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Filmriss in Serie: Auf Instagram wird’s heute Abend „Rüde!“

So schnell kann’s gehen: einmal richtig über den Durst getrunken – pardon: gesoffen – und schon sind Job, Freundschaften und Einlass im Stammclub in Gefahr. Was eine wilde Nacht so alles verändern kann… Genau in diesem Setting findet sich Dancefloor-Rüpel Jonathan wieder, als er eines morgens erwacht und ihm speiübel ist. Immer diese Sauferei! Einen Klogang und zahlreiche SMS später ist der Protagonist der Instagram-Serie“Rüde!“ aber noch nicht wirklich schlauer, was er am Abend davor so alles angestellt haben soll. Die Nachrichten, die gefühlt im Sekundentakt auf seinem Smartphone aufblitzen, lassen aber Übles erahnen.

„Nach der Nummer, die du gestern abgezogen hast, weiß ich nicht, ob wir noch Kollegen sind.“

Kurze Erläuterung an der Stelle: „Rüde!“ ist eine Produktion der beiden Münchner Manuel Palacio (29) und Dominik Schelzke (Schelli, 26). Palacio kennt man als DJ, Veranstalter und Chef bei Fancy Footwork, Schelzke ist freier Autor und Journalist (u.a. SZ, BR, FUNK). Beide erfahrene Nachtschwärmer!

Dominik Schelzke und Manuel Palcio (v.l.n.r.)

Ersterem kam der Einfall zur Serie vor einigen Monaten unter der Dusche, erzählt er uns. Leider war damals ja nicht viel mit Ausgehen, Treffen oder gar Disco. Aus der Not mussten sie somit eine Tugend machen und zeigen, dass man eine Serie auch mit Smartphone und Ausgangsbeschränkungen machen kann. Gefilmt wurde nämlich ausschließlich in der Wohnung von Schelzke, der auch den Protagonisten mimt.

Etwa 60 Sekunden dauern die zehn kurzen Episoden jeweils – genug Zeit für jede Menge digitale Hiobsbotschaften und ein bisschen Schadenfreude. Dem verkaterten Jonathan aus der Serie will man da irgendwann bloß noch raten: Leg‘ dein Handy erst mal weit weg! Unseren Leser*innen aber empfehlen wir, mal reinzuschauen. Palacio und Schelzke ist wirklich eine derb-witzige Serie geglückt! Mehr von den beiden haben wir im Gespräch über die Serie erfahren:

Feuerwerk der Fehltritte

Hi Dominik, hi Manuel: Mit „Rüde!“ habt ihr innerhalb kürzester Zeit eine Mini-Serie konzipiert und auf Instagram umgesetzt: Wie kam euch denn die Idee dazu?

Manuel: Die Idee zur Serie kam mir – wie so oft – unter der Dusche. Ich habe während Corona nach Alternativen gesucht, um Leute zu unterhalten. Mit Fancy Footwork stehen wir ja dafür, die Menschen zusammenzubringen. Noch nass habe ich dann Dominik angerufen, weil ich mit ihm nicht nur dutzende Geschichten teile, sondern dachte, dass er bestimmt Lust hätte, die Serie umzusetzen.

Protagonist Jonathan erwacht – und seine Welt scheint nicht mehr ganz dieselbe zu sein

Dominik: Nachdem die Euphorie und Manuel abgetrocknet waren, haben wir uns hingesetzt und per Videochat ein Konzept und ein Drehbuch entwickelt, das aus unseren Geschichten, Geschichten unserer Freunde und ein wenig Phantasie besteht.

Der Protagonist erwacht nach einem Feuerwerk der Fehltritte schwer verkatert in seiner Wohnung. Wann ist euch das letzte mal eine richtig üble Sache passiert, die euch anschließend ungemein peinlich war?

Dominik: Die Rüde-Nacht spielt zum Teil im Cucurucu, was tatsächlich auch der Ort meines letzten massiven Fehltritts war. Sehr betrunken und ein wenig emotional hab ich vor dem Laden angefangen lautstark mit einem Barkeeper – der eigentlich nur eine Raucherpause machen wollte – darüber zu diskutieren, ob ich mein Glas mit raus nehmen darf oder nicht. Größenwahnsinnig, sehr dumm auch, da ich selbst jahrelang Barkeeper war und zutiefst beschämend. Sie haben mich letztens trotzdem in ihre Online-Galerie für Family & Friends aufgenommen, das heißt, sie haben mir wohl verziehen.

Manuel: Wir hatten Anfang des Jahres ja quasi schon die Party des Jahres, als wir mit Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys das Paradiso zerfeiert haben. Plötzlich kommt eine Lady zu mir und meint, dass irgend so ein Typ am rumpöbeln ist. Feuchtfröhlich und während ich ja eigentlich aufgelegt habe, hab ich den Typen rausgeworfen. Nur, dass ich in dem Trubel leider den Falschen gepackt habe. Aber hat sich alles geklärt und den eigentlichen Pöbler haben wir auch noch erwischt.

