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Interview mit Hans-Georg Thönges – Macht Arbeit glücklich?

Hans-Georg Thönges ist Bereichsleiter für Wissenschaft und Zeitgeschehen in der Zentrale des Goethe-Instituts in München. Im Namen des Goethe-Institus veranstaltet er zusammen mit den Münchner Kammerspielen und der Nemetschek-Stiftung die Globale Debattereihe World Wide: Work. Bevor am Sonntag, den 25. Mai 2014 Tokio, Madrid und München per Liveübertragung die Frage „Macht Arbeit glücklich?“ diskutieren, verrät uns Hans Georg Thönges im Interview seine Ansichten zum Thema Arbeit.

©Bettina-Siegwart

©Bettina-Siegwart

Entspricht Arbeit der Natur des Menschen?

Die seit Januar in den Münchner Kammerspielen laufende Debattenreihe World Wide : Work ließ erkennen, dass diese Frage uneingeschränkt bejaht werden kann. Wer allerdings annimmt, wie vielleicht die Kritiker eines bedingungslosen Grundeinkommens, dass allein Erwerbsarbeit der Natur des Menschen entspricht, verengt die Perspektive unnötig. Untersuchungen haben längst ergeben, dass das Grundbedürfnis zur Betätigung, damit nach sozialer Anerkennung und Wertschätzung, keineswegs durch ein Grundeinkommen verschwindet. Allein aus dieser Erkenntnis, neben einer Vielzahl einschlägiger arbeitssoziologischer Untersuchungen, ergeben sich hinreichend Anhaltspunkte, die dafür sprechen, dass Arbeit mit der Natur des Menschen übereinstimmt.

Was motiviert Menschen, zu arbeiten? Arbeiten wir nur, um reich zu werden?

Es kommt immer auf den Ausgangspunkt und den von dort aus eingenommenen Blickwinkel an. World Wide : Work hat, wie der Titel schon sagt, gerade keinen spezifischen kulturellen, sozialen oder politischen ‚Standpunkt‘. Vielmehr geht es um die Suche nach Differenz und die Debatte entlang der Schnittlinien zwischen Ost und West, zwischen Nord und Süd und die jeweils dazwischen liegenden Weltregionen. Dazu kommen Entwicklungsstand, Fortschrittsgläubigkeit und/oder kulturell-zivilisatorische Bedingungen. Ein wenig überraschendes, in der Konkretheit dann doch wieder verblüffendes Ergebnis der internationalen Debatten-Reihe war bisher, dass sich die Diskutanten in Sprachlosigkeit begegneten, wenn es darum ging, Angehörigen anderer Kulturen die jeweils eigene Einstellung zur Arbeit und die jeweiligen Kontexte zu vermitteln. Existenzsicherung oder Wohlstandsmehrung sind Teilsummen-Argumente, die nicht ausreichen, die Gesamtkomplexität von Arbeitsmotivation, gar in globaler Perspektive zu erfassen.

Muss Arbeit sinnvoll sein, um den Menschen glücklich zu machen?

Man ist rasch dazu verleitet, die Antwort mit einem einfachen JA zu beantworten. Bei näherem Hinsehen wird jedoch deutlich, dass Sinnhaftigkeit keineswegs automatisch zum Glück führt. Wenn etwa alleinstehende Frauen in Indien in größter Armut Verstorbene würdig beisetzen, um die sich ansonsten niemand gekümmert hätte, so dürfte sich schwer ein Zusammenhang zwischen „sinnvoll“ und „glücklich“ herstellen lassen. Etliche Dokumentarfilme, wie Working Men’s Death, treiben solche Paradoxien auf die Spitze. „Sinnvoll“ im Sinne von „tauglich“, „zweckmäßig“, vielleicht sogar „wertvoll“ reicht demnach zur Erklärung nicht aus. Eine tatsächlich glücklichere Variante des arbeitenden Menschen zeigt dagegen Konstantin Faigle in seinem Film „Frohes Schaffen – Ein Film zur Senkung der Arbeitsmoral“.

