Aktuell, Leben

Macht’s wie der Reichenbach-Kiosk!

Yannik Gschnell

Seit zwei Wochen läuft auf change.org eine Petition mit dem Ziel, den Reichenbach-Kiosk zu schließen. Wirklich erfolgreich war das Schreiben an OB Dieter Reiter bislang allerdings nicht. Von den ersten geforderten 100 Unterschriften kamen bislang gerade einmal 74 zusammen. Dabei hatte man seine Kritikpunkte klar formuliert:

„Der Kiosk ist Tag und Nacht geöffnet und verkauft primär Alkohol. Der Kiosk ist neben dem Gärtnerplatz ein Brennpunkt der Stadt, abendliche Polizeieinsätze, Sachbeschädigungen, Schlägereien, Vandalismus und öffentliches Urinieren zeugen täglich davon. In unmittelbare Umgebung des Kiosks ist ungestörter, sicherer Freizeitgenuss oder Wohnen nicht möglich. Wir fordern die Schließung des Reichenbach-Kiosks, damit diese Gegend rund um die Isar wieder von allen Bürgern und Besuchern sicher genossen werden kann.“

Jaja, da macht man sich schon Sorgen als Anwohner mit Gärtnerplatz-Loft und Isarblick. Für viele andere aber ist der Reichenbach-Kiosk ein Lichtblick im Münchner Nachtleben. Symbolisch, aber auch viel konkreter bei der abendlichen Suche nach dem letzten oder vielleicht auch vorletzten Kaltgetränk.

Die Münchner „Späti-Kultur“

Als „erlaubnisfreie Gaststätte“, so die gastronomierechtliche Bezeichnung, dürfen die Kioskbetreiber nämlich dank einer Ausnahmeregelung außerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen bayrischen Ladenschlusszeiten alkoholfreie Getränke, Tabak, Süßwaren und eben verschlossenes Flaschenbier verkaufen – kein Wein oder Spirituosen, sondern ausschließlich Flaschenbier. Denn Bier gilt in Bayern als Grundnahrungsmittel.

Diese gesetzliche Sonderregelung geht mit wenigen Hürden einher, dennoch finden sich in München nur eine Handvoll dieser bayrischen „Späti“-Interpretation. Dabei wäre es doch vielleicht sogar im Interesse unserer Freunde am Gärtnerplatz, wenn eine Spätverkauf-Kultur in München eher gefördert als behindert werden würde. Ein steigendes Angebot an nächtlichen Verkaufsstellen, würde doch im Zweifel eher zur Auflösung sogenannter „Brennpunkte“ beitragen, als das mehr alt, als bewährte Münchner Law and Order Rezept.

Das Problem ist ja bekannt. Doch mit den Club-Schließungen und den eingeschränkten Barbetrieb wird es uns lediglich intensiviert vor Augen geführt. Die Nachfrage nach einem Leben (und dazu gehört nun auch mal das Feiern) im öffentlichen Raum wird sich nicht durch Verbote oder erhöhtes polizeiliches Aufgebot an sogenannten „Brennpunkten“ mindern lassen. Gerade dann nicht, wenn durch eine Pandemie unser Alltagsverständnis täglich auf den Kopf gestellt und neu interpretiert werden muss.

Macht bitte was, weil wir bleiben!

Nach einer Woche nächtlichem Alkoholverbot im öffentlichen Raum, wenn auch aus anderen Gründen, hat sich daran auch nichts geändert. Doch wie wollen wir weiter machen? Den Sommer haben wir jetzt bald schon wieder überstanden und im Winter ist es dann wieder zu kalt, um sich auf dem Gärtnerplatz zu schlagen und in Hauseingänge braver Bürger zu kotzen. Aber der nächste Sommer kommt bald wieder und mit ihm wieder diese ewige Diskussion.

Wo sind die Petitionen, die mehr und nicht weniger fordern? Warum findet die Petition so oft destruktive Anwendung, wenn es doch auch zugleich so ein konstruktives Werkzeug sein kann? Die Lust aufs Feiern, auf das Beisammensein in den Straßen unserer schönen Stadt, lässt sich doch nicht auf Spätverkaufsstellen zurückführen. Durch den Mangel kommt die Konzentration und aus ihr entsteht Reibung, die sich in negativen Schlagzeilen entlädt.

Wo ist die Petition, die die Eröffnung von Spätverkaufstellen fördern will? Oder der Brief an Dieter Reiter, der den Mangel an Kiosken nach Reichenbach-Vorbild entlang der Isar moniert? Organisiert euch, ihr habt doch alle die Möglichkeit!


Beitragsbild: © Jonas Haesner

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