elisabethmarkt
Aktuell, Münchenschau, Stadt

Pfiat di Elisabethmarkt?

Wie ich mich gefreut hatte, wieder nach München zu kommen. Ich war dieses Jahr fast den ganzen Sommer nicht in der Stadt, aber als ich dann im September wieder in meine alte WG zog, lud mich eine Freundin zur Facebook Seite „Pro Elisabethmarkt. Gegen Abriss“ ein. Ich fiel aus allen Wolken. Der Elisabethmarkt, auf dem ich oft und gerne am Wochenende einkaufen gehe, soll abgerissen werden?

Abriss, Umbau? Was ist eigentlich das Problem?

Problem ist, dass wie beim Markt am Wiener Platz und Viktualienmarkt, 2011 ein TÜV-Gutachten Mängel bei den Hygiene- und Brandschutzbestimmungen festgestellt hatte. Bei Ständen, die Fleisch und Fisch verkaufen, müssen die Kühl- und Lagerräume sich nämlich im Stand selbst befinden. Undenkbar in den kleinen Markthäuschen, denn es fehlt sowieso schon an Platz. So stehen dem Kaffeestand auf dem Elisabethmarkt nur sechs Quadratmeter zur Verfügung. Es sei eh schon eine Herausforderung mit so wenig Platz zu wirtschaften, versichert mir der Inhaber.

Hinzu kommt die Sache mit dem stillen Örtchen. Wem die Blase auf dem Elisabethmarkt drückt, dem steht an der Ecke Agnesstraße eine öffentliche Toilette zur Verfügung. Nicht das tollste, aber es geht schon. Nach geltendem Gaststättenrecht müssen jedoch, die Stände, die bewirten auch eine Gästetoilette bereitstellen. Nächstes Problem also.

elisabethmarkt II

Drüber, drunter und drum herum – das ist geplant

Unter dem Elisabethmarkt:

  • Eine mehrstöckige Tiefgarage soll gebaut werden mit insgesamt 210 Stellplätzen.
  • Im ersten UG sind 16 Stell- und Lagerplätze für Händler vorgesehen.

 

Die neuen Marktstände:

  • Neun Pavillons, die locker gruppiert und asymmetrisch angeordnet sind.
  • Unter einem Dach befinden sich jeweils 3 Stände.
  • Die neuen Häuschen sollen durch auskragende Dächer ihren alten Charme behalten.
  • Große Außenfläche unter den Dächern sind geplant.
  • Jedes Häuschen soll anders aussehen.

 

Neben dem Elisabethmarkt:

  • Das alte Umspannwerk wird momentan durch ein moderneres, um ein Fünftel kleineres, Werk ersetzt. Deshalb die vielen Baustellen um den Elisabethmarkt.
  • Auf dem benachbarten Grundstück des alten Umspannwerkes errichtet die Stadtsparkasse von 2018 an für 75 Millionen Euro ein Gebäudekomplex.
  • Geplant sind rund 167 Wohnungen, eine Kindertagesstätte, 10 Büros und 14 Läden.
elisabethmarkt IV

Wie lief das beim Markt am Wiener Platz ab?

Zuständig für die Elisabethmarkt-Pläne sind die Werkhallen-Chefs Axel Markwardt und Boris Schwartz. Übrigens sind die Markthallen ein kommunaler Eigenbetrieb der Stadtverwaltung und eine Unterabteilung des Kommunalreferats. Zuletzt hatten die beiden Werkhallen-Leiter alle Hände voll mit dem Markt am Wiener Platz zu tun. Die alten Stände sollten abgerissen und durch neue ersetzt werden. Wie erwartet hagelte es Beschwerden. Bürger und Händler sammelten über 8000 Unterschriften gegen den Abriss, der Landesdenkmalrat schaltete sich ein und es kam zu Sondersitzungen des Bezirksausschusses. Zum Schluss beendete OB Dieter Reiter den Streit und verkündete, die Marktstände dürfen bleiben.

Elisabethmarkt und Markt am Wiener Platz – die gleiche Situation?

„Überhaupt nicht“, sagt Boris Schwarz. Beim Elisabethmarkt gehe es darum eine Feuerwehrzufahrt auf das angrenzende Gebiet der Stadtsparkasse zu gewährleisten. Alle anderen Optionen wären für den Neubau unwirtschaftlich und können keinen sozialen Wohnungsbau garantieren (aktuell sind 30 Prozent der neuen Wohnfläche für den sozialen Wohnungsbau vorgesehen). Der Markt müsse also zwangsweise wegen dem angrenzenden Neubau weichen. Und wegen der Tiefgarage. Die soll nämlich neue Lager- und Kühlräume schaffen und endlich mehr Parkplätze für Autos.

