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Rapper Romano im Interview: “Köpenick ist Filterkaffe, Erdbeerkuchen, Sekt – wie bei Muttern sonntags.”

Jan Rauschning-Vits

Romano ist ein netter Mensch. Sein Händedruck ist weich und warm, die Stimme angenehm. Er spricht sehr schnell, ist schwer zu bremsen, als wir bei Schnittchen vor seinem Konzert im Hansa 39 über Köpenick quatschen. Wenn er loslegt über Musik, spürt man seine Begeisterung für fast jedes Genre. Er lässt sich nicht einsperren in Schubladen, wirkt aber, auch mit den zwei langen, blonden Zöpfen, immer authentisch.

Nach einer Odyssee durch den Schlager, Metal, Drum and Bass und Techno, ist er nun beim Hip-Hop gelandet – seine erste große Liebe. Seine Texte entspringen einem echten Berliner Geist, der mit feuchten Augen von seinem Kietz schwärmt und viel zu nett für Beef ist. Er ist der Anti-Held des deutschen Hip-Hop – begabt, lieb, authentisch.

 

© Steffen Möller

© Steffen Möller

Letztes Jahr warst du schon in München. Das war deine erste Tour als Romano. Deine erste Tour überhaupt?

Meine erste Tour überhaupt als Romano. Vorher, ich mache ja seit 20 Jahren Musik, habe ich angefangen mit einer Rockband. Der Basti, der bei mir heute trommelt, ist der Schlagzeuger aus der damaligen Band. 1996 hat er mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, für sie zu singen. Ab da habe ich mich wirklich hauptsächlich mit Musik beschäftigt.

Und wie ist das so alleine auf Tour, ohne Rockbandkollegen?

Ich bin ja nicht ganz alleine, ich habe großartige Menschen um mich rum. Aber ich vermisse natürlich Köpenick. Das ist meine Heimat. Telefoniere oft mit meiner Mutti, meinem Vater, gucke wie es denen geht, paar Freunde rufen mal an – Ich hol mir Köpenick so über den Hörer. Aber ansonsten ist es großartig. Ich bin auch deshalb nicht allein, weil ich unheimlich viel Liebe empfange. Das ist total geil. Da kommen ja Leute zu meinen Konzerten – da sind Metaler, Gothiker, zutätowierte Leute, Heterosexuelle, Homosexuelle, Familien mit ihren Kindern, die auf „Klaps auf den Po“ warten. Diese ganze Mischung, diese ganze Traube von Leuten, die kriegt man ja so nicht zusammen, bei einer Feier. Ich finde das toll, wer da alles kommt und ich kann mir sogar vorstellen, dass ich mit 90% der Leute auch noch einen Sekt trinken gehe nach dem Konzert.

Und die findest du auch in jeder Stadt?

In jeder Stadt, das ist abgefahren! Selbst in Zürich, gestern in Wien, in Hamburg, da ist ein Kind auf dem Rücken, vorne in der ersten Reihe und singt alle Texte mit! „Rauchen“, „Klaps auf dem Po“, hat sich nochmal bedankt, der kriegt von mir auch noch eine kleine Überraschung. Wenn ich das schaffe in zwei Stunden, dass die Leute nach Hause gehen und haben eine gute Energie, dann ist das eine Menge wert.

Du warst im Kong im September. Wie war dein Eindruck da?

Großartig! Einfach großartig! Wie locker die Münchner sind, weißt de? Die waren mega locker drauf und es war voll. Es war so voll, wir konnten noch nicht mal den Merch-Tisch aufbauen, die Leute sind auf die Bar geklettert, auf die Bühne rauf, es war schweißtreibend. Total nah, aber ich liebe auch diese Sachen. Festivals sind schön, aber gerade diesen kleinen Clubauftritte, wo man so Nähe erzeugen kann, finde ich großartig.

Du bist großer US-Rap Fan. Wie kam es dazu?

1987/88 hat ein Freund von mir einen Ausreiseantrag gestellt und ist nach Spandau rüber. Den habe ich nach dem Mauerfall wiedergetroffen und der war plötzlich Techno-DJ. Gleichzeitig habe ich die Schule gewechselt. Da habe ich dann jemand kennengelernt mit so Baggy-Pants, Basecap auf und Armeerucksack, Hoodie – und der hat mir zum ersten mal Public Enemy auf Kassette, „Fear of a Black Planet“ gegeben und ich dachte so: „Wow, was isn dis? So laut, so krass, so doll.“

Die Technobewegung –  da war ich in den ganzen Clubs, Bunker, Exit, Tresor und das war auch total laut und doll und krass.

