Aktuell, Kultur

Plattenschau: 10 neue Releases aus München, die du kennen solltest

Neues aus dem Release Dschungel: wir haben uns durch einige neue Platten aus München gehört und geben dir aktuelle Hörtipps an die Hand. Von knallendem Techno über jammige Fusion Music und synthiebeladenen Post-Punk bis zu bayrischer Mundart bringt die heimische Szene gerade sehr viel Spannendes hervor.

Melancholische Abgründe: Elvis de Sade lassen den Dark Wave auferstehen

Den Anfang macht eine Band, die wir euch schon mit ihrer Debüt-EP damals vorgestellt haben. Elvis de Sade sind zurück aus dem Studio und bringen uns ihr erstes Album mit. Wer ein Faible für infektiöse Synthie-Melodien und larmoyant-schmachtenden Gesang hat, sollte sich mit dem Sound von Elvis de Sade bekannt machen. Alles daran erinnert im besten Sinne an Wave, Gothic, Post Punk und allgemein die 80er Jahren und deren alte Helden wie die Sisters of Mercy. „World for us“ heißt die Scheibe.

Neues aus der Munich Disco: Mirko Hecktor mit eigenem Label

Einer, der seit Jahren wenig Ruhe gibt, ist Mirko Hecktor. Als Autor des Standardwerks „Munich Disko“, als DJ in allen Discos, als Mitgründer vom Super Paper (R.I.P.) sowie neuerdings als Labelbetreiber vom eigenen Imprint Terra Magica Records ist er ein steter Begleiter des Münchner Nachtlebens und prägt es laufend mit. Das erste Release auf erwähntem Label kommt nun von Hektisch Sprengen DJ’s, hinter denen sich keine geringeren als die Labelchefs Mirko Hecktor und Partner Tom Sprenger selbst verbergen. Gemeinsam nehmen sie uns mit auf einen kosmischen Slow-Disco-Trip. Reinhören zum Beispiel hier.

Angela Aux & LeRoy machen gemeinsame Sache

Fahren Angela Aux und LeRoy zusammen in den Urlaub: kommt – na klar – eine kleine Platte dabei heraus. Die beiden Münchner Musiker vom (u.a.) Trikont Label haben sich jedoch einige Jahre Zeit gelassen zwischen Aufnahme und Release. Waren sich wohl nicht ganz sicher, ob das jetzt was für den Moment im Surfurlaub oder etwas für die Öffentlichkeit ist. Was nun als gemeinsame LP mit 28 Songs erscheint (den Stil könnte man als „Ambient Folk“ bezeichnen), war aber wohl zu gut, um in der Schublade vergessen zu werden. Irgendwie anachronistisch fast schon kommen die tröstenden und gechillten Hippie-Lagerfeuer-Meditationen rüber. Etwas akustischer Frieden und Eskapismus in einer brutalen Zeit.

Keinen Deut leiser: Kareem El Morr auf RFR Records

Gefühlt immer, wenn es irgendwie möglich war, hat Kareem El Morr in den letzten beiden Pandemie-Jahren auf (Outdoor-)Raves die Techno-Fahne hoch gehalten, Parties mit organisiert und neue Allianzen gesucht – angesichts einer Lage, die für die Szene oft mehr als bitter und ermüdend war. Auch auf seiner neuen EP „Super Illegal Revolution Trax“ legt er drei treibende Stücke für die Tanzflächen vor, die sich musikalisch virtuos aus vier Jahrzehnten Clubmusik bedienen. Dafür gibt es mittlerweile auch viel Lob von außerhalb Münchens. Wer weiter reinhören will, dem sei auch seine „Wasteland Breaks“ EP auf dem Münchner Label Molten Moods von 2020 empfohlen.

„Support Ukraine Compilation“ von Toy Tonics

Die Münchner Musikszene zeigt sich solidarisch mit der Ukraine. Das Münchner Label Toy Tonics (Nachfolger vom legendären Gomma-Label) um Matthias Munk etwa hat ein paar seiner tauglichsten Grooves gepackt und zu einem formidablen Sampler geschnürt. Anspieltipps sind die Disco-Bretter von COEO oder Nathalie Duchene. Zwar ist der Sampler an sich kostenlos, jedoch werden alle Zahlungen, die ihr über Bandcamp tätigt direkt an das Rote Kreuz in der Ukraine gespendet.

Mit einer ganz ähnlichen Idee gehen übrigens die Dancefloor-Kolleg*innen vom Label Permanent Vacation an den Start. Deren „A Permanent Vacation Dance Therapy – Fundraiser For Ukraine“-Sampler gibt es hier zu hören und zu kaufen.

