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089, Cho! – Das war Haftbefehl im Backstage

Benjamin Brown

Der Babo höchstpersönlich im Backstage. Live und exklusiv. Die einzige Show, die der Offenbacher Rapper dieses Jahr in München spielt. Diese Chance ließen wir uns am 12. Januar nicht nehmen!

Auch wenn Hafti immer noch der Babo ist: seit seinem legendären Track „Chabos wissen wer der Babo ist“, ist schon einige Zeit vergangen. Das Video ging viral, kassierte zunächst mehr Hate als Anerkennung, brachte Haftbefehl dennoch aufs Radar der deutschen Hip-Hop Szene.

Nach dem Album „Blockplatin“ unterschrieb der Offenbacher 2013 bei Universal Music, ein Jahr darauf erschien die erste Major-Platte „Russisch Roulette“. Diese leitete die Ära des Haftbefehls ein, wie wir ihn heute kennen: aggressive Texte in Kombination mit einem absolut einzigartigen Flow, der einerseits bei Songs wie „Lass die Affen aus’m Zoo“ extremes Ausrastpotenzial vermittelt, andererseits auf Tracks wie „Engel im Herz, Teufel im Kopf“ auch erdrückende Geschichten gespickt mit eigener Lebenserfahrung erzählt, die einen zum Nachdenken bringen (können).

Haftbefehl live: überraschend gut!

Da seit „Unzensiert“ und dem zusammen mit Xatar produzierten Collabo-Album „Der Holland Job“ auch schon einige Zeit verstrichen ist, sind wir neugierig und möglichst unvoreingenommen auf diese exklusive Show gegangen – und wurden positiv überrascht.

Die Ende 2017 eher enttäuschenden Konzerten von Haftis Bruder Capo und seinem regelmäßigen Feature Nimo weckten die Erwartung, auch hier eine leblose Show, schlechten Sound, eine etwas zu junges Publikum und eine unangenehme Grundstimmung vorzufinden. Doch stattdessen entpuppte sich der Auftritt als eines der witzigsten und herzlichsten Hip-Hop-Konzerte, die München in letzter Zeit zu bieten hatte.

Ohne Voract beginnt die Show pünktlich um 21:30 – jedoch mit keinem eigenen Track, sondern schlicht und einfach mit dem Song „Gucci-Gang“ des Internet-Phänomens Lil Pump, zu dem Aykut und seine Backup-Rapper Milonair und Brate069 urkomisch tanzen. Wohl ein spontaner Einfall: am Nachmittag vor dem Auftritt dokumentierte Haftbefehl ausführlich in seiner Instagram-Story, wie er den neu entdeckten Rapper abfeiert – und die Crowd tut es auch.

Danach folgt „1999 Part I“ – ein Kopfnicker-Beat, wie er im Buche steht. Die Menge nickt und winkt energisch mit, es herrscht eine extrem angenehme Atmosphäre, scheinbar jeder im Raum blickt mit einem Lächeln auf den rappenden Babo, der selber ungewöhnlich oft mit einem Grinsen oder Lachen antwortet.

Wie ein Konzert vor guten Freunden

Anstatt wie gewohnt zu Versuchen, möglichst gefährlich und unnahbar auf der Bühne zu wirken, zeigt Hafti offen und ehrlich: Wir haben Spaß, ihr habt Spaß, lasst uns einfach zusammen abgehen und uns gegenseitig abfeiern.
Der Rapper begeistert die Münchner Crowd, die heterogener nicht hätte sein können, mit energischen Beats und seinen übertriebenen und aggressiven Texten.

Das heißt aber nicht, dass diese Texte überspitzte Fiktion sind: Haftbefehl beschreibt sein eigenes Leben vor dem großen Erfolg, malt eine Realität, die nicht mehr seine eigene, dafür die vieler Menschen ist. Dies wird einem umso bewusster, wenn man selber mal Orte wie das Bahnhofsviertel in Frankfurt oder die Ecke an der Hermann-Steinhäuser-Straße in Offenbach besucht hat.

Um deutschen Straßenrap richtig zu verstehen, muss man sich etwas länger mit der Materie, den Personen dahinter und ihren Lebensgeschichten auseinandersetzen –  dann kommt man schnell zur Einsicht, dass vieles im Kern tatsächlich sehr „real“ ist und die Texte oft tiefsinniger und interessanter sind, als sie auf den ersten Blick scheinen.

Man darf sich eben nicht von den vielen Schimpfwörtern und Slang-Ausdrücken abschrecken lassen, um das Ganze dann voreilig als „asozial“ und „prollig“ zu deklarieren.

100% ernst darf man Haftbefehls Inszenierung auch nicht nehmen, schließlich ist der mittlerweile 33-jährige Familienvater nicht mehr darauf angewiesen, auf den Straßen Offenbachs Drogen zu verkaufen und von Kriminalität und Gewalt umgeben zu sein.

Zwischen Hits wie „Saudi Arabi Money Rich“ und Klassikern wie „Dann mit der Pumpgun“ kommen immer wieder komische Ansagen und viele Komplimente für das an diesem Abend auch sehr Kompliment-würdige Publikum. In einer Pause zwischen den Songs fragt Haftbefehl auf einmal aufgeregt, ob denn Interesse bestehen würde, einen neuen „Baba-Track“ von seinem kommenden  Album zu hören, der „einfach nur krass“ sein soll.

Der Rapper klickt konzentriert auf seinem Smartphone rum, hält dieses dann ans Mic, nur um dann einen standardmäßigen Android-Klingelton abzuspielen und herzhaft nach dem Motto „Reingelegt!“ zu lachen und den nächsten Song zu spielen.

Und so neigt sich das Konzert auch schon wieder langsam dem Ende zu, es werden alte und neue Tracks gespielt, es wird zunehmend wilder und energischer rumgesprungen und gemosht und (bis auf den etwas zu leisen Sound) ein Gig gespielt, wie ihn niemand hätte besser machen können.

Den krönenden Abschluss bringen Haftbefehl und seine Jungs dann mit „069“, bei dem als Ausdruck der Zuneigung die berühmt-berüchtigte Frankfurter Vorwahl mit der von München ausgetauscht wird: „08,08,089, Cho!“, singen alle im Chor, bevor die Lichter ausgehen und viele verschwitzte, aber sehr zufriedene Menschen das Backstage wieder verlassen

Haftbefehl hat bewiesen, dass er, was Live-Performance angeht, tatsächlich einer der Besten ist: solider Flow, viel Energie und klasse Entertainment. Dazu diese gewisse Selbstironie und Spaß an der eigenen Sache, die die ganze Veranstaltung fast wie ein Wohnzimmer-Konzert wirken lassen.

Und seine Street-Credibility sinkt dadurch definitiv nicht, schließlich ist er immer noch „Hafti Abi, Straßenstar, International“.


Text: Sascha Gontcharov
Beitragsbild: © Benjamin Brown

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