Und dann gab’s auf MTV zwei Sendungen „Yo! Raps“ und es gab „Headbangers Ball“ und ich habe beide auch geguckt, weil ich so fasziniert war von diesen neuen Bewegungen. Metal und auch die zweite Welle Black Metal war alles so frisch. Kreativ aber auch aggressiv, das hat was von Hausbesetzung und großen Straßenschlachten. Nazis, Punks, Hip-Hoper, Metaler, Techno-Leute, teilweise auch gar nicht immer friedlich, da sind auch mal die Fäuste geflogen. Also ein buntes Durcheinander und das war einfach so der Zeit zu schulden, weil in der DDR war ja auch alles unter Doktrin. Als das weggebrochen ist, haben die Jugendlichen versucht sich auszuprobieren. Das ging natürlich auch in die Extreme.

So bin ich zum Hip-Hop gekommen. Habe aber für mich schnell den Westküsten Hip-Hop entdeckt. Der hatte mir von den Beats, von den Produktionen und von der Art und Weise einfach besser gefallen. Dieses groovige, dieses smoothe, dieses Surren wie beim Zahnarzt (*macht das Surren eines Zahnbohrer nach*).

Ich habe gerade einen Pullover an von Deathrow Records, das ist ein Label das so viele Talente gesignt hatte von Snoop Doggy Dogg, Daz, Kurupt, Tupac.

Und dann habe ich wirklich alles eingesaugt von San Francisco bis runter nach Sacramento. Ich habe bestimmt 1000 CDs zuhause.

© Steffen Möller

© Steffen Möller

 

Was sagst du zur deutschen Szene? Hast du Vorbilder im deutschen Hip-Hop oder sogar Beef?

Habe ich die Wahl, ne gute Black Metal Scheibe oder ein gutes Klassikkonzert zu hören, höre ich mir das meistens lieber an als deutschen Hip-Hop. Ich habe zum deutschen Hip-Hop nicht so die Relation. Es gibt immer mal wieder herausragende Tracks, wo man sagt „Wow! Das kann man mal auf seine Mix-CD packen“, aber regulär beschäftige ich mich nicht so viel mit deutschem Hip-Hop, da ist für mich England wesentlich interessanter. Ich bin ein sehr großer Grime-Fan!

Wie passt dein Schlager Album „Blumen für dich“ dann in das alles rein? 

Der Schlager passt so rein: Jahre vorher oder auch nur ein Jahr vorher hätte ich nie geglaubt, dass ich mal Schlager machen würde. Das Projekt entstand aus einer schönen Situation mit Freunden zusammen circa 2004. Moritz Friedrich ist Siriusmo und Siriusmo produzierte das Album zusammen mit Jakob Gruber.

Und Siriusmo kennst du woher?

Seit 1996 auch, das ist ein magisches Jahr. Ich habe mal für die Schule einen Film gemacht, da haben wir Musik drunter gelegt. So ein bisschen im Stil: Gangster-Köpenick, so auf lustig, weißt de? Und dann brauchten wir einen Soundtrack, einen Song und da haben mir Freunde den Moritz empfohlen. Da war ich bei Moritz oben, er wohnte damals unterm Dach, und dann haben wir was komponiert. Ich habe den Track gerappt, damals noch auf Englisch. Dann ist die Freundschaft entstanden, seitdem sind wir Freunde.

Der Schlager ist nun so entstanden: Moritz/Siriusmo hat mich 2003 angerufen und sagte: „Ich habe hier den Produzenten Jan Driver, der macht viel Techno und braucht für ne Nummer n Sänger, kannste nicht rumkommen und ihm mal was einsingen?“

Zwei Tage später war ich da und habe angefangen mit Jan Driver zusammenzuarbeiten. Jan Driver ist auch ein richtig geiler Tüp, ein Autofreak und großer Techno-Produzent.

Jedenfalls arbeitet Jan Driver eines Tages an einem Remix und denkt: „Oh man, seit drei Stunden und dieser Track und diese grauenhafte Frau, die darüber singt.“

Ich bin grade auf Toilette, mach mir grade die Haare, Parfüm rauf und sing: „Es sind die Worte der Liebe, die nicht vergehn!“ Und er: “Warte mal ganz kurz, komm mal her. Ich schmeiß den Frauengesang darunter, schneide den Track so ein bisschen zusammen und du singst das was du eben aufm Klo gesungen hast drüber.“

Das haben wir gemacht, Flasche Sekt gekillt, an die Plattenfirma geschickt und die fanden’s super!

Aus diesem Spaß heraus ist der Gedanke entstanden, mit einem Freund zusammen Schlager zu machen. Dann hatten wir mal kein Weihnachtsgeschenk und dann haben wir einen Song gemacht „Weihnachtszeit“.