Zweifellos lässt sich unter Bedingungen einer halbwegs geregelten Arbeitswelt konstatieren, dass neben der von Faigle ins Bild gesetzten Work-Life-Balance wertgeschätzte und abwechslungsreiche Arbeit mit der Möglichkeit hochgradiger Eigengestaltung und Zeiteinteilung zur Zufriedenheit beiträgt. Jedenfalls ist diese Art von Arbeit dem Glücklichsein nicht abträglich.

©Judith Buss

©Judith Buss

Im Mittelalter galt Muße als höchstes Privileg, da erst sie das Ausleben eigener Bedürfnisse ermöglichte. Inwiefern hat sich das geändert, da Arbeit heute von vielen auch als Selbstverwirklichung gesehen wird?

Der oben erwähnte Film Konstantin Faigles macht deutlich, Muße war keineswegs nur ein Privileg des Mittelalters, sondern könnte, ins Heute übertragen, als Rückholung des Innehaltens verstanden werden. Muße bedeutet ja keineswegs der pure Müßiggang oder die Gunst des Augenblicks, sich gehen zu lassen oder unterdrückte Neigungen auszuleben. Das dem Alt- bzw. Mittelhochdeutschen entstammende „muoza“ bzw. „muoze“ heißt doch eigentlich nur „Gelegenheit“. Diese wiederum kann sich auf Kreativität oder auf Entschleunigung von Arbeitsprozessen wie Lebensbiographien beziehen. Das eine hat mit schöpferischer Muße, das andere mit Wiedergewinnung von Lebensqualität zu tun. Unter dieser Betrachtung wäre die Selbstverwirklichung allein durch Erwerbsarbeit – und meist ist ja diese in solch einem Kontext gemeint- nur eine Reduktion menschlicher Natur.

Wie schätzen Sie Utopien, wie die Initiative zum Bedingungslosen Grundeinkommen in der Schweiz ein? Kann eine so radikale Veränderung des Verhältnisses von Geld, Arbeit und Freizeit erfolgreich sein?

Wir leben in einer utopiearmen Zeit, somit ist es doch zu begrüßen, wenn es überhaupt Utopien gibt und Menschen, die sich mit alternativen Gesellschafts- und Lebensformen in Deutschland, Europa und vielen Teilen der Welt beschäftigen. Ich würde bestreiten, dass die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein reines Schweizer Phänomen ist. Unser Sprecher der zweiten Veranstaltung von World Wide : Work Ende Februar, der dm-Markt-Gründer und Unternehmer Götz Werner hat gezeigt, dass diese Idee auch in Deutschland aktiv und ernsthaft diskutiert wird und seine Unterstützer in allen Gesellschafts- und Bildungsschichten findet.

Eine radikale Veränderung des Verhältnisses von Geld, Arbeit und Freizeit ist aber auch bei einer möglichen Verwirklichung des Grundeinkommens nicht zu erwarten. Das Verlangen von Menschen, sich durch zusätzliches Arbeiten bestimmte individuelle Wünsche oder Bedürfnisse zu erfüllen, wird auch dann vollkommen normal bleiben. Es wird meines Erachtens – entgegen der Einwände mancher Kritiker – nicht zu einer reinen Freizeitgesellschaft führen.

Denken sie, dass sich unser heutiges Prinzip der Trennung von Arbeit und Freizeit in den nächsten Jahrzehnten grundlegend verändert?

