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Wider das digitale Gejammer: Ich mag München!

Als Reaktion auf das „große digitale Gejammer“ über München in den sozialen Medien hat Marina Lessig vergangenes Wochenende auf Facebook in die Tasten gegriffen. Für Mucbook hat sie ihre Gedanken noch weiter ausformuliert:

„Hurra! Endlich sagt einer wie scheiße München ist“ – So ungefähr las sich letztes Wochenende meine Timeline.

Der große digitale Jammer wurde angestimmt, wie fürchterlich das Leben in München doch geworden sei. Ja, mich nervt es auch, dass das mit dem beinchenfrei und in sommerlichen Kleidchen Eistüten auf dem Gärtnerplatz schlecken noch nicht drin ist. Und wenn das Wetter im Mai nicht schön werden will, machen tapfere Latte-Macchiatto-auf-der-Terrasse-eingehüllt-in-drei-Ikeadecken-Raucher auch noch keinen Sommer draus. Verlängerter Winter kann echt dröge werden und schlägt mir auch aufs Gemüt, das Fernweh ist groß. Da sitzt man dann in einer der geilen SWM-Saunen für einen günstigen Preis und ist mit der Gesamtsituation unzufrieden.

Deshalb ist aber nicht München generell und überhaupt scheiße (sagt übrigens auch der SZ-Kollege des Autors).

Ich mag München.

Ich bin hier in der Maistrasse geboren, in mehreren Vierteln aufgewachsen und hab in meinen wenigen Lebensjahren schon ganz viel Veränderung gesehen. Weg wollte ich nie, auch wenn ich wahnsinnig gerne in andere europäische Städte Reise. Mag sein, dass München nicht mit den Hauptstädten Europas mithalten kann. Aber hey, wieso auch? Woher kommt denn der Anspruch, dass München nur wegen der hohen Bevölkerungszahl zu den hippen Metropolen der Welt gehören muss? Mit allem, was man von dort gar nicht möchte?
München find ich angenehm zeitgeistig. Weil hier alles so aufgeregt unaufgeregt ist.
Es ist ein bisschen wie bei Loriot, wenn Mama Hoppenstedt aufzählt wie sie alles perfekt machen möchte, um dann den Satz zu beenden mit: und dann machen wir’s uns gemütlich! München ist fleißig und einen Ticken zu ordentlich, um dann zu Feierabend möglichst spießig einfach bei einem Bier Tatort zu schauen.

Was ich an München mag: Granteln. Wursteln. Gemütlichkeit.

Auch wenn man satt und zufrieden ist, muss man auch nörgeln. Denn man darf ja nicht unkritisch werden. Und irgendwas ist immer. Ob Müllabfuhr oder zweite Stammstrecke. Doch München ist auch einfach eine Stadt der Wurstler. Mit der berühmten Bierbankgarnitur haben wir schon so manches gerichtet. Zwar haben wir nicht die freie Kulturszene, wie sie Leipzig und Marseille vorzuweisen haben. Aber wir haben eine unglaublich rege Vereinslandschaft, eine aktive Sozialszene und eine lebendige Nachbarschaftshilfe.
Und so passiert es dann, dass ausgerechnet im langweiligen, speckmadigen München die superorganisierte Studentenrevolte gegen die Studiengebühren ausbricht oder eine perfekte Flüchtlingshilfe aus dem Nichts entsteht. Natürlich nicht perfekt wenn man genau hinschaut. Aber Münchnerisch pragmatisch und elegant. So wie die fesche Münchnerin: mit Designersonnenbrille, hübscher Frisur und sportlichem Windbreaker auf dem Fahrrad. Immer bereit, entweder ins Kleid für die Oper oder in den Wanderschuh für eine Bergtour zu schlüpfen.
Kunst und Kultur sind hier geschätzt, aber Musik und bildende Kunst sind einfach da um schön zu sein. Politische Kunst ist das sehr geschätzte Kabarett. Wenn man in dieser leistungsgetriebenen Stadt Freizeit hat, hat man eben Freizeit. Nicht so spektakulär und eher kleinbürgerlich. Aber warum auch nicht? „Projektitis“ nennt man das Phänomen, in dem aktuell Stiftungen und Spender immer nur nach Innovation und neuen Projekten suchen. Nie da gewesenes, das immer noch eins mehr anders ist als das davor: besser, provokativer, lauter…

