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Mobilität der Moderne: München bald als weltweites Vorbild?

Wer täglich das Münchner Verkehrschaos erleben muss, wird viele Gedanken zum Thema Mobilität haben: Bei Verspätungen der öffentlichen Verkehrsmittel und in den unzähligen Staus hat man bekanntermaßen genug Zeit, um sich über die Lage unseres Verkehrsnetzes aufzuregen. Und wer doch pünktlich ans Ziel kommt, wird sich häufig in (nicht ungefährlich) volle U-Bahnen, Busse oder Trambahnen quetschen müssen. Und Radlhauptstadt? Das nimmt der Stadtverwaltung auch niemand so recht ab.

Und doch gibt es einen immer heller werdenden Hoffnungsschimmer am Verkehrs-Horizont. München könnte nämlich zum internationalen Vorbild für urbane Mobilität werden. Hintergrund ist eine mögliche Internationale Bauausstellung, die München zum Versuchslabor für kreative Lösungen zur Frage machen würde, wie sich Menschen in internationalen Großstädten in Zukunft fortbewegen.

Was bewegt uns? Und wie wollen wir uns in Zukunft fortbewegen?

Internationale Bauausstellungen gibt es seit über 100 Jahren – meist sind sie auf eine Dauer von über 10 Jahren angelegt. In den Projekten, die weniger als Ausstellung und viel mehr als Versuchslabor dienen, können Städte, Regionen und sogar ganze Bundesländer Expertinnen und Experten aus aller Welt einladen, um neue Konzepte für die „soziale, kulturelle, ökonomische oder ökologische Aufgaben der Gegenwart und Zukunft“ auszuarbeiten. In München soll es um Stadt- und Verkehrsplanung gehen – und dabei um die Fragen, was uns bewegt und wie wir uns in Zukunft fortbewegen wollen.

Eine Machbarkeitsstudie, die von der Stadt München in Auftrag gegeben und am 04. Dezember vorgestellt wurde, hat nun festgestellt, dass eine Internationale Bauausstellung (IBA) in München tatsächlich für neue Ideen und eine Umkrempelung im Kampf gegen Münchens Verkehrschaos führen könnte. Die Studie mit dem Arbeitstitel „Räume der Mobilität“, hat geklärt, ob es politische Rückendeckung für das Vorhaben gibt und ob die Organisation hinsichtlich Personal und Kosten realisierbar ist – und ist dabei zum Schluss gekommen, dass eine IBA umsetzbar und förderlich für München und Umgebung wäre.

Zwar gibt es nach Angaben der Stadt kein Gremium, das darüber entscheidet, ob eine IBA stattfindet, die Studie zeigt sich aber optimistisch, dass Initiatoren aus der Stadt, Kommunen und dem privaten Sektor zusammen kommen können, um einen erfolgreiches Projekt ins Leben zu rufen und dessen Ablauf zu garantieren. Wann wir mit einer Entscheidung rechnen können, steht noch nicht fest – es werden noch die gewillten Initiatoren gesucht.

München wächst und wächst. Und braucht neue Verkehrskonzepte.

Bei einer IBA würde München zum „Reallabor“ werden. Konzepte aus aller Welt könnten in der Stadt ausprobiert und umgesetzt werden. Durch „Experimentieren im Bereich des Planens und Bauens werden Impulse gesetzt, die über ihre Zeit hinausweisen„. Für München könnten dadurch innovative Modelle zur Gestaltung des Verkehrssystems geschaffen werden – die Süddeutsche Zeitung sieht darin einen Innovationsschub gegen den Münchner Verkehrskollaps.

Eine mögliche IBA würde vorsehen, nach innovativen Ideen aus aller Welt zu suchen. Wir haben sieben Vorschläge, wo Inspirationen lauern könnten:

1. Delhi: Ein Blick nach Indien könnte behilflich sein: 2017 hatten nämlich 99,93 Prozent der U-Bahn-Fahrten in Neu Delhi maximal 60 Sekunden Verspätung. Are you listening, liebe MVG?