Richtig, mehr Parkplätze. Jeder, der dort wohnt und ein Auto besitzt, weiß wie schwer es ist ein Parkplatz fürs heilige Blech zu finden. Die Antwort der Stadt auf die vielen Autos und den wenigen Parkraum in der Innenstadt sind also mehr Tiefgaragen (wie zuletzt am Josephsplatz). Sieht ja auch einfach schöner aus. Dass das etwas zu kurz gedacht ist und das städtische Problem mit dem Individualverkehr nicht löst, sollte eigentlich klar sein.

Und schon sind wir dort, wo momentan alle hitzig debattieren. Nicht nur die Bürger in den sozialen Medien, auch die Redakteure der SZ, AZ und Tageszeitung heizten mit ihren Berichten und Kommentaren die Stimmung an. Es wird sogar gefordert, dass Reiter wieder ein Machtwort spricht, wie er es schon beim Wiener Markt getan hat. Nur seien wir doch einmal ehrlich – beim Elisabethmarkt steht wesentlich mehr auf dem Spiel als ein paar alte Markthäuschen. Im Paket ist schließlich ein neues Wohnprojekt mit 87 Mietwohnungen (richtig, keine Eigentumswohnungen) und 80 Wohnheime für Studenten und Azubis. Ob die sich die Appartements bei einem Quadratmeterpreis von mindestens 14,50 Euro (Hallo Mietpreisbremse – ist jemand zu hause?) leisten können, sei mal dahin gestellt.

elisabethmarkt III

Was sagen eigentlich die Marktbetreiber?

Viele der 23 Marktstandbetreiber wollen sich gar nicht zu dem Thema öffentlich äußern. Natürlich wissen sie von der Bürgerinitiative, der Online-Petition (aktuell 5.500 Stimmen) gegen den Abriss und der Facebook-Seite, aber wie immer hat der geplante Umbau auch seine zwei Seiten.

Ein älterer Marktstandbetreiber vertraut mir an, dass es doch meist die Jüngeren seien, die sich für einen Umbau aussprechen. Er selbst halte nichts davon. Eine Sanierung der Stände sei völlig ausreichend. Nur die Option für eine Sanierung und Renovierung zu stimmen, die gab es von Anfang an nicht. Seine Prognosen hören sich düster an: Mindestens ein Drittel der Marktstandbetreiber werden aufhören, wenn es zum geplanten Totolabriss kommt. Die Stimmung ist jetzt eh schon schlecht. Müde blickt er mich an und meint: „Es ist auch eine harte Arbeit, so ein Marktstand. Wer steht schon gerne täglich um drei Uhr in der Nacht auf um frische Waren aus der Großmarkthalle zu holen? Parallel muss der Stand aufgebaut werden und das bei jedem Wetter.“

Auf der anderen Seite muss ein Markt auch wettbewerbsfähig bleiben, meint Karl Huczala. Seine Familie betreibt seit 40 Jahren einen Obst- und Gemüsestand. Dass ein Umbau irgendwann kommen muss, war ihm schon länger klar und er freut sich darauf. „Wenn ich bei 30 Grad nicht jedes mal 40 Meter zum Lager laufen muss,  um einen frischen Salatkopf zu holen, habe ich schon gewonnen.“

Außerdem würde nach dem aktuellen Machbarkeitsplan auch endlich der unansehnliche Parkplatz hinter den Marktständen verschwinden. Dort ist nämlich die neue Feuerwehrzufahrt mit 8,50 Metern geplant, auf der man faktisch auch Café-Stühle und Auslageflächen aufbauen könnte.

Ab wann geht’s los?

Wenn alles nach Plan läuft, wird Ende 2018 Anfang 2019 mit den Umbauten begonnen. Eine Verkäuferin beim Metzger bestätigt mir aber jetzt schon, dass sie keine große Lust hat für die nächsten Jahre des Umbaus in einem Bauwagen – pardon Verkaufswagen – in der angrenzenden Arcisstraße zu arbeiten.

Leider wird ihr Stand als einer der ersten abgerissen. Er grenzt direkt an die Feuermauer des Umspannwerks– dort also wo neue Wohnungen und eine neue Ladenzeile entstehen sollen und jetzt noch das für den Elisabethmarkt typische Graffiti prangt. Das wird den Umbau so oder so nicht überleben.

Der genaue Bebauungsplan findet ihr hier: https://www.ris-muenchen.de/RII/RII/DOK/SITZUNGSVORLAGE/4096694.pdf

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