Kultur, Kunst

Normales Interview mit Audio88&Yassin

Stefanie Witterauf

Achtung, Achtung! Heute Abend wird es normal in München. Die Deutschrapper Audio88&Yassin sind mit ihrem Album „Normaler Samt“ auf Tour. Heute Abend heizen sie München in der Kranhalle ein. Wir haben uns mit den zynischen Antihelden getroffen und uns über ihre Musik, die deutsche Hip-Hop Szene und Sprudelwasser unterhalten.


MUCBOOK: Ihr macht seit 2009 zusammen Musik. Was hat sich in den sechs Jahren verändert? Wie habt ihr euch in der Zeit verändert?

Audio88: Um es mit einer sehr ausgelutschten Metapher aus den Mündern von tausend sehr kreativen Rappern zu sagen: Wir sind gereift wie ein guter Wein! Sowohl musikalisch, als auch menschlich. Das ist zumindest das, was uns gesagt wird, wir selber können das ja nur schwer beurteilen. Aber da wir seit dem „Erfolg“ nur noch von Ja-Sagern umgeben sind, ist es gut möglich, dass das nicht stimmt und wir einfach immer noch genauso cool sind wie vor sechs Jahren.

Im Intro zu „Normaler Samt“ erwähnt ihr, dass ihr Besseres zu tun hattet… Was denn?

Audio88: Reifen! Und arbeiten gehen. Also hatten wir eigentlich nicht nur Besseres zu tun.

Yassin: Ne, eigentlich wirklich nicht. Aber für irgendwas muss es ja gut gewesen sein. Jetzt läuft ja alles wie am Schnürchen.

Euer Album heißt „Normaler Samt“. Seid ihr in den letzten Jahren normaler geworden? Wenn ja, warum?
 
Audio88: Ich weiß gar nicht, ob wir normaler geworden sind. Ich empfand uns schon immer als ziemlich normal. Was sich eher gezeigt hat, ist, dass wir über die Deutungshoheit von „normal“ verfügen und dementsprechend festlegen können, was normal ist und was nicht. Von daher können wir die Definition von Normalität immer unserem Verhalten anpassen.

Yassin: Die Frage ist eigentlich falsch gestellt. Wir waren ja schon immer die Normalsten. Wir haben es nur vorher nicht so klar und deutlich ausgesprochen.

Ich habe vor kurzem „normales“ Wasser bestellt. Für mich war es klar, dass es ohne Kohlensäure ist. Der Kellner hat noch mal nachgefragt, denn für einen Sprudelwassertrinker ist normales Wasser mit Kohlensäure. Normal ist also subjektiv – „Was normal ist und was nicht bestimmen Yassin und ich“. Was ist für euch normal? Mit wem messt ihr den Grad an Normalität?

Audio88: Aber selbst einem Sprudelwassertrinker sollte eigentlich klar sein, dass für das Saskia Classic aus dem Lidl normales Wasser mit Kohlensäure versetzt wird. Aber subjektiv ist „normal“ natürlich trotzdem. Das wird einem spätestens dann klar, wenn sich religiöse Idioten zum Thema Sexualität äußern. Wir wurden nun in sehr vielen Interviews gefragt, wie wir „normal“ definieren und dachten eigentlich, dass wir das auf dem Album bis ins letzte Detail ausdekliniert hätten. Anscheinend sind wir daran aber gescheitert, sonst wäre die Frage nicht noch immer offen. Aber kaum etwas ist so normal wie Scheitern.

Ihr seid für eure überspitze Szenekritik, Zynismus und Selbstironie bekannt. Auf eurem neuen Album hat man aber das Gefühl, dass ihr ein wenig von eurer Anti-Alles Haltung aufgegeben habt? Warum habt ihr euch für weniger „nein“ entschieden?

Yassin: Haben wir ja gar nicht. Wir haben mit „Zwei Herrengedeck, bitte“ und „Nochmal zwei Herrengedeck, bitte“ ja schon genug Neins zu genug Dingen geliefert. Wir wollten uns einfach nicht wiederholen. Diesmal haben wir eben zu anderen Dingen „nein“ gesagt und zu ein paar eben „ja“.

Audio88: Wenn ich zu etwas „ja“ sage, sage ich gleichzeitig auch zu dem Gegenteil „nein“.

Yassin: Und manchmal eben auch umgekehrt.

In „Nett sind sie alle“ macht ihr einen Gegensatz zu der Person aus dem Youtube und Illustrierten und der Person, die ihr Backstage trefft, auf. Wie sieht das bei euch aus?

Audio88: Das muss man wohl die anderen im Backstage fragen, die dann überrascht sind, dass wir gelegentlich auch ganz umgängliche Dudes sein können. Aber insgesamt ist die Schere zwischen Privatperson und Kunstfigur nicht so groß. Wenn ich etwas oder jemanden scheiße finde, ist mir das auch ein Anliegen, dass diese Person das merkt. Ansonsten bin ich immer bemüht, mein Privatleben als großes Mysterium zu stilisieren, damit keiner merkt, dass ich doch nicht alles besser weiß.

Yassin: Ich kann das auch nicht so beurteilen. Mit der Zeit wird das ja auch zum „Beruf“ und man arbeitet sozusagen vor der Kamera. Das heißt nicht, dass man zum Schauspieler wird oder werden muss, aber komplett vermengen will man das Private mit dem Öffentlichen eben auch nicht. Ich könnte die Linie aber nicht mehr so klar und deutlich ziehen. Richtig psychothrillermäßig.

Ihr kritisiert die Generation Y. Das ist ein Begriff, der in den Medien aufploppt wie Gänseblümchen im Frühling. Was ist eure Definition?

