Kultur, Nach(t)kritik

Seifenoper am Gärtnerplatz

Corinna Klimek

Ich reise gerne, gehe oft ins Musiktheater und lese viel. Manchmal kombiniere ich auch alles miteinander. Seit 7 Jahren schreibe ich darüber unter www.nacht-gedanken.de

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Der geduldige Sokrates

Der geduldige Sokrates

Schon lange überfällig wäre eine Barockoper am Gärtnerplatz gewesen, sagte Staatsintendant Ulrich Peters nach der Vorstellung. Jetzt sei aber genau der richtige Zeitpunkt dafür gewesen, weil man auch das Ensemble dazu habe. Auf dieses Ensemble kann er auch zu Recht stolz sein, denn dass ein Haus wie das Staatstheater am Gärtnerplatz, in dem auch die leichte Muse auf dem Spielplan steht, ein Werk wie „Der geduldige Sokrates“ mit nur zwei Gästen stemmt, ist schon bewundernswert.

Die Handlung gleicht einer Seifenoper: in einem Erzählstrang streitet sich Xanthippe mit Amitta, der zweiten, historisch nicht verbürgten Ehefrau des bedauernswerten Sokrates, der immer wieder versucht zwischen den beiden zu vermitteln und zwischendurch aber tatsächlich mal die titelgebende Geduld verliert und seinerseits das Nudelholz schwingt. Dann gibt es den Prinzen Melito, der von zwei Prinzessinnen, Edronica und Rodisette, begehrt wird, sich aber für eine entscheiden muss. Und den Prinzen Antippo, der beide Frauen gerne haben würde, aber auf wenig Gegenliebe stößt. Und dann gibt es da noch die Schüler, deren Philosophie sich eher auf das praktische Leben richtet als auf die Lehren des Meisters.

Die einzelnen Episoden wiederholen sich ein wenig, schließlich war der Zuschauer zur Entstehungszeit es gewohnt, zwischendurch mal hinauszugehen und sich ein Bier zu holen, und so verpasste man nicht allzu viel.

Das könnte langweilig sein. Die Betonung liegt auf könnte, denn Langeweile kam am diesem Abend wirklich nicht auf. Die Inszenierung ist spritzig, lässt der Spielfreude des Ensembles freien Lauf und die Zeit wie im Flug vergehen. Die Kostüme schwanken zwischen Antike und Barock und sind schön anzuschauen.

Die Bühne überrascht mit immer neuen Einblicken, allerdings gefällt mir persönlich die Kombination von weiß-blauem Himmel und rot nicht besonders, das ist aber Geschmackssache. Die vielen, vielen Bücher haben mich versöhnt. Regisseur Axel Köhler und Dirigent Jörn Hinnerk Andresen haben behutsam, aber an den richtigen Stellen gekürzt. So blieben die teilweise wirklich wunderbaren Arien vollständig erhalten. Der barocke Gestus findet sich hauptsächlich in der Balletteinlage wieder, Denys Mogylyov tanzt ganz hervorragend die zum Leben erweckte Statue des Adonis.

Die Personen sind überzeichnet, aber trotzdem immer glaubhaft dargestellt. Heike Susanne Daum ist eine wirklich furiose Xanthippe, wie ein Orkan fegt sie mit Stimme und Körper in den Rezitativen über die Bühne und singt im nächsten Atemzug ein wunderschönes Duett mit der etwas zarteren Amitta von Thérèse Wincent, die ebenfalls mit Bühnenpräsenz und einem schönen Sopran überzeugen kann. Stefan Sevenich singt Koloraturen, als hätte er nie etwas anderes getan und bringt auch hier wieder viel Komik durch Mimik und Gestik in das Stück. Dem Prinzen Melito, durch Kostüm und Maske eher statuenhaft angelegt, verleiht Robert Sellier mit seinem schönen Tenor Empfindsamkeit.

Die beiden Prinzessinen werden von Ella Tyran und Stefanie Kunschke hervorragend stimmlich und darstellerisch charakterisiert und das Terzett gegen Ende mit Melito gehört zu den schönsten musikalischen Momenten des Abends. Gregor Dalal als Melitos Vater ist ein absoluter Hörgenuss und auch der Countertenor Yosemeh Adjei, am Gärtnerplatz noch in bester Erinnerung in seiner Rolle als Apollo in „Death in Venice“, überzeugte als verliebter Antippo. Eine echte Entdeckung ist Mauro Peter, der mit seinem kraftvollen und sehr schönen Tenor vergessen lässt, dass er noch studiert. Die restlichen Schüler werden von den Chorsolisten Stefan Thomas, Bernhard Appich und Oliver Weißmann außerordentlich gut repräsentiert. Der Chor an sich hat leider nicht all zu viel zu tun, dafür singt er mal wieder ganz hervorragend. Das Orchester spielte einfach fabelhaft, diese manchmal wirklich ganz zarte Unterlegung in den Arien, diese meisterhafte Begleitung der Rezitative, damit hat sich dieses Orchester auch in der Welt der Barockmusik etabliert.

Ein ganz zauberhafter Abend, den das Publikum mit einhelligem Jubel für alle Beteiligten honorierte. Es lohnt sich, am Sonntag, den 03.07. nochmals einen Blick zu riskieren, wenn die Alternativbesetzung ihre Premiere hat. Weitere Vorstellungen am 13., 21, 26.07. sowie am 24. und 28.09. und am 02.,13.,21. und 29.10.2011. Karten an allen bekannten Vorverkaufsstellen oder im Internet.

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