Folgen im Insta-Format

Welche Resonanz habt ihr bisher auf das Projekt bekommen?

Dominik: Überwiegend positive Resonanz, vor allem sehr neugierig. Letztens hat mich sogar eine Kollegin im Meeting darauf angesprochen, wie es denn jetzt weitergeht. Damit habe ich nicht gerechnet. Die Menschen sind richtig dabei. 

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Episode 1

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Manuel: Einzige Kritik ist oft die Kürze der einzelnen Folgen, aber die Länge wollten wir ja genau so. Wir wollten neue Erzähltechniken ausprobieren. Wir wollten kein IGTV, sondern geschlossene Folgen als einzelne Beiträge. Und es ist nicht so, dass wir nicht mehr Material hätten. Ich muss im Schnitt viel wegnehmen, damit wir nicht länger als eine Minute werden. Aber dadurch wird man im positiven Sinne „gezwungen“, sich auf den essenziellen Inhalt zu konzentrieren.

Ein bisschen erinnert mich die Serie an „Fett und Fett“, welche ja auch so einen liebenswerten und dem Alkohol nicht ganz abgeneigten Pech-Abonnenten in kurzen Folgen in Szene gesetzt hat. Lasst ihr den Vergleich gelten?

Dominik: Was heißt „gelten“, das wäre ja eine Ehre dieser Vergleich. Ich bin großer Fan von „Fett & Fett“ und den Menschen dahinter. Aber vom Konzept ist unsere Serie doch noch mal ganz anders, auch wenn ich die Gemeinsamkeiten sehe. Trotzdem: Jaksch hat das Pech ja wirklich abonniert, Jonathan – unser Charakter – fordert es eher durch miese Aktionen geradezu heraus – wenn auch teilweise nachvollziehbar.

Wieviel Lebenserfahrung steckt im Charakter von Jonathan? 

Manuel: Einiges, aber auch nicht zu viel. Es ist eine Mischung aus vielen Geschichten aus unserem Umfeld und noch dazu überzeichnet. Wie zum Beispiel die titelgebende Geschichte: Da ist ein guter Freund von uns zu seiner Frau nach Hause gekommen, hat sie – weil betrunken und sehr laut – geweckt und dafür am nächsten Tag einen Post-It am Fernseher vorgefunden.

Staffelfinale heute Abend

Eine Folge bleibt noch aus, aber jede Menge Fragen sind offen: Was hat Jonathan zu seiner Chefin im Suff gesagt? Ist „Hausverbot“ in seinem Stammclub das letzte Wort? … Erfahren wir all das heute Abend im Staffelfinale?

Dominik: Wir werden einiges offen lassen, das ist ja auch der Stil der Serie. Die ZuschauerInnen sollen dazu gebracht werden, sich vorzustellen, wie die offenen Stellen wohl abgelaufen sind. Um vielleicht auch zu reflektieren, wann man selbst das letzte Mal den falschen Ton getroffen hat, in einem Streit zu persönlich oder durch zu viel Alkohol zum Arsch geworden ist. Ich trinke gerne was und werde mich wohl leider auch in Zukunft mal wieder daneben benehmen, aber genau deswegen sind ein reflektierter Umgang und der ernsthafte Versuch, es besser zu machen, so wichtig.

Manuel: Viele, die unsere Serie sehen, waren wahrscheinlich selbst schon in einer ähnlichen Situation. Wie sie selbst, sucht unser Protagonist nach Puzzle-Stücken der letzten Nacht und findet eben nicht gleich alles. Die eigenen Freunde wissen auch nicht alles, Internet und Fotos helfen nicht weiter. Vielleicht liegt die komplette Auflösung ja noch etwas in der Zukunft.

Fortsetzung geplant oder ausgeschlossen?

Dominik: Fortsetzung nicht sicher, aber in Planung.

Manuel: Wir experimentieren ja auch gerne mit neuen Erzählweisen, neuen Formaten. Das bedeutet, die Form muss nicht unbedingt dieselbe sein. Das Thema gibt auf jeden Fall sehr viele Handlungsstränge frei. Und da sind auch noch einige Anekdoten in der Schublade.

Wir begeben uns zum Abschluss kurz in das Reich des Spekulativen. Frage an euch als erfahrene Veranstalter und Nachteulen: Welcher Song könnte Jonathan so dermaßen in Fahrt gebracht haben, dass das Unglück seinen Lauf nahm?

Dominik: „Ace of Spades“ von Motörhead. 

Manuel: Bei mir gibt es einen Mix aus: „Bonkers“, „Just Can’t Get Enough“ und zum Abschluss “Nur Geträumt”.


Die (vorerst?) letzte Folge von „Rüde!“ ist seit 04. Juni auf Instagram zum Nachschauen. Das Gespräch wurde einen Tag vorher geführt.

Fotos: © PR

Florian Kraus

Für MUCBOOK unterwegs in der Stadt, meist wenn's um Kultur oder Politik geht.
Florian Kraus
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