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Still. Stiller. München! Last X-Mas im X?

Stefanie Witterauf

Stefi ist eine junge Journalistin aus München. Sie liebt Neologismen, Dadaismus und Kaffee. Den trinkt sie am liebsten auf Reisen. Bevor sie dreißig Jahre alt wird, möchte sie alle europäischen Hauptstädte gesehen haben.

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Stefanie Witterauf

Der Weihnachtsabend wird auch die stille Nacht genannt. In der Realität sieht das schon lange nicht mehr so aus. Besinnlichkeit und Christkindlmärkte stehen, meiner Meinung nach, im direkten Gegensatz zueinander. Jeder, der in den vergangenen Adventssonntagen versucht hat, eine entspannte Zeit in der Kälte mit einem klebrigen, übersüßen Glühwein zu verbringen, wird mir da wohl zustimmen. Und Streit soll es am Heiligen Abend in den besten Familien geben. Nach dem reichhaltigen, leckeren Schmaus, den peinlichen Fragen der Großeltern (Hast du immer noch keinen Freund? Wann verdienst du dein eigenes Geld? Müsst ihr jungen Menschen immer am Handy hängen?) und dem traditionellen Geschenkeverteilen, -auspacken und -kassieren, geht es oft zu der nächsten Tradition:

Das Weihnachtsgeld in Prozente in Bier und Gin zu investieren mit der Wahlfamilie – dem Freundeskreis

Unsere Freundeskreise sind unglaublich international. Die alten Schulfreunde wohnen überall auf der Welt verteilt oder man ist selbst nicht mehr in München. Ganz nach dem Motto „Driving home for Christmas“ ist es oft die einzige Zeit im Jahr, in der ein großer Teil der Lieblingsmenschen wieder daheim ist. Auch wenn sie sonst nicht ihr Elternhaus als ihr Zuhause bezeichnen würden.

Last Christmas im X?

Doch diese festliche Tradition wird gestört von dem wohl größten Problem in München. Gentrifizierung, Luxussanierungen, Einwohnerbeschwerden – sind da die Schlagworte. Kein Monat vergeht ohne das nächste Gerücht von der Schließung der kleinen Bar oder Kneipe um die Ecke. Leider ist da oft recht viel bei dem Hören-Sagen dran und obwohl viel Stuss behauptet wird, machen die Läden dann doch irgendwie zu.

Getrauert wird in der Indie-Szene um das Atomic, in der Club-Szene ums Kong und nun soll die X-Bar, liebevoll „Das X“ genannt, auch schließen. Die gemütliche Bar im Herzen von Schwabing ist der Treffpunkt für viele nach dem offiziellen Familien-Feiertag. Nicht nur 1 Freundeskreis findet hier einen Platz, um das jährliche Wiedersehen zu zelebrieren, sondern x Freundeskreise. Seit 1998, das Eröffnungsjahr der X-Bar, ist der Laden in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember jeweils proppenvoll.

Und jetzt?

Nun läuft der Pachtvertrag der X-Bar aus. An sich auch nichts Ungewöhnliches – das passiert meist alle fünf Jahre. Ob er dieses Mal verlängert wird? Das steht noch aus. Im ersten Stock wohnt seit Sommer eine junge Familie. Der Lärm der Gäste ist unüberhörbar – kein Problem für die WG davor: Die nutzte „das X“ als erweitertes Wohnzimmer.

So bezeichnet auch Münchner Kindl Eric Schönemeier das Kong, das ihn und seine Freunde an Weihnachten beherbergt hat. Wohin geht es jetzt? Das fällt ihm schwer zu beantworten.

Bars schließen. Traditionen sterben. Freundeskreise zerbrechen?

Nicht so bei dem Münchner Grafiker Alexander Scharf. Sein Freundeskreis trifft sich zuerst immer am Gärtnerplatz. Dann geht es weiter. Und dank der Klimaerwärmung bleiben sie auch manchmal dort – und trinken einfach draußen Bier. „Die meisten von ihnen sehe ich nur einmal im Jahr – eben an Weihnachten!“, sagt er. Es sei eine Gruppe von ungefähr fünfzehn Freunden, die den Ritus verinnerlicht hätten. Doch so scheint es eher unüblich sich Mitte/Ende Dezember draußen zu verabreden – wohin mit den Freundeskreisen, die ihr „Wohnzimmer“ verlieren?

Stadtkinder aus dem Speckgürtel

Haben die Vorstadtkinder da einen Bonus? Oft sind die coolen Lokalitäten in den Dörfern um die Millionenstadt doch eher begrenzt und die (damals) Jugendlichen haben sich in ausgewählten Elternhäusern für den feiertäglichen Umtrunk getroffen. „Wir treffen uns jetzt eher in der Stadt. Die wenigsten wohnen noch im Vorort. Wir sind jetzt Stadtkinder“, sagt Felix Glauber aus dem Münchner Süden. Welche weihnachtliche Tradition gibt es dann? „Wir Schrottwichteln jedes Jahr“, sagt er. Herr der Ringe Ü-Ei Figuren, selbstgebastelte Aschenbecher und die Bibel sind gewichtelte Objekte der vergangenen Jahre. Ob sich die Standort-Tradition in eine Schrott-Tradition wandeln lässt?

Noch gibt es zumindest für die X-Bar Hoffnung. Das Gerücht der Schliessung ist noch nicht offiziell bestätigt. Es gibt wohl direkte Verhandlungen mit dem Besitzer zur Verlängerung des Pachtvertrags. Es wäre schade, wenn die Stille Nacht in Schwabing wirklich stiller wird.

 


Beitragsbild: (c) Jan Rauschning-Vits

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