Wir befinden uns doch schon jetzt inmitten eines Auflösungsprozesses, was die Trennlinien zwischen Arbeit und Freizeit anbetrifft. Das hat damit zu tun, dass sich in unserer modernen Arbeitswelt die Lebensbereiche Beruf und Freizeit wegen eines steigenden Bedarfs an Flexibilität zunehmend ineinander verschränken. Das Durchdringen des Privatlebens von Büroarbeit, wie es heute für viele Berufstätige bereits Realität ist – zum Beispiel durch das Arbeiten im sogenannten Home Office -, kannte man in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch gar nicht. Diese beiden Lebensbereiche werden sich in der nahen Zukunft nicht mehr so voneinander trennen lassen, wie es noch in der Vergangenheit der Fall war. Wir Menschen werden uns, wenn die oben angesprochenen Gegengewichte nicht zum Einsatz kommen, weiterhin den Notwendigkeiten des Arbeitsmarktes anpassen. Das hat Vor- und Nachteile. Bei einer freien Einteilung der Arbeitszeiten steht eher die Zielerreichung im Vordergrund und das Arbeiten kann persönlichen Lebensumständen, Vorlieben und Bedürfnissen angepasst werden. Auf der anderen Seite aber kann das private Leben nicht mehr so streng vom beruflichen getrennt werden und die Phasen der ‚Frei‘-Zeit werden direkt abhängig vom Erreichen oder Nicht-Erreichen des Arbeitszieles. Problematisch wird es vor allem dann, wenn sich die Anforderungen im Zuge jederzeitiger Verfügbarkeit immer weiter hochschrauben. Dies kann dann nur noch dadurch eingedämmt werden, dass der ökonomischen Steigerungslogik klare Grenzen gesetzt werden.

Was halten Sie vom neu eingeführten Mindestlohn in Deutschland?

Der Mindestlohn, so wie er gegenwärtig hierzulande diskutiert wird, wird nicht die grundlegende Frage über ein würdevolles Zusammenleben der Individuen in der staatlichen Gemeinschaft lösen können. Wenn wir über den Mindestlohn sprechen, also die unterste Grenze dessen, was für eine Stunde Arbeit in Deutschland gezahlt werden soll, sprechen wir vielleicht darüber, wie die Exzesse der Lohngestaltung am unteren Ende der Skale gemildert werden können, nicht jedoch über wachsende soziale Ungleichheit und wie ihr wirksam begegnet werden könnte.
Der auch in der Veranstaltungsreihe World Wide : Work geführte Diskurs über das bedingungslose Grundeinkommen nähert sich dieser Frage schon eher, ohne dass jetzt schon erschöpfende Antworten gegeben werden könnten. Mit einem realisierten Grundeinkommen würde beispielsweise – im Gegensatz zum gesetzlichen Mindestlohn – der Arbeitsuchende aus der Position existenzieller Absicherung zu einem Arbeitgebenden. Auch wenn es sich hier zunächst nur um Terminologie zu handeln scheint, würde ein Grundeinkommen zumindest zu einer stärkeren Begegnung auf Augenhöhe auf dem Arbeitsmarkt, damit zu einem allmählichen Wahrnehmungs- und Einstellungswandel führen. Dies leistet der Mindestlohn nicht.

Wie können wir als Mitglieder der „Generation Y“ Arbeit in Zukunft neu begreifen?

Die Suche der ‚Generation Y‘ nach einer gelungenen Work-Life-Balance, wie sie denen zugeschrieben wird, die um das Jahr 2000 zu den Teenagern zählten, ist nicht grundlegend neu. Auch jeder ältere Arbeitnehmer wünscht sich eine ausgeglichene Balance zwischen Beruf, Familie und Freizeit. Das ist der Idealzustand, den die Menschen in Deutschland spätestens in der Zeit des Wirtschaftswunders anstrebten: Über das, was wir gemeinsam erwirtschaften, sollen sich auch Vorteile im Leben ergeben. Der Unterschied heute allerdings ist, dass dieses Ziel zunehmend alleine, das heißt individuell, verwirklicht werden muss.

Hierfür müssen aber neue Wege gefunden werden. Wie geht man beispielsweise in der Zukunft mit der Allverfügbarkeit des Menschen in Zeiten mobiler Endgeräte um? Wie können bei einer zunehmenden Verschränkung von Beruflichem und Privatem dennoch Grenzen gezogen werden? Wie kann bei einem Übermaß an Flexibilisierung, die damit gleichzeitig einhergehende permanente Unsicherheit über die Lebensgrundlagen verringert werden? Das sind die Fragen der Zukunft, der sich die heutige Generation der jungen Arbeitnehmer und die die darauf folgen, stellen werden müssen.

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