(Singt) „Denn es ist Weihnachtszeit, das ist die schönste Zeit im Jahr. Der Baum festlich geschmückt und Wunder werden wahr.“ Dann haben wir diese CDs gepresst und als Weihnachtsgeschenk verteilt. Und aus der Lust heraus ist dann irgendwann eine EP entstanden namens „Blumen für dich“ und dann war ich auch auf Schlagertour.

Von Hochzeiten über Geburtstage bis hin zu der Schließung einer Pizzeria. Die wollten ihren Mitarbeitern nochmal was gutes tun mit ein bisschen guter Stimmung, was dann am Ende nicht so wirklich geklappt hat, weil Schließung heißt am Ende eben auch Entlassung.

Kannst du dich für Schlager begeistern? Die meisten Leute finden ja Schlager super scheiße.

Naja, es gibt viele, die sagen, sie fänden’s scheiße, aber wenn sie betrunken sind, schunkeln sie trotzdem mit. Manche trauen sich auch nicht, das öffentlich auszuleben, oder vor ihren Freunden, weil sie natürlich Angst haben, sie verlieren bei ihrem Coolnessfaktor irgendwas. Wo ich viel konsequenter denke, dass man ja viel cooler ist, wenn man auch offen seinen Freunden darlegt, wie man wirklich ist.

Aber wie viel Schlager hörst du selbst?

Das müssen wir definieren. Schlager fängt an beim kleinen grünen Kaktus und geht dann weiter über Hans Albers bis Udo Jürgens bis Roland Kaiser und endet dann vielleicht beim Wendler. Ich bin der Meinung, auch in Deutschland gab es großartige Produktionen von Udo Jürgens. Auch von Roland Kaiser gab es sehr schöne Nummern. Und die Thematik Herzschmerz, die Thematik Liebe – ich finde das völlig okay. Es gibt immer wieder auch Schlager, die ich gut finde, aber ich bin jetzt nicht der klassische Schlagerhörer. Ich habe einfach meinen eigenen Schlager geschaffen, den ich persönlich für relevant für mich finde. Ich habe mir meinen eigenen Schlager gebaut.

Was du dir mit Siriusmo teilst, ist eure genreübergreifende Art. Ihr legt euch beide nicht gerne fest. Ist dein aktueller Stand, der Romano mit den Zöpfen, der Endpunkt? 

Wenn es das Ende wäre, dann müsste ich mich einsargen lassen.

Also ich meine die letzte Verwandlung, die höchste Stufe deiner kreativen, musikalischen Karriere, der Schmetterling

Okay. Pass auf: Da ist natürlich was dran, wenn man jetzt die Projekte zusammenfasst. Und jedes Projekt ist auf der Reise. Das eine ist das Schlagerprojekt, das andere Projekt ist Drum n Bass – alles was ich so in meinem Leben gemacht habe. Das sind alles Schiffe, in verschiedenen Größen. Der Schlager ist ein großes Traumschiff, natürlich, dann vielleicht ein paar kleine Boote auch – immer so Sachen, die ich mal angefangen habe. Ich habe ja zuhause auch mindestens hundert Songs, die einfach so rumliegen.

Diese ganzen Schiffe haben jetzt einen Hafen gefunden. Die legen gerade an beim Romano-Hafen und feiern da. Das ist ne mega Party. Schießen Raketen hoch, Matrosen umarmen sich, alle Ladies, Boys alle freuen sich, haben ne mega Stimmung. Aber es kann sein, dass sich irgendwann auch mal ein Schiff löst und wieder mal auf hohe See geht, oder ein neues Schiff im Romano Hafen gebaut wird. Aber gerade habe ich das Gefühl ich bin in einem Hafen angekommen, wo ich mich sehr wohl fühle und wo ich verweile erstmal.

© Steffen Möller

© Steffen Möller

Nimm mich mal mit nach Köpenick. Du lebst da schon immer?

Krankenhaus Köpenick geboren, sechs Mal in Köpenick umgezogen, aber ich lebe immer noch da.

Köpenick lag in der DDR. Wie war diese Zeit für dich in Köpenick?