Nichts gegen am Ball bleiben. Aber stressfreies, altbewährtes und einfaches tut’s doch schlichtweg auch. Ich ess am liebsten im Wirtshaus Leberwurstbrot. Einfach weil’s gut schmeckt. Das gibt’s im Stadtzentrum fast nirgends, das stimmt. Aber ich hab bisher in jedem Stadtteil ein gutes Wirtshaus gefunden, einen leckeren Bäcker, einen guten Metzger, einen netten Blumenladen, einen schrägen Bekleidungsladen und eine vernünftige Kegelbahn.

Wenn man den gemütlichen Münchnern etwas vorwerfen kann, dann dass sie freizeitlich ausgesprochen faul sind. Niemand fährt nach Berg am Laim, egal was für ein nettes Straßenfest Du dort machst, und keiner fährt für Kleinkunst an den Haderner Stern, auch wenn das Melcher ein super Programm hat. Stadtteile bleiben für sich und die überladene Innenstadt kann halt nicht alle Wünsche erfüllen. Grillen im Westpark klingt vielleicht nicht so fancy wie Kino Mond und Sterne. Und München Sport könnte sein Angebot bestimmt auch noch besser bekannt machen.

Es ist sicherlich nicht alles rosig.

Zwischennutzung ist ein Kampf, die Beteiligungsnummer zum Kreativquartier eine Farce. Trotz Sauberkeit steht nirgends ein Mülleimer, etc. Klar. Aber der Need scheint nicht so groß zu sein, als ob alle eine Villa-Kunterbunt-Couch auf die Straße stellen müssten. Die Leute hier sind unkreativ und wenn man Leute in Gartenstädtchen fragt, was vielleicht mal eine nette Aktion im Viertel wäre, Zucken sie mit den Schultern, deuten auf Kinder die wie früher in Städten und auch heute noch in Kleinstädten auf der Straße mit dem Roller fahren, und sagen: vielleicht mal ein richtiges Fußballspiel. „Alter Stiefel“ gähnt da der Metropolenurbanist.

Warum eigentlich? In Zeiten digitaler Beschleunigung, schnellem Bevölkerungswachstum, hohem Leistungsdruck aufgrund hoher Kosten und einer Medienlandschaft, die einem die Hetzjagd nach der Ekstase als Lebensglück verkauft: ist da Simples und Langweiliges nicht genau das richtige? Ist das Münchnerische „Passt scho“ nicht das „Ommm“ einer Meditation auf der Suche nach der Mitte statt nach der Extreme?

Kürzlich war ein Freund im Silicon Valley. Er erwartete eine super-technologisierte Stadt mit ganz vielen hippen Menschen, Electroparties, seltsamen Automobilen, Experimenten im öffentlichen Raum, futuristischen Gebäude und 24-Stunden-Menschengewusel. Gefunden hat er ein pittoreskes Gartenheim, bei dem ab 7 Uhr der Bordstein hochgeklappt ist und außer der hohen Anzahl an Teslas nichts auf die Wohlstandsmetropole der technologisierten Welt hinweist. Abends treffen sich Leute am Aussichtshügel um ein Bier zu trinken und über die Stadt zu schauen. „Wie an der Bavaria. Eigentlich ist das Silicon Valley wie München. Nur mit schlechtem Essen und Tesla statt BMW.“

Ist es woanders wirklich, wirklich besser?

