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Meine Halte – Folge 10: Vogelweideplatz

Meine Haltestelle

So ziemlich jeder Münchner hat eine und verbringt dort mehr Zeit als ihm lieb ist. Haltestellen sind seltsame Zwischenorte. Wir sind eigentlich nur dort, weil wir woanders hin wollen. Auf dem Heimweg zählen wir den Countdown bis zu unserer Haltestelle. Wir holen dort sehnsüchtig erwarteten Besuch ab. Viel öfter als wir es zugeben wollen, haben wir kurz vor Ladenschluss beim Haltestellenkiosk, -bäcker, imbiss "eingekauft". Regelmäßig sprinten wir ihr entgegen, damit wir doch noch die Bahn, Tram oder den Bus erwischen, der uns zu unserem eigentlichen Ziel bringt. Höchste Zeit, dass wir uns unsere Haltestellen ein bisschen genauer anschauen und deshalb stellen wir euch künftig jede Woche eine Haltestelle des MUCBOOK-Teams vor.
Meine Haltestelle

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Wenn meine Halte eines hat, das sie von all den anderen unzähligen Haltestellen in München unterscheidet, dann wohl vor allem das: Es gibt kaum einen schöneren Namen für eine Halte als den „Vogelweideplatz“.

Wer diesen Namen hört, dem drängt sich sofort ein idyllisches Bild voll von kleinen, umherspringenden Vögeln auf, die munter pickend auf einem schönen, grünen Platz zwitschern und sich des Lebens freuen. Nach dem berühmten und berüchtigten Minnesänger Walther von der Vogelweide (um 1170 -1230) benannt, erinnert er an Zeiten, die schon lange nicht mehr existieren. Idylle und weidende Vögel sucht man nämlich leider vergebens an meiner Halte – armer Walther!

Fernweh an der Autobahn

Die Realität sieht folgendermaßen aus: Hier gehen die Prinzregenten- und die Einsteinstraße in die Autobahn über. Folglich gibt es alles, was man an einer Autobahnauffahrt so braucht: Eine Tankstelle, die 24 Stunden geöffnet hat und einen rettet, wenn es wieder einmal viel zu schnell 20.00 Uhr geworden ist. Eine ganze Kühlschrankwand voll kaltem Bier gibt´s selbstverständlich auch.

Wenn ich an meiner Halte stehe und warte, kommt es daher häufig vor, dass ich vom Fernweh gepackt werde. All die verschiedenen Menschen in ihren Autos und LKWs, mit einem Ziel im Irgendwo, warten geduldig bis die Ampel an meiner Halte ein grünes GO anzeigt und sie in die Ferne starten können. Ein letztes Mal tanken und ab geht´s. Aufbruchstimmung Olé! Warum nicht irgendein Auto anhalten und einfach mitfahren?

Baustellen-Entschleunigung

Auch das Baureferat meint es gut mit dem Vogelweideplatz. Eine neue Tramlinie wird gebaut, vom Max-Weber-Platz bis zur S-Bahn Berg am Laim. Der Anschluss wird immer besser, der Baustellenlärm immer lauter und die Straße immer mehr aufgerissen. Mittlerweile sind wir Anwohner aber auch daran schon gewöhnt, schließlich wird auf der anderen Seite des Vogelweideplatzes ein Haus nach dem anderen abgerissen. Man bleibt sportlich, wenn man im letzten Moment feststellt, dass die Haltestelle wieder um 50m verlegt wurde und der Bus schon dabei ist, die Türen zu schließen. Dank meiner Halte lerne ich, flexibel zu sein. Und das ist nicht die Einzige Lebensweisheit, die sie mir mit auf den Weg gibt.

So ärgerlich der morgendliche Baulärm, lautes Piepsen beim Rückwärtsfahren der Baufahrzeuge und riesige Staubwolken auch sein mögen: diese Baustellen sind der Grund dafür, dass meine Halte mein Leben entschleunigt.

Dann kommt man eben zu spät!

Wo gebaut wird, ist auch Stau. So kommt es regelmäßig vor, dass mein Bus für eine Strecke, die bei ruhiger Verkehrslage in fünf Minuten gefahren werden kann, auch mal eine halbe Stunde braucht. Da hilft kein Ärgern und kein Fluchen – dann kommt man eben zu spät. Das muss man dann so hinnehmen, die kleine Alltags-Auszeit im Berufsverkehr genießen und hoffen, dass das Wetter möglichst bald wieder Radltauglich wird.

Denn auch das schafft meine Halte: Sie hält mich ungemein sportlich, da man alles eben doch viel schneller mit dem Rad erreicht. Danke für all die guten Eigenschaften, die ich durch dich gelehrt bekomme, du lieber Vogelweideplatz!


Text und Beitragsbild: Natalie Adel

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