Audio88: Jammerlappen!

Yassin: Zum Glück gehören wir nicht dazu. Wir sind aus der guten alten „Generation @“! Und ich rede nicht von Klammeraffen.

Euer Publikum kritisiert ihr auch ganz gerne. Habt ihr denn einen Unterschied gemerkt? Sind auch eure Fans „normaler“ geworden?

Audio88: Es sind auf jeden Fall mehr geworden, was bedeutet, dass es sehr viele kritikfähige Menschen da draußen gibt. Und das freut uns sehr. Man könnte auch den einfacheren Weg gehen und in jedem Song mit seinen Fans die Verbrüderung zelebrieren: „Wir sind eine Familie. Wir gehen gemeinsam bis in den Tod, wenn du unsere Alben und unseren Merch kaufst.“ Aber in Familien kauft man sich nicht ein. In einer Familie muss man auch offen für kritische Worte sein und als reflektierter Mensch weiß man ja, dass Papa nur dein bestes will, wenn du einen auf den Deckel kriegst, weil du Mist gebaut hast.

Yassin: Unsere Lieblingskinder sind trotzdem die am Merchstand.

Außerdem bekommen im „Mann in Mond“ Bonzenkinder, die Instagram-Follower sammeln, ihr Fett weg. War die Jugend weniger oberflächlich, als ihr Anfang 20 wart? Woran liegt es, dass die Gesellschaft oberflächlicher wird?

Audio88: Ich weiß nicht, ob die Jugend oberflächlicher geworden ist. Aber durch soziale Medien wird der Jugend oder nicht so weit entwickelten Anfang-Zwanzigern eine größere Plattform für Oberflächlichkeit geboten: Es gab auf dem Schulhof doch schon immer Idioten, die die Kinder ohne Markenkleidung ausgelacht haben. Was sich geändert hat, ist die Tatsache, dass diese Idioten jetzt in Form von Likes von anderen Idioten mehr Bestätigung für ihr Konsumverhalten bekommen. Wenn man sonst nichts kann, kann man ja immer noch shoppen.

Sprachhygiene ist Gedankenhygiene. Verzichtet ihr in euren Texten extra auf Ausdrücke? Auf „Spast“, „Spasti“ und „Spasten“ auf jeden Fall nicht.

Yassin: Das ist das erste Mal, dass die Frage so rum gestellt wird. Eigentlich heißt es immer, wir würden zu viel fluchen und warum wir das tun müssen. Scheinbar herrscht in München doch ein rauerer Ton als in Berlin.

Audio88: Ich benutze in meinen Texten das Vokabular, das ich auch sonst benutze. Natürlich gibt es Ausdrücke, die ich in Texten niemals benutzen würde, aber die würde ich auch sonst nicht benutzen. Und ich fluche wirklich viel und gerne.

Yassin: Geht mir genauso.

HipHop-Szene – Männerszene? Warum sind eurer Meinung nach männliche Künstler erfolgreicher? Welche Rapperinnen kennt ihr, die gute Musik machen? Habt ihr mal an eine Zusammenarbeit gedacht?

Audio88: Wir haben ja schon mehrfach mit Anna Frey aus der Schweiz zusammen gearbeitet. Die ist sehr dope. Grüße! Dass Rapperinnen weniger erfolgreich sind, ist vermutlich nur eine ganz einfache Rechnung. Auf 1000 männliche Rapper kommt vielleicht ein erfolgreicher Rapper. Wenn aber nur zwei Hände voll Frauen überhaupt mit ihrem Rap an die Öffentlichkeit gehen, ist die Quote der erfolgreichen dementsprechend geringer. Wobei sich da auch die Frage stellt, woran man Erfolg überhaupt misst. An Verkaufszahlen? Mir ist sowohl das biologische als auch das soziale Geschlecht eines rappenden Menschen völlig egal. Mach ein gutes Album und dann feier ich das auch.

Yassin: Ich mache die Dopeness von Musik auch nicht vom Geschlecht der Interpretin oder des Interpreten abhängig. Leider gibt es in Deutschland nicht so viele Rapperinnen, die es auf den Medien-Radar schaffen. Und wenn sie es schaffen, werden sie leider oft auf ihr Geschlecht, ihr Aussehen, ihr männliches Umfeld usw. reduziert. Selbst wenn sie dope rappen. Mir scheint das aber ein Problem zu sein, was mit Hip Hop nicht viel zu tun hat. In Deutschland zeichnet sich das ja in allen kulturellen und geschäftlichen Bereichen ab. Wenn du als Frau erfolgreich sein willst, dann musst du als allererstes diese Hürde der irrelevanten Oberflächlichkeiten meistern. Als Mann kannst du da mit Selbstironie oder Ignoranz einfach drum herum schlawenzeln. Ich hoffe, dass sich das ändert und dann auch im Rap so durchsetzt. In England oder den USA beispielsweise ist die Quote, das textliche Themenspektrum und auch der Respekt auf jeden Fall viel weiter entwickelt, wenn es um Rap-Interpretinnen (und Produzentinnen) geht. Und das schon seit langer Zeit.

Ein Mischgetränk aus Zucker, Bier und Feige? Klingt spannend… habt ihr das jemals ausprobiert?

Yassin: Wir haben Verträge, die es uns verbieten, auf diese Frage zu antworten.

 

Eure Chance, die Lieblingskinder vom Merchstand zu werden, bekommt ihr heute Abend.

 

Was? Normale Tour 2015
Wer? Audio88&Yassin
Wann? Beginn 20 Uhr
Wo? Feierwerk
Karten? Abendkasse (VVK war 14€)

 

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