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Home Stories aus München: Vorhang auf bei Schauspielerin Genija Rykova

Anna-Elena Knerich

ist francophil und Europtimistin. Denkt (zu) viel und schreibt deshalb. Am liebsten über Kultur, die Helden des Alltags und das Thema mit dem "Zuhause".
Anna-Elena Knerich

Ob man nun Fan des lokalen „Tatorts“ oder eher von Schweighöfer-Komödien ist, ob man gerne zu Jazz-Abenden geht oder ein Resi-Abo hat: Genija Rykova überzeugt auf Bühne und Leinwand, als Sängerin und Schauspielerin, in den unterschiedlichsten Rollen und Genres.

Viele Menschen, die so sehr im Rampenlicht stehen, wollen wenigstens in ihren eigenen vier Wänden ihre Ruhe haben. Doch Genija empfängt mich sehr herzlich in ihrer Wohnung am Gärtnerplatz.

Über Gastfreundschaft…

„Ich habe Schokokuchen gebacken“, sagt sie zur Begrüßung und führt mich in eine gemütliche Wohnküche. Aus den Lautsprechern tönt Nina Simone und durch das Fenster blickt man direkt auf das (fast fertig sanierte!) Gärtnerplatztheater – eine angemessene Belohnung für die vielen Treppen.

„Eigentlich wollte ich nie ins Gärtnerplatzviertel ziehen, weil das so in ist – aber die große Küche hat mich dann überzeugt“, erzählt Genija, die – nach Vorbild ihrer russischen Mutter – gerne kocht und Leute einlädt.

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…Herkunft…

Überall in der Wohnung stößt man auf Matrjoschkas, diese schachtelbaren Holzpuppen aus Russland, und das Ölbild in der Küche zeigt das ehemalige Stadtzentrum von Irkutsk – Genijas Heimatstadt in Sibirien. Ihre Eltern waren Profisportler, der Vater Langstreckenläufer der Leichtathletik, die Mutter Bogenschützin, und lernten sich in einem Sportlager der UdSSR kennen.

Auch Genija machte schon immer viel Sport: von Handball über Eiskunstlauf, Hip Hop bis hin zum Snow- und seit Kurzem auch Skateboarden. „Es ist mir aber noch bisschen peinlich, wenn ich an der Isar an coolen Skaterkids vorbeikomme“, sagt sie und lacht.

…und Heimat.

Als sie sechs Jahre alt war, zog ihre Familie nach Deutschland. „Mit den Matrjoschkas oder den Steinen vom Baikalsee auf meinem Balkon versuche ich, ein Stück Heimat herzuholen“, sagt Genija. Doch eigentlich sei das eine Sehnsucht nach einer Heimat, in der sie gar nicht mehr zuhause ist: „Für mich ist Heimat eher etwas Abstraktes, das Gefühl, bei sich angekommen zu sein.“

Freiheit und Upcycling

_SGA7116Obwohl sie sich gut mit ihren Eltern verstand, zog Genija mit 17 von Zuhause aus – sie wollte einfach „ihr eigenes Ding machen“. Erst lebte sie im alten Atelier ihres Vaters, der inzwischen als Künstler tätig war, später in einer kleinen Bude in Haidhausen. Ihre Einrichtung hat sie von ihren Eltern oder vom Flohmarkt: „In Russland haben wir alles so lange genutzt, bis es kaputt war. Und die Möbel erfüllen ja bis heute ihren Zweck“, sagt Genija und zieht an ihrer Zigarette.

Sie hasst es, Dinge wegzuwerfen und liebt es, Dinge umzufunktionieren: Der Schrank im Bad ist der alte Küchenschrank ihrer Großmutter, den sie angestrichen hat, und das Sitzsofa in der Küche ist eigentlich ein umgedrehtes Regal, befüllt mit großen Polsterkissen. Ihr Lieblings-Erbstück: Der über 100 Jahre alte Küchentisch – obwohl darauf, wie sie vor Kurzem erfuhr, früher Schweine geschlachtet wurden.

Karriere auf Umwegen

Genija, die von Waldorf-, Haupt- und Realschule bis zur FOS alle Schularten besucht hat, machte ein Praktikum in der Tapeziererei der Kammerspiele. Dort gelangte sie durch Zufall zu einer Impro-Gruppe von Schauspielern, mit der sie jeden Freitag proben durfte. „Damals fasste ich den Entschluss: Ich werde an diesem Theater arbeiten, egal als was“, erzählt Genija.

Nach ihrer Mittleren Reife reiste Genija erst mal für ein paar Monate durch Australien.

