Kultur, Nach(t)kritik

Ohne mit dem Flügel zu zucken

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Red Bull Flying Bach - Munich

Breakdance von den Flying Steps im Münchner Herkulessaal vor einer Orgelkullisse. Progressive Straßentanzkultur die prunkvolle Festsäle füllt. Dazu eine gute Portion Frechheit und Übermut, um das Wagnis einzugehen, Bach mit Ballett, Beats und Breakdance zu verbinden.

Red Bulls “Flying Bach” mit den vierfachen Breakdance-Weltmeistern Flying Steps gastiert – wie man im Straßenbild kaum übersehen konnte – auf der Europa Tour gerade in München. Die Werbung wirkt: Alle drei Münchner Termine vom 9. bis 11. Oktober sind restlos ausverkauft, bei der Premiere standen Jugendliche vor den Toren des Herkulessaals mit Schildern: “Suche noch zwei Karten.”

Das Publikum ist bunt – lässige Sneaker-Träger in Jeans und edle Abendkleider mit Highheels. Junggebliebene Anzugträger und ältere Damen, die das Jahres-Abo der Staatsoper besitzen, sind genauso Vorort, wie Schüler, Studenten und Auszubildende. Flying Bach hat generationsübergreifend Interesse geweckt. Viele fragen sich: Kann klassische Musik wirklich auf Breakdance funktionieren?

Neu ist die Idee nicht, klassische Musik mit der Hip-Hop-Kultur zusammenzubringen. Der Film “Step Up” funktionierte mit eben dieser Idee und verhalf dem Tanzfilm-Genre 2010 zu einem kommerziellen Revival. Die Remix-Kultur hält auch den größten Künstler nicht mehr für unantastbar, sondern für die Basis neuer Schöpfungen. “Wir sind Zwerge und sitzen auf den Schultern von Riesen”, ist die Kernaussage eines Gleichnisses von Bernhard von Chartres, das den Umgang mit Wissenschaft und Kultur der heutigen Generation passend umschreibt. Somit ist nicht verwunderlich, dass es für die Flying Steps keine Hemmungen gab, sich auf einer Ebene mit dem wichtigsten Komponisten des Barock, Johann Sebastian Bach, zu bewegen und auf seinen Schultern noch mehr Höhenluft zu Atmen.

Für die Publikumsreihen vor der Bühne war das Tanzpodest allerdings eine Spur zu hoch, schließlich war es den Sitzenden nicht möglich, ihren Stuhl gegen die Schultern des Nachbarns einzutauschen wie auf einem Breakdance-Event im Feierwerk. Schade, dass es darum nicht möglich war, den Schritten der Tänzer auf dem Boden zu Folgen und sie, wenn sie nicht gerade in der Luft schwebten, abgeschnitten tanzten.

Die Storyline der Aufführung hakte auch ein wenig, nachzuvollziehen war die Geschichte der Begegnung von zwei Welten und Musikkulturen zwar, war aber ebenso narrativ flach wie in den bekannten Hollywood-Tanzfilmen – oder war es eher Bollywood?

Allerdings würde es für ein Massenpublikum wohl auch zu schwer sein, tiefere Handlungsstränge umzusetzen, zeitglich zu den Adrenalin pumpenden Headspins, Power Moves und Freezes, die zeigen, dass die Schwerkraft für Tänzer immer unbedeutender wird.

Neben den atemberaubenden Bewegungen der Breaker, geriet somit die Geschichte aber auch Bachs Musik oftmals in den Hintergrund. Aber auch wenn Bachs Noten sich manchmal vornehm zurücknahmen – ihre großen Momenten hatten auch die Kompositionen: Spährisch, meditativ oder mal pompös dröhnend schienen die Klänge aus der ins Rampenlicht gesetzten Herkulessaal-Orgel zu kommen, wobei die Orgelklänge der Toccata in Wahrheit aus der PA-Anlage zugespielt wurde.

Vartan Bassil, Gründer der Flying Steps, zeigt in der Begleitzeitung zum Event auf, wie Bachs Präludium mit Sixsteps oder Headspins „übersetzt“ werden. Anfangs wirkten die Tanzbewegungen ein wenig gewollt, verwandelten sich aber nach den ersten drei Stücken in eine perfekte Symbiose und belegten die Aussage des Dirigenten Christoph Hagel: „Es ist erstaunlich, dass diese Musik ohne Verluste in die moderne Welt übersetzt werden konnte.“

Zudem betonte der Dirigent die Relevanz und Verbindung beider Kulturen: „Klassik ist neben Pop die einzige Musik, die überall verstanden wird.“ Das Alleinstellungsmerkmal von Pop neben Klassik mag hierbei anzweifelbar sein, zweifellos kann aber das Event „Flying Bach“ mit Sicherheit generationsübergreifend weltweit verstanden werden.

In München erntete Flying Bach Standing-Ovations und Zwang auch den letzten Sitzenden am Ende zum Aufstehen, da jeder Tänzer sich mit seinem besten Move verabschiedete und die Neugierde darauf einen Ausblick verlangte.

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Flying Bach ist derzeit auf Europatour von Ankara bis Zürich. In München findet die Veranstaltung vom 9. bis 11. Oktober im Herkulessaal statt.

Bildnachweis: Flo Hagena, Red Bull Content Pool

Dieser Beitrag ist auch auf selbstdarstellungssucht.de veröffentlicht.

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