Kultur, Nach(t)kritik

Glühwürmchen und bunte Ameisen

Laura Stecher
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Warum ist hier kein Foto?
Das Management der Band Coldplay verlangt von Fotografen Bilder von Konzerten der Band nur in einem vorher zu benennenden Medium zu veröffentlichen und ihr Bildmaterial Coldplay zur kostenlosen weltweiten Verbreitung zur Verfügung zu stellen. Aus diesem Grund ruft der Deutsche Journalisten-Verband Bildjournalisten und -journalistinnen dazu auf, nicht über die Konzerte in Deutschland zu berichten. Ich berichte über das gestrige Konzert – allerdings ohne Bildmaterial.

Kalt und nass ist es im Münchner Olympiastadium. Tolles Wetter für das Coldplay Open Air! Ich bin froh über meine vier Schichten bestehend aus T-Shirt, Strickjacke, Fliese-Pulli und Regenjacke und noch glücklicher über meinen Sitzplatz. Überdacht. Ein bisschen mitleidig beobachte ich die Leute in der Arena. Wie kleine, bunte Ameisen sehen sie in ihren knalligen Regenmänteln aus.
Marina & the Diamonds alias Marina Diamandis springt als zweite Vorband auf die Bühne. Gut gelaunt ist sie, obwohl es „cats and dogs“ regnet im Olympiastadium. „I` m gonna warm you up!“, verkündet sie mit sympathisch britischem Akzent. Ihre Stimme hört sich live erstaunlich gut an, allerdings ist die Akustik leider noch nicht so gut. Und sie hat das Problem aller Supporting Acts: die Zuschauer warten auf die Hauptband.
Also, wo bleibt Coldplay? In der Umbaupause wird die Bühne von fleißigen Bühnenhelfern gefühlte zehnmal mit Besen geputzt, damit Chris Martin bei der späteren Show nicht in einer Pfütze ausrutscht.
Endlich gehen die Lichter aus. Ein Intro, das an die Anfangsmelodie einer Fernsehsendung erinnert, tönt aus den Lautsprechern. Der Countdown läuft.

Das Olympiastadium verwandelt sich zu einem Meer aus bunten Lichtern. Auf der Bühne sieht man verspielte Feuerwerkskörper tanzen und der Zuschauerraum sieht aus als hätte sich eine bunte Gattung von Glühwürmchen dort zu Tausenden versammelt, um im Takt von Mylo Xyloto zu blinken. Alle Besucher haben am Eingang ein Armband bekommen, das jetzt über Funk zum Leuchten gebracht wird.
Aber es wird noch bunter: Mit den ersten Sätzen von Hurts Like Heaven explodiert die Bühne. Die größte Lichteffekt-Party, die ich je erlebt habe, steigt hier vor meinen Augen.
Mit Yellow wird es ruhiger und gelber. Farbige Bälle fliegen durch die Luft, wenn das Publikum in den Himmel hinauf blickt. Leider scheinen heute keine Sterne für uns, dafür gelbe Scheinwerfer.
Das Konzert besteht aus Höhepunkten: Konfettiregen bei In My Place, rockige Töne mit Major Minus, Farbenzirkus bei Charlie Brown und God Put A Smile Upon My Face, einfach weil es eines der schönsten Lieder überhaupt ist. Nach Viva La Viva hört das Publikum nicht mehr auf zu singen. Wir sind in einer Traumwelt gefangen bestehend aus Musik und Farbe. Als letztes Lied vor den Zugaben spielt Coldplay Paradise. Gefühlvoll, farbenfroh und träumerisch. Danach ist die Bühne leer. Aber still ist es nicht. „Ohohoho“, singen 55000 Konzertbesucher, um die Band zum Weitermachen zu motivieren.

Chris Martin erscheint allein nur mit Gitarre auf einer zusätzlichen Bühne. Einer dieser Momente auf einem Konzert bei denen es einem kalt den Rücken herunterläuft. Nach und nach gesellt sich ein Bandmitglied nach dem anderen zu ihm. Der wohl eher absichtliche „Verspieler“ Chris Martins bei Speed of Sound bringt das Publikum zum Lachen. Na ja.
Danach verabschiedet sich die Band mit: „See you over there“, um auf der Hauptbühne nochmal alles für Clocks und das ruhigere Fix You zu geben. Feuerwerk inklusive!
Vor dem letzten Lied singt das geschlossene Olympiastadium ein Geburtstagsständchen für den Gitarristen Johnny Buckland. Nach einem Schlückchen Schampus für das Geburtstagskind, macht sich die Band bereit für das Grande Finale.
Niemanden hält es mehr auf den Sitzen, wenn bei Every Teartrop Is A Waterfall auf der Bühne Feuerwerkskörper in allen Farben in die Luft fliegen und die bunten Glühwürmchen wieder zu Tanzen beginnen.
Als die Lichter im Olympiastadium wieder angehen habe ich gefrorene Füße und ein Lächeln auf den Lippen.

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