühle selbst das Kommando, leiten durch eine musikalische Irrfahrt, packen den Körper und füllen den ganzen Raum – Worte sind bis dahin meist vergangen. Es gibt ohnehin keine dafür. Treffend zog Glen Hansard deshalb bisweilen das Kabel aus dem Mikrofon. Oder die Worte wandelten sich einfach in Stimme: Schreie und Rufe, die die explodierende Fulminanz begleiten und der Welt mitteilen, was gerade in der Brust tobt. Diese Wogen der Emotion schwappen schnell von der Bühne auf das Publikum über, das sich bereits ab dem zweiten Song gehen ließ. In dieser Eingehültheit von Musik löste sich die Bühne auf bevor die kurze dumpfe Stille eintrat, wenn ein Gefühl plötzlich verschwindet, aber das Leben die innere Leere auch mit nichts anderem füllt, als den leisen Nachklang und ein schnell schlagendes Herz.

Das Glen Hansard aber auch allein fähig ist, einen großen Saal bis in die letzte Ecke zu füllen mit seiner Präsenz, bewies er in seinem Solopart. Gemeinsam mit allen Anwesenden sang er eindringliche Songs wie backbroke und läutete den Teil des Abends ein, an dem man für gewöhnlich beginnt, die zweite Flasche Wein zu öffnen und gemeinsam zu sinnieren, bevor sich alle noch einmal aufrappeln und die Feier mit einem großartigen freudigen Fest beenden. So ist die Musik von Glen Hansard und The Flames ein Konzert unter Freunden und wie das Leben selbst. Ein Auf und Ab der Gefühle, durch ruhige und durch laute Phasen, begleitet von Geschichten. So erinnerte auch Glen Hansard bei jedem Musiker auf der Bühne daran, wie man ihn oder sie kennengelernt hatte, erzählte vom Leben im Tourbus und verriet auch eine Lebensweisheit: „Sorry, but we laugh about tragedy – that’s irish.“

Glen HansardBei dieser netten Stimmung hätte man zum Ende hin die anfänglichen Mängel der Veranstaltungshalle schon fast vergessen, hätte Glen Hansard nicht selbst nachgefragt wie es der Besucherin ginge, die erstmal Kreislaufprobleme erleiden musste bevor die Lüftung angeschaltet wurde. Doch sie war bereits wieder quietschfidel und alles nicht so schlimm und dass an einer der ruhigsten Stellen des Konzerts das gemeinsame Musizieren von einem extrem lauten Surren der Espressomaschine unterbrochen wurde, war nicht nur lustig, sondern entsprach in gewisser Weise der Charmanz einer Wohnzimmerparty, wenn man plötzlich die Parallelparty in der Küche hört.

Die Zugabe begann dann mit einem Akustiksolo von Glen Hansard und Violinbegleitung. In der äußersten Ecke der Bühne sammelte sich ein Kreis wie um Straßenmusiker und alle versuchten möglichst leise zu sein und zu lauschen. Mit einem original irischer Volksmusik ging das Konzert nach knapp vier Stunden mit einem allerletzten Song „The parting glass“ zu Ende: Er wurde beschrieben als ein Lied einer Totenabschiedsfeier, bei welcher der Sarg des verstorbenen in Mitten des Wohnzimmers aufgebahrt wird und alle Freunde und Angehörige versammeln sich darum, feiern, singen, musizieren und trinken. „It’s a last goodbye – but a good one, not a sad one.“ Und so sang die ganze gemeinsam Halle ihr Auf Wiedersehen:

So fill to me the parting glass
And drink a health whate’er befalls
Then gently rise and softly call
Good night and joy be to you all!

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