Kultur

„Musik ist auch Poesie“

Laura Stecher
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Heute Abend präsentieren Jamaram ihr neues Album La Famille live im Feierwerk. Als kleines Schmankerl davor gibt es hier den dritten und letzten Teil unserers Interviews mit Murxen, Lionel und Sam. Diesmal reden die Jungs über politische Musik, Erfolgsrezepte und rappen uns sogar was vor.
Den ersten und zweiten Teil gibt es auch bei mucbook.

Kamerakind: Reizt es euch manchmal „modernere“ Musik wie Beispiel zum Elektro zu machen?

Lionel: Ja, und das machen wir auch schon. Nur anteilsweise, wie wir immer ein bisschen von allem machen, worauf wir halt Bock haben. Ich stehe gerade auf Dubstep. Und dann haben wir letztes Jahr auch schon in der Show fetter, brachialer, höher, schneller eine Dubstep-Einlage gemacht. Bei der wir den Leuten ohne Vorwarnung ein bisschen was aufs Maul geben.

Murxen: Es gibt auch ganz viele Songs, die auf Tour aus einer Quatschsituation entstehen. Irgendjemand reimt sich Sachen zusammen. Und das ist dann total witzig, meistens auf Deutsch, aber meistens auch etwas unter der Gürtellinie.

Kamerakind: Zum Beispiel?

Murxen: ,Wir sind die Sessionband, man kann uns mieten, wir sind die Jungs, die dir den dicken Beat bieten. Du brauchst es dick und fett, dann tu` s mit uns. Und auf speziellen Wunsch sind wir auch nett.` Und sowas tun wir nicht auf ein Jamaram-Album drauf. Aber es wird irgendwann bestimmt ein Album geben, wo diese ganzen Ausdünstungen aus dem Jamaram-Kosmos zu hören sind. Und das wird dann auch elektronischer mit Beats und so. Und Deutsch. Das kommt irgendwann bestimmt.

Sam: Aber es ist jetzt nicht so, dass wir den Zwang verspüren, den „Zahn der Zeit“ zu bedienen. Das war noch nie so, dass wir uns einer Stilrichtung hingegeben haben und gesagt haben: ,Das ist jetzt hip, das machen wir jetzt.` Wir hatten nie so den Masterplan, wie wir am besten den Markt bedienen können. Was gibt’s jetzt schon? Und was gibt’s noch nicht? Welche Nische könnten wir füllen? Das kam uns eigentlich immer auf natürliche Weise, das was wir gemacht haben. Das wäre auch etwas komisch, wenn Jamaram plötzlich in Neonklamotten Elektro-Musik oder mit Röhrenjeans Indie-Pop machen würde. Das würde einfach nicht ankommen. Das würde uns keiner abkaufen.

Murxen
: Was so bisschen unser Erfolgsrezept ist ist die Authentizität. Wenn wir auf der Bühne stehen, machen wir einfach das, auf was wir Bock haben und haben Spaß dabei. Und das ist der Hauptgrund, warum so viele zu unseren Konzerten kommen. Viele sind gar keine großen Reggae-Fans, sondern spüren, dass das, was da oben passiert, echt ist. Weil wir es einfach gerne machen. Weil wir es schon so lange machen. Weil wir es einfach lieben. Und auf diese Energie sind die Leute scharf. Es gibt nicht mehr so viel, was wirklich echt ist in der Musikszene. Und das ist auch das, was uns am Überleben hält. Die Leute wünschen sich was, das echt ist. Und wir sind echt.

Kamerakind: Haben sich die Themen eurer Texte im Laufe der Zeit verändert? Habt ihr früher über die Schule gesungen und singt ihr jetzt übers Heiraten?

Sam
: Ne, ne. Es gibt natürlich eine Entwicklung, aber wir haben früher nicht über die Schule gesungen. Wir waren früher eher politisch. So auf: ,Hey, schmeißt euren Fernseher aus dem Haus!` und ,George W. Bush kontrolliert all eure Köpfe` und so. Davon haben wir uns irgendwann mal abgewendet, weil wir gemerkt haben, dass wir politisch eigentlich gar keine Ahnung haben. Und bevor du irgendeinen Scheiß erzählst mit so Schlagwörter, wie bei anderen Bands, die so voll politisch waren und immer aufgerufen haben an den Konzerten, dass die Leute endlich die Augen öffnen und sie nicht verschließen vor den schlimmen Sachen, die die ganze Zeit passieren. Das fand ich immer so „Meinungs aufdiktroierend“. Da fand ich schon immer, dass ich dafür nicht der Prophet bin. Deswegen schreibe ich lieber über mein Leben, über das ich mich einigermaßen auskenne als über die ganze Welt, in der ich mich im Prinzip überhaupt nicht auskenne.

Kamerakind: Aber in manchen Themen hat jeder seine Meinung, da könntest Du auch Deine Meinung sagen.

Sam
: Logo! Aber jetzt gerade interessiert mich die politische Lage der Welt nicht so krass wie mit 18. Damals war ich viel mehr so drauf. Mittlerweile versuche ich erst mal mein eigenes Leben auf die Reihe zu bringen bevor ich versuche die Welt zu retten. Und ich finde, das ist schon schwierig genug.

Kamerakind: Aber euer Publikum ist auch 18 oder 19 und interessiert…

Sam: Ja, aber ich schreibe ja nicht für mein Publikum, sondern für mich. Und mein Publikum sucht sich mich dann aus. Auf unsere Konzerte kommen auch nicht die politisch interressiertesten Menschen, die es gibt.

Lionel: Oder sie kommen nicht zu uns, um politische Meinungen zu hören, sondern um eine gute Zeit zu haben. Du wirst halt sobald du einmal die Nachrichten anschaltest sofort mit den schlimmsten Neuigkeiten konfrontiert. Und bei uns ist eher das Ding, dass wir nicht versuchen eine politische Meinung zu vertreten, sondern einfach Freude am Leben zu vermitteln. Und das ist eine genauso gehaltvolle Aussage wie politische Themen anzusprechen. Wenn man einfach kurz mal innehält und denkt: ,Es ist gar nicht alles so schlecht, sondern man kann auch leicht Spaß haben, indem man einfach lächelt und sich locker macht.`

Kamerakind: Was ist wichtiger: Der Text oder die Musik?

Murxen: Wenn ich mir ein Album an von einem Künstler anhöre, das mir gefällt, dann achte ich natürlich erst mal auf die Musik. Außerdem ist der Text oft auf Englisch oder Spanisch. Und wenn mir die Musik gefällt, dann setzte ich mich vielleicht noch mit den Texten auseinander, aber in erster Linie zählt für mich die Musik. Und das ist auch die Erfahrung von vielen unserer Fans.

Sam: Bei mir ist es anders. Ich achte erst auf den Text, wenn ich einen Song höre. Wenn der Text total Banane und Panne ist, dann nervt mich das Lied einfach automatisch. Aber wenn der Text gut ist, dann kann die Musik in Anführungsstrichen sogar „schlecht“ sein oder du musst keinen guten Sänger mit einer tollen Stimme haben. Weil der Text einfach fucking gut ist und du denkst: Geil! Das darf man nicht vergessen: Musik ist auch Poesie…

Interview: Milena Vucinic und Laura Stecher

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