2. Madrid: Bis 2020 soll das historische Zentrum der spanischen Hauptstadt zur Fußgängerzone werden. Bereits jetzt sind Teile des Zentrums nur für Anwohner befahrbar. Mit einem Netzwerk aus Parkuhren, die sich nach der Emissionsklasse des parkenden Fahrzeugs richten und einem massiven Ausbau von Fahrradstraßen und des städtischen Rad-Verleihsystems, zeigt die Stadt, die mehr als doppelt so viele Einwohner*innen wie München hat, was auch hier möglich sein könnte.

3.Oslo: Die norwegische Hauptstadt geht ähnliche Schritte wie Madrid. Bis 2019 soll das Zentrum der Stadt frei von Autos sein.

4. Bogota: Eine Light-Version dieser Ansätze findet sich in Kolumbien. In der gesamten Hauptstadt ist der Sonntag „autofrei“. Spazierende Familien, Jogger, Radfahrer und Künstler übernehmen einmal die Woche die Straßen der acht-Millionen-Einwohner-Stadt. Zusätzlich hat Bogota in den letzten Jahren kräftig in den Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel und Radwege investiert.

5. Helsinki: In Finnland hat man sich von der Masterarbeit einer Studentin zum Verkehrssystem in der Hauptstadt inspirieren lassen. Ein Zahlungssystem soll ab 2025 alle Aspekte rund um Fortbewegung abdecken und das Bezahlen von öffentlichen Verkehrsmitteln, Car-Sharing, Parkgebühren, Fahrrädern und Taxis ermöglichen.

6. Abu Dhabi: Man wird ja wohl noch träumen dürfen. In Abu Dhabi wird die CO2 -neutrale „Ökostadt“ Masdar City, aus der Wüste gestampft. Obwohl das Projekt mit Blick auf die Menschenrechtslage und den Wahrheitsgehalt der Bezeichnung als „Ökostadt“ kritisch zu hinterfragen ist, setzt es eine futuristische Verkehrsinnovation um: Ein Netz aus „Personal-Rapid-Transit“-Fahrzeugen ersetzt den klassischen öffentlichen Nahverkehr. Die kleinen, elektrisch betriebenen Fahrzeuge bestehen aus einer gläsernen Kabine und sind an keine Fahrpläne gebunden. Ihr Ziel erreichen sie durch Magneten unter der Fahrbahn.

 

7. Es könnte auch so einfach sein: Unser Traum für eine verkehrspolitische Neuerung in München, ist die Ringbahn. Das neue Ringbussystem ist zwar nicht schlecht – aber doch nur eine Übergangslösung. Somit bleibt die Forderung einer Ringbahn weiterhin hochaktuell.

 

Wenig Bürokratie und viel Geld

Mit einer Internationalen Bauausstellung könnte in München der Traum aller Städteplanerinnen und Städteplaner in Erfüllung gehen: Um Innovationen zu ermöglichen und neue Versuche wagen zu können, sieht die Stadt einen Abbau bürokratischer Hürden und schnellere Entscheidungsfindung vor. Zudem könnte das Projekt von neuen Geldgebern profitieren. Die IBA würde München nämlich den Zugriff auf spezielle Fördergelder des Bundes und der Europäischen Union eröffnen.

Als am dichtest besiedelte Großstadt Deutschlands braucht München eine Revolution im überlasteten Verkehrssystem. Mit der zweiten Stammstrecke kommt zwar Entlastung – allerdings zu spät. Hier werden keine nachhaltigen Lösungen geschaffen, sondern der Totalkollaps des Verkehrssystems lediglich aufgeschoben. Eine IBA könnte den radikalen Ideen Raum bieten, die die Stadt braucht.

 


Beitragsbild: © Tomasz Frankowski on Unsplash
Foto Radfahrer in München: © Connie Lu (CC 2.0)
Grafik Ringbahn: © Herzog, Atabay, OpenStreetMap

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