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Aus für BISS: Zu viel Seilschaften und zu wenig Solidarität – Ein Interview mit Rüde von den Sportfreunden

Marlene-Sophie Meyer
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In diesen Tagen sammelt München Spendengelder für die Städtewette, um Kindern in Afrika die Möglichkeit zu geben, eine Schulausbildung zu erhalten. Aber was passiert eigentlich vor unserer Haustür? Der Verein BISS (Bürger in sozialen Schwierigkeiten) setzt sich seit Jahren dafür ein, ein Hotel zu errichten, in dem benachteiligte Jugendliche eine Berufsausbildung erhalten sollen. Da die bayerische Landesregierung einem privaten Investor bei dem Verkauf der ehemaligen Frauenstraf- und Jugendarrestanstalt „Am Neudeck“ den Vorzug gegeben hat, steht das Projekt nun vor dem Aus. Die Sportfreunde Stiller haben den Verein BISS über die Jahre bei den Hotelplänen mit Geld und ihrem Namen unterstützt. mucbook hat Rüde, den Bassisten und Keyboarder, getroffen.

Was haben die Sportfreunde Stiller mit dem Hotel Biss zu tun?

Rüde: Wir unterstützen schon seit einer Weile den Verein Biss. Eine der wichtigen Initiatoren des Projekts, Hildegard Denninger, hat uns damals in ihre Pläne eingeweiht und wir haben ihr vom Anfang an vertraut. Sie hatte schon bei der Realisierung der Obdachlosenzeitung Biss bewiesen, dass sie in der Lage ist, große Projekte, wie das Hotel Biss umzusetzen.

Wie hat euch Frau Denninger mitziehen können?

Rüde: Sie hat uns einfach für das Projekt begeistert. Sie ist ein sehr inspirierender Mensch, dem man gerne zuhört, wenn er sich äußert. Sie setzt ihre Pläne in die Tat um und redet nicht nur.

Was hältst du davon, dass der Zuschlag für das Gebäude nicht an den Verein Biss vergeben wurde und das Projekt somit nicht gefördert werden konnte?

Rüde: Für mich ist es ein ganz beschissenes Zeichen, dass Menschen die so engagiert sind, die wirklich ehrenamtlich, ohne jegliche persönliche Gewinninteressen und die sich viele Jahre sozial engagiert haben, so ignoriert werden. Man hat sie einfach sowas von auflaufen lassen.
Der Staat hat das Recht, trotz eines geringeren Gebotes, wobei es sich in diesem Fall nicht um Millionen gehandelt hat sondern um ein paar Hunderttausend, einem Sozialprojekt den Zuschlag zu geben. Der Staat hätte durch dieses soziale Engagement Geld gespart und zudem auch noch den Menschen geholfen. Durch die Ausbildungsplätze hätte es sich schnell wieder refinanziert.
Dieses Projekt wäre für München und auch bundesweit wichtig gewesen. Dieses Verhalten hat gezeigt, dass der bayerischen Regierung soziales Engagement recht egal ist. Anders ist das einfach nicht zu deuten. Es war ein Schlag ins Gesicht, für alle Leute, die sich für Soziales engagieren.

Weißt du, wer den Zuschlag bekommen hat?

Rüde: Mittlerweile ist bekannt, wer der Investor ist. Es ist eine Immobilienverwertungsfirma, die aus dem Knast ein Studentenwohnheim machen will. Sie sind darauf spezialisiert, feste Immobilienkonzepte – also Baukastensysteme umzusetzen. Soweit ich weiß, hat diese Firma schon in diversen Universitätsstädten Studentenwohnheime gebaut.

Anmerkung der Redaktion: Hier der Link zu den Firmen, die den Zuschlag bekommen haben. REC24 Real Estate mit Sitz in Schwabing und die Forchheimer Unternehmensgruppe Engelhardt.

Ist ein Studentenwohnheim nicht auch eine gute Sache für München?

