Kultur

Heimatlosigkeit auf 19 Stockwerken

Jana Edelmann
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„Desperados on the Block“: Der Eröffnungsfilm des Filmhochschulfests porträtiert drei Einsame aus der Studentenstadt, die in der Anonymität ihres Blocks nach Heimat suchen. Am Samstag ist der Film nochmal im Sendlinger-Tor-Kino zu sehen. Eine Rezension.

Desperados on the block

19 Stockwerke, 630 Parteien und ein Aufzug, in dem sich die Studenten begegnen. Aber immer nur kurz, flüchtig, anonym. In der Tristesse des „Blocks“, dem Hochhaus in der Studentenstadt, erzählt Regisseur und Drehbuchautor Tomasz Emil Rudzik drei Geschichten von drei Fremden in München, die auf der Suche sind nach Nähe, Liebe, Geborgenheit.
Da ist Clara aus Rumänien, die katholische Theologie studiert, und auf ein Lebenszeichen von Gott wartet. Sie will ihn zu einer Reaktion auf ihr Leben zwingen und bricht vorsätzlich alle 10 Gebote. Der stumme Motek verliebt, kann das aber nicht sagen. Darum lädt der Lette seine Traumfrau zu einem Tag ohne Worte ein. Und Sin, ein Mathematikstudent aus Shangai, ist als Nachhilfelehrer engagiert. Bals wird aber seine Schülerin zur Lehrerein: Was mache im beim ersten Date mit einem Mädchen…? Die drei Desperados finden nicht immer das, wonach sie suchen. Heimat kann überall sein, oder auch nirgendwo.
Thomasz Emil Rudzik erschafft eine Atmospähre, die ständig zwischen Tragik und Komik wandelt: Die drei Desperados sind Verzweifelte, ja. Aber über allen Geschichten liegt ein Hauch feinsinniger Humor, die Figuren sind bei all ihren Skurilitäten und Sonderbarkeiten immer liebenswert. Vielleicht trifft der Film die besondere Stimmung der Studentenstadt so gut, weil der Regisseur selbst einmal Bewohner des „Blocks“ war. Drei Jahre lebte Rudzik in dem Hochhaus: „Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich eigentlich niemanden dort kenne. Und dann habe ich angefangen, Aufzug zu fahren. Den ganzen Tag. Und irgendwann habe ich einfach an die Türen geklopft. Wer wohnt da? Wer sind die Menschen?“
Aus diesen Begegnungen sind nicht nur Freunschaften entstanden, auch die Charaktere und Geschichten für „Desperados on the Block“ sind davon inspiriert. Und mit dem Türenklopfen hat Rudzik auch als Regisseur weitergemacht: Mit Wodkaflasche und Stamperl ist er von Wohnung zu Wohnung gezogen, um den Hausbewohnern von seiner Filmidee zu erzählen und Darsteller kennen zu lernen. Bis auf wenige Ausnahmen treten in „Desperados on the Block“ nämlich nur Laienschauspieler auf.  Die hat er aber nicht alle bei Trinkabenden gefunden: Allein für die Figur Sin hat Rudzik über 300 asiatische Studenten gecastet, die er davor in Vorlesungen oder in der Mensa angesprochen hatte.
„Desperados on the Block“ ist ein besonderer Film über ein besonderes Stück München – auf Festivals in Sao Paolo und San Sebastian wurde das schon einem internationalen Publikum gezeigt. Gerade läuft die Suche nach einem Verleih. Es ist dem Film zu wünschen, dass er noch öfter im Kino läuft.

Wer sich den Film gerne jetzt schon anschauen möchte: Karten für die Vorstellung am Samstag um 21 Uhr im Sendlinger-Tor-Kino gibt es unter der Email premiere@desperadosontheblock.com

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