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Reportage: Neuperlachs Perle – ein Nachmittag im Shoppingcenter

MUCBOOK Redaktion

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Jeden Tag besuchen Zehntausende Münchner die Perlacher Einkaufspassagen, kurz pep. Mit dem Erweiterungsbau und dem Einzug des ersten Primark Münchens dürften es bald noch mehr werden. Die wahren Stammgäste des pep kommen aber nicht zum Einkaufen hierher. Ein Nachmittag im Shopping-Center.

Eine Reportage von Leonie Sanke

Auf dem Boden glänzen beige gesprenkelte Fliesen, an der Decke quellen Kabel aus den Metallstreben, die sonst von weißen Platten verdeckt sind. Die Perlacher Einkaufspassagen im Münchner Stadtteil Neuperlach sind groß, aber nicht weitläufig. Das Tageslicht, das durch die Glaskuppel im Nordteil fällt, kommt nicht im langen Rundgang im anderen Teil des Centers an.

Teenies diskutieren über Erdoğan

Didem, Nilab, Irene und Samuel stehen zwischen Rolltreppe, Schuh- und Kosmetikladen auf einem großen roten Pfeil, der Richtung Kaufland zeigt, und diskutieren über Erdoğan. Eigentlich gibt es nicht viel zu diskutieren, die vier sind sich einig. “Alle Deutschtürken, die für Erdoğan gestimmt haben, sollten ihren deutschen Pass abgeben und zurück in die Türkei gehen”, sagt Didem, fast 18, schwarzer Hoodie mit Atatürk-Schriftzug und Halskette mit goldenem Didem-Schriftzug. Irene, Nilab und Samuel, alle 17 und wie Didem mit Parka, Jeans und Sneakern ausgestattet, nicken.

Die vier haben sich in der achten Klasse kennengelernt und treffen sich seitdem fast jeden Tag im pep. “Shoppen gehen wir hier kaum noch, wir kennen ja schon alles”, sagt Irene. Sie hat ihre langen Haare schwarz gefärbt, ihr dunkelroter Lippenstift ist perfekt auf die Farbe ihrer Brille abgestimmt. Statt zu shoppen sitzen die vier meistens im “Mäggi”, da gibt es kostenloses WLAN. Oder sie stehen einfach rum und quatschen, wie heute.

Ab und zu entdecken sie ein bekanntes Gesicht. Stephan, klein, blond, Pumper-Typ, löst sich im Vorbeigehen aus seiner Gruppe und begrüßt die Vier per Handschlag. “Was geht?” “Gut, bei dir?” Stephan geht weiter. Jenny, blonde Mähne, baumelnde Handtasche und voluminöser Pelzkragen, umarmt Didem stürmisch. “War das die, die schwanger war?”, fragt Nilab. “Nee, das war die andere”, sagt Didem.

„Ein-Blick in unsere Zukunft“

“Habt ihr schon gesehen, wie die Toiletten werden?”, fragt Irene. “Da muss man ja bald fünf Euro zahlen statt 50 Cent!” Sie zeigt auf eine der drei schwarzen, quadratischen Säulen neben der Rolltreppe. “Ein-Blick in unsere Zukunft” steht darauf in goldenen Buchstaben. Eines der Bilder zeigt, wie sich die Innenarchitekten den Eingangsbereich der neuen pep-Toiletten vorgestellt haben: Geschwungene, in weiß und gold gehaltene Wände mit riesigen Toilettenmännchen und in der Mitte eine Theke, die aussieht, als würde die Dame dahinter die Gäste eines Day-Spas begrüßen.

“Und der Primark wird total klein”, sagt Nilab, “die sollten lieber mal die ganzen Mami-Läden hier rausnehmen.” Irgendwann im Jahr 2018 wird das pep nicht nur der einzige Primark-Standort sondern auch die größte Shopping-Mall Münchens sein. Didem, Nilab, Irene und Samuel sind sich nicht sicher, ob sie sich darüber freuen sollen. In die Primark-Filiale in Hannover quetschten sich am ersten Tag rund 20.000 Menschen, um sich T-Shirts für fünf und Jeans für zehn Euro zu kaufen.

Muzhgah Ghafoory hat sich schon lange nichts mehr geleistet im pep

Auch sie ist fast jeden Tag hier. Die 42-Jährige sitzt auf einer der mit schwarzem Kunstleder bezogenen Bänke in der hintersten Ecke des Centers. Um die kleine, zierliche Frau mit dem freundlichen Lächeln herum springen, rennen und krabbeln ihre vier Kinder: zwei Mädchen, fünf und drei, zwei Jungs, acht und vier. Nur um an ihrem Erdbeereis zu lutschen, bleiben sie kurz stehen. Die Dreijährige stolpert über den Kinderwagen, den ihr Bruder über den Gang schiebt. Sie weint kurz, Mama tröstet, weiter geht’s. Der Vierjährige tapst in den Kosmetikladen nebenan und greift sich eine Badekugel aus dem Schaufenster. Mama holt ihn zurück und tadelt ihn mit ruhiger Stimme auf Afghanisch.

