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Spiegel der Kunst

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Das Projekt CUI BONO entstand als Wanderausstellung, um die spezielle Welt der heutigen Gegenwartskunst im gegenwärtigen Moment zu untersuchen: in einem Moment tiefgreifender und radikalerer Veränderungen auf ökonomischer und sozialer Ebene.
Die Krise im kollektiven Denkgebäude und die Finanz-Blase, die 2008 den Kunstmarkt erschütterte, haben gezeigt, dass das „Betriebssystem Kunst“ zunehmend instabil und undurchsichtig wurde, nicht nur für den normalen Betrachter, sondern ebenso für ihre so genannten Insider. Diese allgemeine Unsicherheit betrifft alle Kunstformen und zwingt uns über den tieferen Sinn von Kunst und ihrer Wertigkeit nachzudenken.
CUI BONO soll ein Spiegel der gegenwärtigen Kunstsituation sein und soll als Wanderausstellung verschiedene Stationen im neuen Europa aufsuchen. Die erste Station war Januar 2012 in der Kogart Galeria in Budapest, Ungarn. Jede Station wird CUI BONO um einen neuen Künstler bereichern und mit ihm einen neuen Standpunkt in eine fruchtbare Reflektion über die aktuelle Situation der Gegenwartskunst einbringen.
Die zweite Station von CUI BONO in der whiteBOX in München wird vier Künstler vorstellen, die aus unterschiedlichen Ländern kommen, unterschiedliche Altersgruppen vertreten und mit unterschiedlichem Medien arbeiten, von Skulptur bis Malerei, von Installationen bis Foto-Kunst und Mixed Media.
Alessandro Papetti, 1958 in Mailand geboren. 1980-1986 Entwicklung seiner sehr persönlichen Malerei und erste Einzelausstellung; ab 1988 Vorstellungen in öffentlichen Räumen in Italien. Von 1988-1990 konzentriert sich seine Malerei auf Porträts aus einem vertikalen Blickwinkel von oben. Dieser Weitwinkel-Perspektive auf die Realität folgt zwischen 1990 und 1992 ein Zyklus mit dem Titel Fundstücke, der den Fokus auf Einzelheiten lenkt: eine Art Analyse der Form und der Zeitspur im Inneren von Gebäuden. Als Konsequenz darauf vertieft Papetti ab 1992 seine Untersuchungen auf das Thema der Industrie-Archäologie. Ab 1995 pendelt seine Aktivität zwischen Mailand und Paris. Hier auch die Begegnung mit dem Autor James Lord der ihm 1996 einen wichtigen Aufsatz widmet.
Im Werk Alessandro Papettis lebt die Figuration des 19. Jahrhunderts weiter. Die Kraft des Zeichens und die Geschwindigkeit der Geste sind typisch für seine Malerei, die sich im Kontext einer ebenso typischen Thematik entwickelt: Schiffswerften, Schatten und Reflexe von Figuren im Wasser, Ruinen einer Industrie-Archäologie.
September 2009 eröffnete er im Palazzo Reale in Mailand seine Arbeit Zeitzyklus mit drei imposanten kreisförmigen Installationen mit je 8 m Durchmesser.
Alexandros Yiorkaddjis ist 1991 auf Zypern geboren. Nach seinem Studium auf der Hochschule Makarios III in Zypern besuchte er die Kunstakademien in Perugia und Bologna und war Resident an der Kunstakademie von Marseille. 2011 nimmt er an der Biennale von Venedig teil.
Sein Werk konzentriert sich auf die menschliche Gestalt und auf das spezielle Wechselspiel zwischen Körper und Seele, sowie zwischen Individuum und Gesellschaft. Seine Medien sind Skulpturen aus Polyuretan und multimediale Installationen.