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Abgesehen vom Impro-Theater hatte Genija an der Waldorfschule nur ein Stück Mauer und eine Tür, an der Mädchenrealschule lauter Männerrollen gespielt – dennoch sprach sie an der Berliner Ernst-Busch-Schule vor. Das ungnädige Feedback: „Sie sagten mir, ich solle lieber in einer Sparkasse arbeiten.“ Also beschloss die damals 17-Jährige, erst einmal ihr Abitur nachzuholen.

Die Erfüllung eines Traums

An der FOS erkannte der Leiter des Schultheaters ihr Talent und ließ sie die Hauptrolle in „Turandot“ spielen – das sie 2006 sogar im Marstall aufführten. Nach dem Abi sprach Genija mit einem Monolog aus „Turandot“ bei der Bayerischen Theaterakademie August Everding vor – humpelnd, weil sie kurz zuvor mit Highheels von einer Mauer gesprungen war. Sie wurde angenommen.

Im dritten Studienjahr bekam sie die Möglichkeit, an der Seite von Brigitte Hobmeier in Fassbinders „Satansbraten“ mitzuspielen – an den heiß geliebten Kammerspielen, endlich. Das Stück gewann den Nestroy-Preis und Genija wurde ein Festengagement angeboten: von Martin Kušej, dem Intendanten des Residenztheaters.

Heimliche Liebe und russische Seele

Genija ist großer Jazz-Fan, seit sie mit zehn eine Chet Baker-Schallplatte bekommen hatte. „Das hielt ich vor meinen Freunden aber geheim – mit denen habe ich Britney Spears gehört“, sagt sie und lacht.

An der Schauspielschule beschäftigte sie sich erstmals tiefergehend mit russischer Musik. Die Melancholie der Texte und Melodien überwältigte sie: „Ich habe gefühlt zwei Wochen lang durchgeheult.“

Als Kind musste Genija jeden Tag eine Stunde auf Russisch lesen und schreiben – heute ist sie ihren Eltern dafür dankbar.

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Lola Montez, Lampenfieber und ein Liederabend

Als sie bereits Resi-Schauspielerin war, kam sie auf die Idee, diese schwermütigen russischen Songs mit Jazz zu kombinieren. Das schlug sie vier Musikern vor, die sie bei der Lola Montez-Produktion kennenlernte: „Nach der Premierenparty nahmen mich die Jungs mit in die Jazzbar Vogler; ich sollte zeigen, was ich drauf habe.“ Obwohl sie selbst auf der größten Theaterbühne kaum aufgeregt ist, zitterte Genija in der Kneipe vor Lampenfieber – denn Musiker sind oft skeptisch gegenüber singenden Schauspielern.

Doch sie überzeugte die Jungs mit ihrer Version von „Autum Leaves“, seitdem proben die fünf als „Die Klischewetzkis“ ihr russisches Jazzprogramm: Sing mal was auf Russisch heißt ihr Liederabend, bei dem viel Vodka getrunken und auch mal mit Essiggurken geworfen wird, wie Genija mir zufrieden erzählt. Sie selbst ist sehr trinkfest und spielt gerne mit Klischees.

Dieses Bild stammt aus der Operette „Lola Montez“, in der Genija die Hauptrolle spielte.

Freigeist – oder: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Nach fünf Jahren im Ensemble des Residenztheaters hört Genija nach dieser Spielzeit auf. „Es war eine Hammer-Zeit und ich hatte echt coole Kollegen. Aber wenn ich nochmal was Neues ausprobieren will, dann jetzt – und nicht mit 50“, findet Genija. Sie sei einfach „kein Mensch für Festanstellungen“; als freier Schauspieler könne man entscheiden, ob man sich mit einer angebotenen Rolle wohlfühlt oder nicht. Sie erzählt, wie viel Spaß sie mit Matthias Schweighöfer und Anna Bederke hatte, als sie den „Schlussmacher“ drehten.

Genijas Plan: Sich mehr auf ihre Musik konzentrieren, gute Filme drehen und endlich all die Dinge tun, für die sie die letzten Jahre keine Zeit hatte. Türkisch lernen, zum Beispiel, oder endlich mal wieder Snowboarden.

Genija liebt den überdachten Balkon – besonders, wenn es an einem heißen Sommertag regnet und nach nassem Asphalt duftet. 

Am 1. Juli hat Genija ihre letzte Premiere am Marstall („Zuhause im Zoo“), im Juli ist sie noch am Residenztheater zu sehen. Was dann kommt? „Mal gucken“, sagt meine Gastgeberin entspannt. Sie findet die ganze Planerei heutzutage sehr anstrengend.

Der Besuch bei der facettenreichen Schauspielerin und Sängerin war auf jeden Fall sehr interessant, und ich danke Genija für diesen Einblick und ihre Gastfreundschaft.


Photocredits: © Sebastian Gabriel

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