Rüde: Ein Studentenwohnheim ist sogar eine super Sache. Es ist nur die Frage, ob das ein Studentenwohnheim für privilegierte Studenten ist, deren Eltern es sich leisten können ein Zimmer am Auer Mühlbach zu finanzieren? Es ist ja nicht per se eine soziale Leistung Wohnraum zu Verfügung zu stellen. Fakt ist, es handelt sich um eine Immobilienaktiengesellschaft, die nicht unbedingt einer sozialen Verpflichtung unterliegt. Sie sind ihren Aktionären und deren Renditen verpflichtet und dementsprechend werden sie versuchen möglichst viel Gewinn zu erwirtschaften.

Wie habt ihr das Projekt konkret unterstützt?

Rüde: Wir haben Geld gespendet, ein Darlehen gegeben und Zeit investiert. Wann immer Hildegard oder Biss uns brauchte, waren wir da, um das Projekt zu unterstützen und Öffentlichkeit zu gewährleisten.

Versucht ihr das Projekt noch zu euren Gunsten herumzureißen?

Rüde: Leider kann man es nicht mehr herumreißen. Der Zuschlag ist gegeben. Nun ist es wichtig den Entscheidungsträgern klar zu machen, dass ihre Entscheidung falsch war. Man verpulvert Milliarden bei Immobilienspekulationen und wenn dann tatsächlich ein sozialer Sinn dahinter steht, dann verweigert man den Zuschlag und die Solidarität. Es muss kommuniziert werden, um somit den Druck, im Hinblick auf zukünftige Entscheidungen, aufzubauen. Es werden Steuern gezahlt und irgendwo hineingeblasen und dann mit Hilfe von irgendwelchen Seilschaften – das unterstelle ich jetzt mal – nur kaltherzige Entscheidungen getroffen; mit dem Geldaspekt im Hinterkopf, ohne sich über die Sozialrendite Gedanken zu machen. Mit dem Hotel Biss hätten elf Wohnungen für altersgerechtes Wohnen und 40 Ausbildungsplätze geschaffen werden können.


Was passiert mit dem Geld und dem Darlehen?

Rüde: Das Darlehen wird zurückgezahlt. Das ist nun natürlich ein gehöriger Aufwand der Rückabwicklung. Es ist ein trauriger Job. Aber das Geld fließt, den Absprachen entsprechend, zurück. Die Spenden bleiben Spenden und werden anderweitig verwendet.

Was würdet ihr euch bezüglich dieses Projektes für die Zukunft wünschen?

Rüde: Ich würde mir zum einen wünschen, dass die Initiatoren von der grundsätzlichen Idee nicht ablassen und sich dadurch nicht demotivieren lassen. Es wäre schön wenn sie wieder die Gelegenheit bekämen mitzubieten. Das Problem ist, dass jahrelange Arbeit dahinter steckt. Es waren vier Jahre harte Arbeit und danach wieder aufzustehen ist wirklich schwierig. Ich wün-sche mir dass sie die Energie beibehalten und wieder aufstehen und beim zweiten Versuch den Zuschlag erhalten.

Auf der anderen Seite wünsche ich mir, dass die Gesellschaft das Social Business mehr für sich entdeckt. Das soziales Engagement nicht einfach nur auf Spenden oder Alimentierung von irgendwelchen Menschen beruhen muss, sondern dass es darum geht, Menschen eine Möglichkeit zu geben sich ihre Würde wieder zu erarbeiten, wieder nach Obdachlosigkeit und Arbeitslosigkeit ins Leben zurückkommen können. Biss hat bewiesen, dass es geht. Wir können uns mit einer Sinnhaftigkeit engagieren und dadurch auch eine Erfüllung erlangen, die jenseits des reinen hetzten nach Geld liegt. Den Menschen sollte bewusst werden, dass man dadurch wirkliches Glück erfahren kann. Das klingt jetzt sehr idealistisch aber wir sollten mehr miteinander arbeiten, als gegeneinander. Das wäre mein Wunsch – ich versuche meinen Lebensstil daran auszurichten und für mich ist es einfach der einzige Weg.

Foto: Haag/Münchner Merkur

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