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Mir san…Wer?

Jana Edelmann

Jana lebt, schreibt und studiert in München.
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Die Münchnerin Jana Edelmann schreibt für mucbook über das Leben in einer fremden Metropole. Istanbul auf mucbook. Mit offenen Augen. Und bayerischem Herzen.
Kolumne 2: Wer ist ein „Istanbullu“ – und wenn ja, wie viele? – über Identitätsprobleme in einer Migrationsmetropole..

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In München beantwortet sich die Identitätsfrage ziemlich einfach: Mir san mir, und das ist auch gut so! So schlicht und unreflektiert dieses Statement auch sein mag, es fusst immerhin auf relativ einheitlichem Lebensstil und ziemlich gehobenem Lebensstandard. Egal ob Zuagroaster oder Münchner Kindl – wir mögen die gelassene Münchner Gemütlichkeit und den Wohlstands-Laissez-Faire genießen auch die Grantler gern. Selbst wenn selten Dialekt gesprochen wird, ‚Servus‘ und ‚Grüß Gott’ gehören zum einenden Münchner Begrüßungsritual. Auch das allgemeine Bekenntnis zur Biergartenkultur und die Liebe zum Dolce-Vita Lebensgefühl verbindet uns 1,3 Millionen Landeshauptstädter. Da macht es auch nix, wenn böse Berliner Zungen über unseren dörflichen Charakter lästern – wir wissen ja, wer hier der wirkliche Weltstädter mit Herz ist. Das selbstbewusste Münchner Selbstverständnis – wenn auch manchmal extern belächelt und bekritelt – wird intern nicht in Frage gestellt.

Mit diesem bayuvarisch-urbanen Hintergrund und als Fremde in einer neuen Stadt wollte ich natürlich die besonderen Merkmale der Istanbuler Identität herausfinden…

Nur – es gibt sie nicht.

Verallgemeinerungen und einheitliche Zuschreibungen über die Istanbuler Lebensart sind nicht möglich. Das ist enttäuschend, wenn man auf der Suche nach einfachen Wahrheiten ist. Es ist spannend, wenn man aufgeschlossen und neugierıg ist. Und es ist herausfordernd, wenn man neue Leute trifft.

Istanbul ist heute eine Megacity mit geschätzten 15 Millionen Einwohnern, es können auch fünf Millionen mehr sein – zuverlässige Zahlen gibt es nicht. Vor 60 Jahren aber lebten hier kaum mehr als eine Millionen Menschen. Von Megacity mit Metropolcharakter konnte bis in die 80er Jahre nicht die Rede sein, erst damals begann der extreme Bevölkerungszuwachs. Eine moderne Istanbuler Identität kann es also schon deshalb nicht geben, weil gar keine Zeit war, eine gemeinsame Geschichte, gemeinsame Bräuche und Traditionen zu entwickeln.

Es fehlt aber nicht nur an Zeit, um ein Istanbuler Gruppengefühl zu erschaffen. Es fehlt vor allem an gemeinsamen Lebenskonzepten.  Mehr als 80 Prozent der heutigen Istanbuler stammen aus Anatolien und der Schwarzmeerregion. Und die Zuwanderer haben nicht nur ihre Familien und Freunde mitgebracht. Vor allem haben sie ihre dörflichen Strukturen in das Metropolenleben verplanzt. So kommt es, dass Pferdewägen mit Früchten durch die Stadt rollen, einige Stadtviertel in den Clanstrukturen anatolischer Dörfer organisiert sind und die Kopftücher der Frauen mal streng und blickdicht um Kinn und Stirn gebunden sind, mal lose und in bunten Farben über lange Haare wehen.

Frauen im Istanbuler Stadtleben verdeutlichen vielleicht am besten, dass es nicht eine Istanbuler Lebensart gibt, sondern viele, widersprüchliche, gegensätzliche Lebensentwürfe. Es ist etwa Blödsinn zu sagen, eine Frau in Istanbul sollte keinen kurzen Rock tragen. Es ist aber genauso blösinnig zu sagen, eine Frau in Istanbul kann ohne Probleme einen kurzen Rock tragen. Es hängt davon ab, wo sie den kurzen Rock trägt.
In Cihangir unterscheidet sich der Lifestyle wenig vom Glockenbachtum, lange Leggingsbeine wippen en masse in den Straßencafes – und niemand guckt auch nur schief. Im kurdischen Viertel Tarlabaşı sind Kopftücher zwar selten, Miniröcke aber eher an transsexuellen Prostituierten zu sehen denn an jungen Mädchen. Und im tiefreligiösen Fatih huschen vor allem schwarz verschleierte Geisterfrauen umher – nackte Frauenbeine wären eine Provokation.

Einige Istanbuler hadern mit dieser fragemtierten Realität und beschwören wegen der anhaltenden Einwanderung aus den ländlichen Gebieten den kulturellen Verfall ihrer Stadt. Einige isolieren sich von der städtischen Vielfalt und bleiben in ihren vertrauten Vierteln. Und einige genießen einfach die Buntheit der unterschiedlichen Welten, die in dieser Stadt versammelt sind. Aber keiner wusste bisher eine Antwort auf meine Frage, was einen wahren ‚Istanbullu‘ ausmacht.

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