Als ich in Venedig war, musste ich feststellen, dass man dort ab 21 Uhr den Bordstein hochklappt. Nix mit italienischem Piazzaleben. In London habe ich die letzte U-Bahn verpasst nachts um halb eins. Der Umweg mit dem Bus hat regulär schon zwei Stunden gedauert laut App. Der blöde Busfahrer hat mich aber auch an der völlig falschen Station rausgeworfen und ich musste 20 Minuten zu Fuß durch eine Gegend, die mir nicht so recht geheuer war – mal abgesehen davon, dass man in London nach einem halben Tag ständig schwarz schnäuzt, weil man so viel Dreck inhaliert.

Einer Freundin haben sie nachts in der Pariser Metro ein Messer an die Kehle gehalten und ihr dann die Handtasche geklaut. In Frankfurt standen im Gallus an der Sparkassenfiliale zwei Securities vor der Tür und haben einen riesigen Kampfhund mit Maulkorb an der Leine. In Wien waren wir in der fancy Partylocation am Prater, aber auf dem Heimweg wurde ich mehrfach von Freiern angesprochen, weil ja nur Prostituierte dort alleine nachts abhängen. In Lissabon hab ich die schrecklichste Fischsuppe gegessen, die mir jemals untergekommen ist. Das war wohl wirklich die Abfallverwertung des Lokals.

Und am Ku’damm gibt es so wenige hippe Läden und Gemüsestandler wie in der Kaufingerstrasse, dem Picadilly Circus oder jedweder anderen Einkaufsmeile in Europa. In den Buden dort gibt’s Original Berliner Wiener mit Currysoße für 7,90 kaufen. In Wien gibt es fürchterliches Schweineschnitzel und greisligen Marillenschnaps, in Rom schlechte Pasta und in München eklige Weißwürste (und Club Mate, den man erst aus Bayern nach Berlin karren musste, damit das Gesöff jemand trinkt). In Spanien war die gute Laune schnell verflogen auf der Studentenparty, als es plötzlich irgendwie um den Euro ging und die Deutschen an allem Schuld waren. Das erste Mal in Brüssel bin ich direkt am Bahnhof zu einem der größten Flüchtlingscamps gegangen und konnte mir zwei Tage lang anhören, wie schlecht die Sozialversorgung in der Stadt ist. In Tel Aviv kostete mich Wasser zum Trinken, Waschen, Duschen genau so viel wie die Miete.

Trotzdem

Und trotzdem fahr ich da immer wieder überall auch gerne hin: ich liebe es, in London durch die Pubs zu tingeln und in der Ain’t Nothing But Blues Bar zu landen, dem einzigen Club in Europa an dem jeden Abend live Blues gespielt wird. Ich mag es, abends um 20 Uhr noch spontan ins Centre Pompidou zu laufen. Ich liebe Moules et Frites und Berliner Krimskramsläden und wenn die Kaffeehausbedienung nicht grantig zu einem war, war man gar nicht richtig in Wien. Und das ist ganz wunderbar so.
Dann kann ich nämlich bei Regen in einer SWM-Sauna sitzen und mich drauf freuen, vielleicht demnächst in einen Zug am Hauptbahnhof zu steigen, um damit nach Prag, Verona oder Paris zu fahren. Weil’s da so schön anders ist. So wie München halt auch. Und wer sich hier nicht wohl fühlt, der kauft sich ne Bierbank, fährt in den Ostpark wo er noch nie im Leben war oder auf die Schäferwiese hinterm Hasenbergl und wurstelt mit – oder zieht halt in eine andere Metropole. Sind ja genügend da.

Achso. Was ich auch münchnerisch finde: sich darüber zu unterhalten, dass man es unmöglich findet, dass man an Weihnachten der Müllabfuhr kein Trinkgeld geben darf. Mag ich sehr an München. Jedes Jahr aufs neue die Debatte darüber. Das gibt’s nirgendwo anders auf der Welt. Weder die Dringlichkeit, unbedingt Trinkgeld geben zu wollen, noch eine Verwaltung die sich genötigt fühlt einzuschreiten, damit kein Müllmann in einem anderen Stadtteil benachteiligt wird.
Typisch Münchner Gerechtigkeits- und Verteilungsproblematik.

Beitragsbild: Dominik Martin via Unsplash

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