Ich hatte eine relativ behütete Kindheit. Mein Vater war Requisiteur, Sprengmeister und Pyrotechniker beim Fernsehfunk. Das war für einen Jungen natürlich großartig. Du bist sieben Jahre alt und rennst dann in den ganzen Uniformen aus den Requisiten rum. Bei Häusersprengungen, bei Bränden war ich dann immer dabei und dachte mir: „Woa, mein Vater!!“

Es war spannend für mich. Gerade bei Geburtstagen und Feiern war buntes Treiben, Schauspieler, Regisseure, Requisiteure und ich immer mit ner lustigen Kopfbedeckung und mit dem Degen vielleicht, hab mich total wohl gefühlt. Es war ein relativ behütetes Dasein. Aber natürlich hat man auch gemerkt, dass es zu DDR-Zeiten gewissen Sachen gab. Zum Beispiel der Appell bei den Pionieren, wo dann alle antreten mussten. Das sind so Sachen, wo man die Strukturiertheit gemerkt hat. Ich habe dann in der vierten Klasse Handgranatenwürfe gemacht. Das waren Übungsgranaten, trotzdem war es so, dass ein bisschen korpulenterer Junge das Ding gegen einen Zaun warf und der Sportlehrer dann schrie: „Bist du denn total verrückt? Jetzt sind wir alle tot!“. Sowas war halt auch mit bei. Aber andererseits ging’s mir immer gut, die Zeit war irgendwie okay.

 

Hast du denn damals schon in den Westen rüber geschielt, um zu checken was da so hinterm Vorhang geht?

RIAS zum Beispiel, das war der Alliiertensender. Da gab’s ja schon Songs wie „I want your Sex“ von George Michael. Und das war der Song, den habe ich in meinem schlechten Kinderenglisch vor der Klasse vorgetragen mit dem Zeigestab als Mikrofon. Die Mädels haben sich gefreut, die Jungs haben gelacht. Ich hab den Text zwar nicht verstanden, aber ich irgendwie merkte ich, das ist was.

Man hat natürlich auch das so genannte Westfernsehen geguckt mit Mac Gyver und da gab es Filme wie Wild Style, so Hip-Hop Filme. Auch im Ferienlager lief vor allem Michael Jackson. Die Bravo wurde heiß gehandelt. Teilweise wurden die Poster untereinander verkauft. Matchbox im Sandkasten, Master of the Universe, die Medien des Westens kamen natürlich mit den unaufhaltsamen Radiowellen über die Mauer.

Wie hat sich Köpenick verändert seit dieser Zeit?

Köpenick war und ist ein Ruhepol. Da haben sich damals schon die Künstler um 1900 angesiedelt, zum Beispiel Bölsche, Gerhart Hauptmann hat hier viele Sachen geschrieben. Köpenick war zu DDR-Zeiten auch sehr lukrativ, weil viele Musiker haben sich in Köpenick niedergelassen, am so genannten Millionenhügel. Das war für mich dann automatisch Hollywood. Ich habe mir ja Köpenick als mein Los Angeles vorgestellt. Ich wohnte im Compton, logisch, am Center war Downtown, Venice Beach war Friedrichshagen.

Heute ist Köpenick nicht komplett verschlafen, aber die Gentrifizierung hat nicht eingesetzt, oder setzt sehr spät ein. Ich habe mich mit Ice Cube mal unterhalten, den habe ich getroffen zum NWA-Film Release und habe ihn nach Köpenick eingeladen zum Schwedeneisbecher. Schwedeneisbecher ist bei uns mit Vanilleeis, Apfelmus und Eierlikör. Fantastische Mischung – unbedingt mal probieren. Und er meinte nur: „Yaay, Yaay“, war aber kurz raus. Er dachte so, was will dieser Typ, mit den beiden Zöpfen? Er meinte aber auch, und als ich in Compton war für den Videodreh, habe ich es auch gesehen, mehr Mexikaner, aber nicht überall diese Organic Food Stores und so. Sozusagen der Filterkaffe ist da auch vertreten, also die Basis. Es hat sich da nicht so viel verändert in der letzten Zeit und genau so ist es auch in Köpenick. Ich finde, man hat wenig Zuzug und es ist nah dran an dem, was schon immer war. Das heißt, da kommen keinen Styler, oder irgendwelche Leute die krass Party machen wollen und dann oberstylisch in den Club reingehen, die nach dem neusten Trend hecheln. Ne. In Köpenick da geht eben die Omi ganz normal mit ihrem Opi oder mit ihrem Sohn zum Enten füttern. Es hat was sehr authentisches. Das andere ist auch schön. Das ist der Glanz und der Schein, aber Köpenick ist gesetzt und authentisch.

Es bleibt immer so wie es war?

Irgendwie ja. Ich bin ja auch viel unterwegs und komm dann wieder da hin, wo es ist wie immer. Ich weiß nicht ob du es kennst, wenn du mal deine Eltern besuchst und machst da vielleicht mal Mittagsschlaf. Der ist intensiver, als wenn du den zuhause machst. Du bist wieder in dieser Blase des Kindes, im Uterus. Köpenick hat das für mich noch. Köpenick verkörpert für mich das Wohnzimmer, mit Schlappen und im Bademantel am Bahnhof rumlaufen, sich wohlfühlen.

Köpenick ist Filterkaffe, Erdbeerkuchen, Sekt – wie bei Muttern Sonntags.

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