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E-Scooter: Die Stadt sieht jede Fahrt in Echtzeit

Benjamin Brown

Und irgendwie lande ich dann doch immer wieder in München…
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Benjamin Brown

Eines muss man ihnen lassen: Bisher scheint das mit den E-Scootern in München besser aufzugehen als damals mit den oBikes. Die Entscheidung des Leihfahrrad-Betreibers, die Stadt mit so vielen gelben Rädern wie nur irgendwie möglich zu fluten, endete in Räderpyramiden, Rädern auf Bäumen, Rädern in Flüssen, Rädern auf Verkehrsschildern – das oBike-Debakel zeigte eindrucksvoll, wie „hippe, angesagte“ Mikromobilitätslösungen grandios scheitern können.

Bisher scheint die Münchner Flotte an E-Scootern der Betreiber Lime, Circ, Voi und Tier (die mit der MVG kooperieren und über die MVGmore-App buchbar sind) gut angenommen zu werden. Diesen Sommer möchte zusätzlich der Betreiber Bird den Münchner Markt erobern. Wie viele E-Scooter aktuell in München zur Verfügung stehen, ist unklar.

Aufgrund einzelner Angaben der Firmen dahinter lässt sich diese Zahl aber auf über 2000–3000 schätzen. Das Kreisverwaltungsreferat rechnet derweil, dass sich die Zahl auf 10.000 erhöht.

„Neue E-Scooter bei Betrunkenen besonders beliebt“

Bei einer Gruppe scheinen die elektrischen Tretroller bisher besonders beliebt zu sein: Bei betrunkenen Fahrer*innen. Laut Angaben der Münchner Polizei gehen den Beamt*innen täglich mehr als 20 alkoholisierte Nutzer*innen ins Netz.

Betrunkene Nutzer*innen haben uns diese Schlagzeile beschert

Da es sich bei E-Scootern um Kraftfahrzeuge handelt, gilt eine Promillegrenze von 0,5. Ob es dieses Pegels bedarf, um sich auf dem Gefährt überhaupt wohl zu fühlen und jegliches Schamgefühl abzulegen, konnte nicht bestätigt werden – wer die motorisierten Horden durch die Stadt düsen sieht, könnte allerdings meinen, dass da etwas dran ist.

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Wer alkoholisiert auf einem Scooter erwischt wird, kassiert eine Anzeige und riskiert, den Führerschein abgeben zu müssen. Neben den Daten, die die Polizei so sammelt, wird aber nun vor Daten gewarnt, die die E-Scooter selbst aufzeichnen.

Was dein E-Scooter (mindestens) über dich weiß

Wie schon bei den oBikes speichern E-Scooter eine Vielzahl an Daten über ihre Nutzer*innen und deren Fahrten. Dass die Firmen hinter den Rollern diese sammeln, ist nicht allzu verwunderlich: Schließlich lässt sich nur so bestimmen, wo Roller genutzt werden – die Erkenntnisse sind notwendig, um ein sinnvolles Angebot zur Verfügung stellen zu können.

Was bisher noch kaum bekannt war: Die Firmen geben die Daten auch weiter an die Stadt.

In München verpflichten sich die E-Scooter-Verleihe im Rahmen einer „Selbstverpflichtungserklärung zur Zusammenarbeit und zur Einhaltung städtischer Regeln“, gesammelte Daten mit der Stadt zu teilen.

Dies betrifft die folgenden Datensätze:

-In Echtzeit müssen die Anbieter der Stadt „alle georeferenzierten Standorte“ der E-Scooter im Stadtgebiet zur Verfügung stellen.

– Anzahl der angebotenen Fahrzeuge (tageweise, Durchschnitt pro Tag)
– Gesamtanzahl aller Fahrten
– zurückgelegte Gesamtkilometer
– Anzahl Fahrten pro Fahrzeug pro Tag (Durchschnitt, max./min. Wert)
– Anzahl zurückgelegte Kilometer pro Fahrzeug pro Tag (Durchschnitt, max./min. Wert)
– durchschnittliche Fahrdauer pro Fahrzeug pro Tag
– durchschnittliche Fahrdauer und -strecke pro Leihvorgang
– Anzahl und Örtlichkeiten der Ausbringstandorte (Karte)
– Standorte, mit den meisten bzw. wenigsten Leihvorgängen
– Standorte, an denen der Leihvorgang am häufigsten beendet wurde
– Anzahl von Sachbeschädigungen/Vandalismusschäden
– Anzahl von erfassten Unfällen

Die Stadt München benutzt die Daten nach eigenen Angaben zur „Unterstützung einer Evaluation durch die Landeshauptstadt München sowie zur strategischen Entwicklung von Sharing-Mobility Angeboten in München“. Die Daten seien nur für den internen Gebrauch und würden nicht öffentlich gemacht.

Neben Erkenntnissen über Hauptverkehrsrouten, Nutzungsverhalten und Unfallstatistiken lassen sich über die Daten auch Informationen über die durchschnittliche Lebensdauer eines E-Scooters treffen. In der US-Stadt Louisville machten die Behörden ihre E-Scooter-Daten öffentlich: So konnte festgestellt werden, dass die E-Scooter in der Stadt eine durchschnittliche Lebensdauer von 28,8 Tagen hatten. Der überlebensstärkste Roller schaffte auch nur knapp vier Monate.

Zur Lebensdauer der Münchner E-Scooter konnte die Stadt keine Angaben machen. Obwohl sich die Daten aus Louisville nicht ohne weiteres auf andere Städte übertragen lassen, werfen sie doch die Frage auf, ob E-Scooter wirklich die grüne, „Sie haben mit Ihrer Fahrt kein CO2 ausgestoßen“-Lösung sind.

Angst vor dem E-Scooter?

Bei oBike wurde die Datenflut vermeintlich direkt nach China gespült. Ein Datenleck, bei dem Nutzerdaten online frei einsehbar waren, bestärkte die Sorge, dass vernetzte Mikromobilitätslösungen Informationen nicht nur aufzeichnen, um ihre Roller/Bikes/Scooter zu optimieren und auf örtliche Nachfrage anpassen zu können, sondern um detaillierte Nutzerprofile samt Fahrtrouten aufzeichnen zu können.

In der Schweiz zeigten Auswertungen, dass oBike gar nicht profitabel sein konnte – ging es also stets nur um Daten? Im Verdacht steht der chinesische Handels-Riese Alibaba (Umsatz 2018 nach eigenen Angaben: knapp 40 Mrd. USD), der wohl plant, physische Läden in Europa zu eröffnen. Da kämen Nutzer-Daten gerade recht – Alibaba soll Daten von oBike bekommen haben.

Und jetzt sind es die elektrischen Tretroller? Am besten also panisch den E-Scooter-Account löschen? Nein. Aber es lohnt sich durchaus, zu verfolgen, wie E-Scooter-Firmen mit Nutzerdaten umgehen und wie diese geschützt werden.

Schlussendlich muss klar sein: Wer Angst um seine Daten hat, sollte vor E-Scootern oder Leihfahrrädern auch nicht mehr Angst haben, als vor dem Smartphone in der Hosentasche. Und da sind wir – was Datensicherheit angeht – auch größtenteils recht uninteressiert.


Beitragsbild: © Ivan Radic

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