Kultur, Nach(t)kritik

Retrofit statt Retro Chic

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Kraftwerk

Kraftwerk 3D, Alte Kongresshalle München, 13.10.2011 – und hier noch eine Meinung zum in der Stadt wohl meist „gefacebookten“ Event der letzten Monate.

Unter Maschinenherstellern und deren Kunden gilt das sogenannte Retrofit in Zeiten klammer Budgets als probates Mittel, ältere Anlagen mittels einer inwendigen Frischzellenkur auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen, ohne gleich das schwere Eisen auszutauschen zu müssen – Platinen wechseln, Software aktualisieren, die eine oder andere neue Schnittstelle dazu – schon können auch Aggregate älterer Bauart problemlos ein paar Jahre in der Produktion gehalten werden. Kaum ein anderer Begriff scheint besser auf die Band Kraftwerk im Hier und Jetzt und ihre Konzerte in München zu passen als dieser.

Wären Kraftwerk wirklich retro in des Wortes mißbilligender Bedeutung, die zwei Stunden in der ausverkauften Kongresshalle hätten einen schalen Nachgeschmack hinterlassen, Stichworte: Kassenfüllerei, Zeitgeist, Trendhopping. So jedoch war nach nur wenigen Takten klar, dass hier mitnichten versucht wird, die artifizielle Maschinenmusik der Düsseldorfer Elektropioniere in die Neuzeit zu übersetzen, um eventuell neue Publikumsschichten zu erschließen oder gar auf einer Welle mitzureiten. Nein – die ergrauten Jünger kamen und blieben, weil ihre Propheten ihnen eine bis auf wenige Details unveränderte Performance anboten, die man so auch vor dreißig Jahren hätte erleben können. Den bekannten Songs im Kraftwerk-Kanon wurde nichts wesentlich Neues hinzugefügt, der Sound war nach heutigen Standards präzise, sauber und in seiner Wucht körperlich fast schon an der Schmerzgrenze verortet.

Dass die Stücke nichts an Aktualität eingebüßt haben, liegt wohl zum einen am universellen Charakter des Computerklangs, der mit seiner scheinbaren Schlichtheit und den zupackenden Rhythmus- und Melodiestrukturen die Sehnsucht nach Klarheit und direkter Ansprache ohne weiteres auch heute noch erfüllen kann. Was vor der Bühne wie ein handelsübliches Rockkonzert funktioniert – das Einklatschen, die Begeisterungsstürme für erkannte Intros – wird auf der Bühne durch die demonstrative Teilnahmslosigkeit der vier bewußt gebrochen (einzig Ralf Hütter leistete sich den einen oder anderen verschämten Schulterblick), und auch das wird natürlich erwartet. „Computerwelt“, „Die Roboter“, „Neonlicht“, „Schaufensterpuppen“ und „Heimcomputer“ – alles funktioniert wie vor Zeiten.

Dass das Publikum so euphorisch reagiert, liegt eben daran, dass es für sein Geld das unverfälschte Original bekommt. Hier stehen keine Grünschnäbel im Lichtkegel, die versuchen eine alte Soße als neues Geschmackserlebnis zu verkaufen, auch keine alten Säcke, die ihre schimmlige Ware mit billigem Tand ausstopfen in der Hoffnung, es würde ihnen schon keiner übelnehmen. Bei Kraftwerk ist der Computer noch Zuse und nicht Jobs, die Tour de France kein himmelschreiendes Dopingspektakel, sondern betont naive Verehrung für Motorik und Körperkraft. Der Klangteppich für die „Autobahn“ wird mit holpriger Grafik illustriert, die noch die Technikgläubigkeit früher Jahrzehnte feiert und eher an einen autofreien Sonntag als die Abbildung heutiger Fahrwege erinnert.

Auch die urgrüne Idee der Fortschrittsverweigerung von „Radioactivity“ kann nur so beklemmend wirken, weil hier bewußt Sellafield und Hiroshima, und eben nicht Fukushima als Bezugspunkte gesetzt werden. Nebenbei ist man auch ganz froh, dass nach dem wohl populärsten Stück der Band „Das Model“ nicht Hubert Kah und Nena zur flotten 80er-Sause aus der Kulisse hüpfen – es bleibt also ein guter Abend. Wie nötig es war, diesen mit einer 3D-Brille auf der Nase zu genießen, muß jeder selbst entscheiden, als Textur zum Kling-Klang sind das sicher hübsche Bilder, wirklich gefehlt hätte diese dritte Dimension am Ende aber kaum.

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