Carl Gari & Abdullah Miniawy – Between The Bullet And The Front Sight, Casting Lots (Live At Haus Der Kunst)

Nach Releases auf The Trilogy Tapes und Whites (jetzt AD 93) bringt das Bandtrio Carl Gari zusammen mit Abdullah Miniawy jetzt eine EP auf dem Münchner Label Molten Moods heraus. Das Label, das für moderne, experimentelle aber durchaus tanzbare elektronische Sounds steht, entfernt sich damit etwas von seinem ursprünglichen Metier. Aufgenommen wurde das Konzert im Rahmen einer gefeierten Performance für das Rewire Festival 2021 im Haus der Kunst. Alle Tracks sind nach Gedichten des beteiligten Sängers und Trompeters Miniawy benannt, der sich auf abstrakte Weise mit der Lebenswelt in Ägypten unter dem repressiven Al-Sisi Regime beschäftigt. Das brachte dem Kollektiv mit seinem Projekt bisher unter anderem die Aufmerksamkeit und Lob von renommierten Magazinen wie Pitchfork oder dem Fact Magazine ein. Eindringlich und düster – ein Werk, das eure ganze Aufmerksamkeit verlangt!

Jason Arigato kehrt zurück auf Echokammer

Wenn Echokammer-Labelchef Albert Pöschl als Jason Arigato vom „Zombiegirl“ singt, darf ein stilechtes schwarz-weiß Video in B-Movie-Manier natürlich nicht fehlen. „If you’re dead, don’t worry your pretty little head“, heißt es da zum Beispiel und das darf vielleicht als leicht-schaurige Einladung zur Gelassenheit interpretiert werden. Bedrohlich klingen die Akkorde dennoch weiter an auf über fünf Minuten und entfalten eine in Lo-Fi-Ästhetik gehaltene, trügerische Spannung. Von Isolation und der Überwindung selbiger handelt die Platte unter anderem. Im Falle des Zombiegirls gelingt das durch die althergebrachte Kulturtechnik des Bisses: „Bite me!“. Wovon das Album sonst erzählt? Von „Loosers, Boozers and Heroes“ und von anderen Planeten („Another Planet“). Im Gepäck hat Pöschl dabei stets seine Gitarre, die zwischen Songwriter-Musik, Fuzzgitarre und Rock’n’Roll oszilliert sowie einige raffinierte elektronische Sound-Spielereien integriert. „Jason Be Sad / Jason Be Glad“ heißt das komplette Werk auf Albumlänge. Tipp!

Live Tipp: In den Kammerspielen wird der Release am 05.04. gefeiert (Regulärer Release des Album: 08.04.).

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Bavarian Angst mit Maxi Pongratz von Kofelgschroa

Maxi Pongratz von Kofelgschroa ist Akkordeonspieler, Texter, Liedschreiber sowie Pendler zwischen Groß- und Kleinstadt. Nach einem vielgelobten Album mit Micha Acher von The Notwist letztes Jahr (unter dem Titel „Musik für Flugräder“) erscheint nun ein erster Vorbote aus seinem kommenden Solo-Album „Meine Ängste“ (VÖ: 20. Mai). Hier kehrt das musikalische Multitalent seine eher introspektive Seite nach außen und nähert sich feinfühlig existenziellen Fragen, die im nächsten Moment aber auch wieder leichtfüßig und verspielt verhandelt werden. Wie immer singt Maxi Pongratz dabei in bayrischer Mundart. Das Motto könnte also sein: Keine Angst vor der Angst!

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Neues Label-Kollektiv New Basement mit „Music for Ukraine“-Sampler

Unter dem Namen „New Basement“ formiert sich gerade ein kleines Label beziehungsweise eine Band- und Musiker*innen Szene, die unter anderem Konzerte im Import Export veranstaltet. Über Bandcamp kann nun ein Sampler aus diesem Umfeld auf Cassette oder als Digitales Album gekauft werden, der ebenso als Fundraiser für die Ukraine fungiert. Mit dabei sind Bands wie Mikroplastik oder Prohibition Prohibition, von denen man noch einiges hören könnte. Erstere Arbeiten zum Beispiel gerade an ihrem Debüt Album. Der Sound auf dem Sampler spannt sich von experimentellen elektronischen Werken, über Rock-Reflexionen bis hin zu punkig-new wavigen Nummern. Über vielem steht die Lust am Experiment und auch eine gewisse melancholische Art der Leichtigkeit.

Reinkarnation auf Madlibs Label: Die „Krautrocker“ um Embryo

Was macht man, wenn Papa eine Krautrock-Legende war und man selbst großer Fan seiner Musik ist? Einfach die Band weiterführen. So passiert bei Marja Burchard von Embryo. Ihr Vater Christian Burchard gründete die Band einst in den 1960er Jahren. Um die 400 Mitglieder soll die Band seither gehabt haben, wenn man alle Besetzungen zusammenzählt. Als großer Fan zählt sich auch HipHop-Größe Madlib, der das neue Album der Band nun kurzerhand auf seinem Label Madlib Invasion veröffentlichte. Auch in der jüngsten Inkarnation macht sich Embryo – seit jeher mehr lebender und offener Organismus denn Band – auf musikalische Welterkundung und bringt einen jazzig untermauerten World-Sound auf die Plattenrille. „Auf Auf“ nennt es sich folgerichtig.


Beitragsbild: KrayBoul via Unsplash

Florian Kraus
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