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„München ohne Bernd Hartwich ist wie Manchester ohne Tony Wilson“. Ein Nachruf

Bernd Hartwich war eine zentrale Figur der Münchner Pop- und Indieszene, und prägte mit Bands wie Merricks oder Der Englische Garten den Sound und die Seele der Stadt. Ein Nachruf von seinem langjährigen Freund und Weggefährten Jürgen Dobelmann, der mit ihm gemeinsam bei The Soulboy Collective spielte.

Es mag an der gegenseitigen popkulturellen Abneigung zwischen den beiden süddeutschen Ballungszentren Stuttgart und München gelegen haben, die Zeit meiner Jugend vorherrschte, dass mir der Name Bernd Hartwich nicht längst als gängiger Indiepop-Household-Name geläufig war, als ich 2006 in die bayerische Landeshauptstadt übersiedelte. Hätte ich in den Achtziger Jahren bereits erahnt, dass die Stadt neben dem landauf, flussab bekannten Mainstream-Klimbim auch Bands wie die Merricks zu bieten hatte, so wäre ich gewiss bereits das eine oder andere Mal zuvor die A8 hinunter gejuckelt, um die Sache mal in Augenschein zu nehmen. So nun aber blieben mir zahllose magische Pop-Momente verwehrt, in denen Bernd Hartwich eine zentrale Rolle spielte – und die ich mir in den vergangenen Jahren anhand nostalgisch verklärter Anekdoten und Internet-Fundstücken nachträglich selbst zusammenreimen musste.

Angefangen von legendären Merricks-Auftritten und Platten (allen voran „The Sound Of Munich“ mit Moritz Rrrs tollem „Schwabylon“-Cover), über famose Fußball-Hits (als Jetzt schlägt’s 60! „Für immer blau“), über absurde „Skandale“ („Bernd ist kein Mod mehr!“-Poster im Optimal-Plattenladen) und eine DIY Pop-Talkshow-Reihe im Kafe Kult (deren Namen ich leider vergessen habe und von der es auch angeblich keine Aufzeichnungen gibt – gewiss hat mich Bernd da wieder verarscht) bis hin zu brillanten Auftritten zusammen mit Pogues-Bassist Daryl Hunt mit dem Bandprojekt Bish.

Nachdem ich nun all das (und noch viel, viel mehr!) verpasst hatte, führte uns das Indiepop-Musiker-Schicksal dann schließlich doch noch zusammen: nach gemeinsamen Festivals (digitalanalog, Popfest Berlin) und Veröffentlichungen beim selben Indielabel (Firestation Records) mit seiner ebenso vielköpfigen wie großartigen Indie/Soul/Mod/Ska/Dexy’s-Pop-Band Der Englische Garten gelang es mir schließlich, Bernd für eine Mitwirkung an meinem kleinen Bandprojekt zu gewinnen. Es sollte sich dabei herausstellen, dass er nicht nur ein großartiger und beängstigend stilsicherer Musiker – sondern der mit Abstand lustigste, klügste, charmanteste, herzlichste, inspirierendste, coolste/uncoolste, pop-fachkundigste und liebenswerteste musikalische Mitstreiter (und Mensch) war, den man sich nur wünschen kann. Gleichzeitig konnte man sich zu keiner Sekunde sicher sein, dass er einen mit seinen skurrilen Anekdoten und Episoden aus der Welt der Popkultur, des Films, der Stadtgeschichte und – ganz wichtig – 1860 München nicht doch nur wieder einmal nur an der Nase herumgeführt hatte.

München ohne Bernd Hartwich ist wie Manchester ohne Tony Wilson. Er war das (popkulturelle) Herz und die Seele dieser Stadt. Straßen und Plätze sollten seinen Namen tragen.


Beitragsbild: Bernd Hartwich (2.v.r.) und seine Band „Der Englische Garten“. Foto: © Nader Safari

1Comment
  • Harry Vogel
    Posted at 18:35h, 12 März

    Lieber Jürgen, die DIY TZalkshow gab es wirklich, sie hieß „In unserer Stadt“ und war ein absolutes Highlight!

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