Seit neun Jahren ist Muzhgah Ghafoory in Deutschland, die meiste Zeit davon lebte sie in Neuperlach. Sie sagt, sie könne nicht so gut Deutsch und bittet ihren ältesten Sohn um Hilfe, doch die braucht sie gar nicht. Sie komme gern ins pep, erzählt sie, es sei viel geboten und oft treffe sie auch die Familie ihres Mannes oder Bekannte. “Es ist sehr gut hier mit den Kindern”, sagt sie. An manchen Nachmittagen ist auch ihr Mann dabei, er ist gerade wieder arbeitslos. Im pep stört sich niemand am Toben der Kinder, die Kinder sind glücklich und Muzhgah muss den Nachmittag nicht in der kleinen Wohnung in einem der Wohntürme nebenan verbringen.

Stadt neben der Stadt

Das pep mit seiner Fassade aus rotbraunem Backstein und der grünen Fensterverkleidung steht mitten in Neuperlach, die U5 hält vor der Tür. Für Neuperlach ist das pep so wichtig wie Neuperlach es einmal für München war. In den 60er Jahren setzten Stadtplaner Neuperlach aus Großwohnsiedlungen zusammen, um die Wohnungsnot zu lindern. Als organische “Stadt neben der Stadt” war Neuperlach geplant. Doch was damals als Zukunft des Städtebaus gefeiert wurde, ging aus heutiger Sicht nach hinten los. Wenn Neuperlach eine Stadt ist, dann ist das pep seine Fußgängerzone.

Im Erdgeschoss ein Biergarten, ein bisschen bayerische Gemütlichkeit. Hier bringt zwar niemand seine Brotzeit mit und vor der Sonne, die durch die Glaskuppel fällt, schützen die Gäste keine Kastanienbäume sondern Paulaner-Schirme, aber es gibt Bier und viel Weiß-Blau. Noch. “Am Samstag ist der letzte Tag, dann ist das alles weg hier”, sagt Hans. Der 75-jährige Rentner mit dem weißen Schnurrbart sitzt mit seinen Freunden Franz, Klaus und Ursel an einem der Holzklapptische, zwischen ihnen eine rote Rose, ein Bierkrug voller Besteck und sich leerende Gläser. Hans und Franz trinken Helles, Klaus Weizen und Ursel Spezi und Latte Macchiato – wie immer, schon seit Jahren.

Die Stimmung der Vier ist heute melancholisch.

Das Dröhnen irgendeiner Maschine dringt durch die dünne Wand mit der Primark-Werbung gleich neben ihrem Tisch. Dahinter entsteht der Anbau, dem ihr Biergarten weichen muss. “Das geht mir auf den Keks”, sagt Klaus. “In Bayern, wo das Bier das A und O ist für die Männer – das geht nicht”, sagt Hans, der aus Oberschlesien stammt. “Die verwechseln Bayern mit Norddeutschland oder Westdeutschland.”

Für sie Ältere sei das schlimm, sie hätten sich ja hier kennengelernt. Jetzt bleibt ihnen nur noch der Vinzenz Murr, aber da sitzt es sich so schlecht. Alle vier wohnen seit Jahrzehnten in Neu- oder Altperlach. Ursel ist die einzige geborene Münchnerin. Sie verrät weder ihr Alter noch sonst besonders viel von sich. Nur, dass sie mal im Büro gearbeitet hat und 1983 nach Neuperlach gezogen ist. Damals war das pep zwei Jahre alt und ein sandfarbener, fast fensterloser Bau. Einkaufskultur nach amerikanischem Vorbild. Zur Feier der Eröffnung hatte der Oberbürgermeister Erich Kiesl eine Torte in Form des pep-Logos überreicht bekommen. Das Logo, die drei abgerundeten Buchstaben, ist bis heute gleich geblieben. Sonst hat sich viel verändert.

„Pep gammeln“

Alle paar Jahre wurde das pep erweitert oder umgebaut, einige Geschäfte schlossen, sehr viel mehr kamen dazu. Inzwischen sind es 125 auf rund 50.000 Quadratmetern. Und bald werden es noch ein paar mehr sein. Noch haben Hans, Franz, Klaus und Ursel die Hoffnung, dass es im Anbau neben all den gelben Lounge-Sesseln und hippen Coffee-Shops auch für sie einen Platz geben wird. “Vielleicht kommt ja was Ähnliches wieder”, sagt Klaus. “Ich seh’s schon vor mir: Das sieht dann aus wie hier und davor steht ein Schild: ‘Altenheim’.”

Didem, Nilab, Irene und Samuel haben sich inzwischen langsam von ihrem Treffpunkt zum Edeka bewegt und auf dem Weg noch ein Gruppen-Selfie gemacht. Nach langer Bedenkzeit vor dem Chips-Regal kaufen sie Chips Oriental und Spezi Energy. Irene und Samuel wollen noch ins Kino, “Logan – The Wolverine” um 20.45 Uhr.

Es ist kurz nach 5. “Was machen wir so lange?”, fragt Irene. Samuel zuckt mit den Schultern. “Pep gammeln.”


Fotos: © pep München Neuperlach

1Comment
  • Türkan Yildirim
    Posted at 22:28h, 27 November

    Also so wie der Text erfasst wurde, denkt man echt das da nur asoziale rumhängen, wie kommt man bitte auf Erdogan wenn man ein Text über das Pep veröffentlicht ?

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