Kultur, Live

Nôze versöhnen Serge Gainsbourg mit Whitney Houston

Sebastian Gierke

Journalist, frei, in München und im Netz.
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noze

Manche Künstler kann man am besten dann verstehen, wenn man einen Umweg in Kauf nimmt. Das Pariser Pop-Duo Nôze zum Beispiel, das am Freitag im Puerto Giesing zu Gast ist. Der Umweg führt über den großen französischen Chansonnier und Provokateur Serge Gainsbourg.

Gainsbourg saß 1986 zusammen mit Whitney Houston in einer Talkshow. Offensichtlich angetrunken. Und Gainsbourg machte die Pop-Diva an. Ganz direkt und ziemlich unseriös. Der Moderator versuchte zu schlichten, Houston blickte leicht verstört drein. Die Situation war peinlich.

Jetzt das Gedankenexperiment: Würden Nôze einen Soundtrack zu diesem Auftritt schreiben, – man darf annehmen, dass das für sie Herausforderung und große Freude wäre, würde das Ergebnis gleichzeitig perfekt zur Szene passen – und ihr jede Peinlichkeit nehmen.

Denn einerseits sind Nôze eine grandiose Liveband mit dem Hang zum Exzess und unterhaltsamer Peinlichkeit. Wenn Nicolas Sfintescu und Ezechiel Pailhes zusammen auf der Bühne stehen, obenrum oft nur bekleidet mit ein paar Brusthaaren, dazu ein Strohhut und eine Flasche Champagner im Arm, bringen sie jeden Dancefloor in Bewegung. Das nicht zum Hype neigende Musikmagazin De:bug hat Nôze deshalb zum drittbesten Liveact der Welt gewählt. Angefangen haben sie mit Minimal, doch mittlerweile passt ihre Musik in den Pub genauso wie in den Club: Techno-Tango, elektrifizierte Chansons, humorvoll und verspielt klingen sie und grölen in kratziger Tom Waits Manier und komischem französischem Akzent: „You have to dance, you have to dance all night, don`t think about your death, you have to drink all night, to remember that you`re alive!“

Doch da ist auch noch die andere Seite. Die beiden Franzosen lieben Free-Jazz, nutzen die kreative Spannung zwischen elektronischer Musik und lustvoller Improvisation zu großer Freiheit und aufregenden Experimenten. Sie haben sich an der Musikhochschule kennengelernt, Pailhes ist professioneller Pianist und Filmmusiker, nutzt oft ein mit Steinen, Schrauben oder Gummi präpariertes Klavier. Nôze sind, trotz oder vielmehr wegen ihrer Skurrilität, dem Alkohol und dem debilen Humor ernsthaft. Ernsthaft auf der Suche nach elaborierter musikalischer Offenheit einem globalen Groove. Einem Groove, der den betrunkenen Gainsbourg mit Whitney Houston versöhnt, im Puerto Giesing.

Mit dabei sind außerdem ihre musikalischen Ziehkinder dOP.

Noze und dOP
Freitag, 29. Oktober, 22 Uhr, Tegernseer Landstraße 64

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