Aron Demetz, geboren 1972, richtet seit Jahren seine Aufmerksamkeit auf die menschliche Figur, auf Gestalten der Gegenwart aber wie eingefroren in Posen antiker Darstellungsweise oder festgehalten in bizarren Haltungen. Diese realistische Galerie besteht häufig aus Heranwachsenden und besticht durch formale Genauigkeit in einer Atmosphäre meditativer Melancholie, die gleichzeitig klassische und moderne Elemente aufscheinen lässt. In den letzten beiden Jahren widmete sich der Künstler einer anderen Darstellungsweise der menschlichen Figur: er löst sich von der reflektierenden Betrachtung und dem Studium der Emotion und findet zu einer Ausdrucksweise, die weiter zu den Anfängen und ihren Wurzeln zurückkehren will. Außer dem Material Holz, das weiterhin die Seele aller seiner Arbeiten bleibt, hat Aron Demetz mit unterschiedlichen Materialien experimentiert, wie Blattsilber, das den Skulpturen eine Aura von übernatürlicher Reinheit verleiht und dem Betrachter die Suggestion vermittelt, einem Wesen gegenüberzustehen dass dabei ist eine alte Haut abzustreifen um in ein neues Leben zu treten. Diese Skulpturen wenden sich mit Assoziationen Bildern und Symbolen an unser kollektives Gedächtnis und wecken eine Bewusstheit von der möglichen Position des Wesens Mensch.
In seinen neuesten Werken, den „Nähten“, setzt der Künstler Baumharz ein, das er in den Wäldern des Grödnertals sammelt, um seine Figuren zu gestalten. Dieses Material, unstabil und in ständiger Veränderung, besitzt eigene Charakteristiken mit großer evokativer Kraft. Es hat ein intensives Parfum, kann sich sowohl kristallisieren als auch auflösen, wechselt seine Farbe von intensivem Gelb zu rot und schwarz, es verklebt und konserviert in seinem Inneren organische Reste und kleine Tiere. Mit diesem Material überzieht Demetz seine Skulpturen wie mit einer neuen Haut, die alle Wunden heilt und vernäht – auch alle Verletzungen der Seele und der Gefühle. Eine Haut die nicht nur das Werk überzieht, sondern auch in ihr Inneres eindringt. Diese Skulpturen evozieren eine Vielzahl, auch widersprüchlicher Bedeutungen. Zur Vorstellung von sprießendem Leben, von Hoffnungen und Erneuerung, gesellt sich auch die Vorstellung eines archaischen Wesens, das an eine mumifizierte Gestalt erinnert, an Verwesung und Tod. Mit diesen Skulpturen löst der Künstler Reflexionen aus, über den Körper als vitale biologische Struktur, mit seinen Säften, seinen Gerüchen, seiner Hitze, seinen Grenzen – und einem Gemenge abgründiger Kräfte, die jeden umfangen, der sich in die Mäander seiner pulsierenden Welt begibt.
Ugo Dossi ist 1943 in München geboren. Sein Werk kreist um die Kreativität des Unbewussten, um Sinnliches und Übersinnliches. Es spielt mit archetypischen und kollektiven Bildern, mit Automatischen Zeichnungen, subliminalen Projektionen, mit paranormalen Phänomenen.
Seine Installationen wurden auf der Documenta gezeigt (Documenta 6 und Documenta 8), auf den Biennalen von Venedig (1986 und 2011), von Paris (1975) und Buenos Aires (2000), sowie in zahlreichen Einzelausstellungen in internationalen Museen.
Der Tarot und das darunterliegende komplexe Denksystem spielen eine wichtige Rolle im Werk von Ugo Dossi. Schon 1968 entstanden erste Arbeitsserien um den Tarot, und seine Ausstellung 1970 im legendären „Studio Apollinaire“ in Mailand war gänzlich den kabbalistischen Aspekten des Tarot gewidmet.
Seither wirkten die Impulse aus seiner Beschäftigung mit diesem System aus symbolischen, kosmologischen und kombinatorischen Bezügen unterschwellig im Untergrund seines Werkes.
Von 2009 bis 2012 stellte sich Dossi der Herausforderung, die 22 Trümpfe des Tarot, die so genannten Arkana neu zu gestalten, um den unerhörten Reichtum ihrer Inhalte, ihrer Allegorien und Metaphern und die poetische Kraft ihrer Bilder in den Kontext der Gegenwartskunst zurückzubringen. Diese Arbeit wurde im Juni 2012 mit der Installation 2nd LIFE in Kassel präsentiert und ist Kern seines Beitrags in CUI BONO.
Nachgemeldet: Gabor Füllöpp

Gabor Füllöpp

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