Kultur, Live

Stimmen in meinem Kopf

Juliane Becker

Noch bis zum 15. Juni veranstalten die Münchner Kammerspiele und der niederländische Regisseur Dries Verhoeven eine Stadtrauminstallation, die ihresgleichen sucht: Niemandsland entführt den Teilnehmer in das Leben eines anderen.

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Start ist ausnahmsweise nicht in den Kammerspielen, sondern nahe der DB Lounge am Hauptbahnhof. Wir sind eine bunt gemischte Truppe, alle Altersklassen, vielleicht fünfzehn, zwanzig Personen. Dries Verhoeven begrüßt uns herzlich und erklärt uns die Regeln:

Ich bekomme weiße Headphones und einen Walkman in die Hand gedrückt. Der wird in der Hosentasche verstaut, darauf rumtippen sollten wir möglichst bleiben lassen. Wir erhalten auch jeder einen Zettel mit einem Namen darauf: auf meinem steht ‚Scherief‘. Das sei der Name unseres Guides, erklärt der Regisseur.
Die Kopfhörer sollen wir immer anbehalten. Wir werden unserem Guide durch die Stadt folgen, etwas hinter ihm laufen, und darauf aufpassen, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Mehr Informationen gäbe es nicht, das würde sich schon von allein ergeben.
Ob wir Fotos machen dürften, fragt eine ältere Dame neben mir. Dries sieht sie ungläubig an. „Sie haben Ihre Augen“, sagt er, halb lächelnd. „Damit können Sie die besten Fotos schießen.“

Und nun heißt es: Ab auf die Ohren mit dem Ding, und runter zu den Gleisen.
Wir folgen Dries leicht verwirrt hinunter in die Haupthalle, wo wir uns aufreihen, das Papier mit ‚unserem‘ Namen vor unseren Körper haltend.
Es ist eine unangenehme Situation. Fast zehn Minuten stehe ich wie auf dem Präsentierteller am Hauptbahnhof, umgeben von hunderten Passanten, die sich nach und nach auch zu klassischen Münchner Gaffern entwickeln. Sie mustern uns kritisch, besonders den Älteren kann man ansehen, dass ihnen das missfällt. „Typisch München“, würden sie wahrscheinlich sagen, und verächtlich hinzufügen: „des Gschwerl macht scho wiada an Schmarrn.“

In meinen Ohren klingt leise Opernmusik, eine Arie vielleicht. Es ist nichts allzu bekanntes, denke ich zumindest, und konzentriere mich, um mich von den neugierigen Blicken abzulenken, erst einmal darauf. Nach und nach verschwimmt meine Umwelt, wie im Traum höre ich der Sopranistin zu und nehme nur noch wenig um mich herum wahr. Wie es halt immer so ist: Musik an, Welt aus.
Erst als die Trulla neben mir – es ist die Frau von vorher – ihr iPhone heraus zieht und wild herumfotografiert, wird mein Träumen unterbrochen. Von wegen wir wären Generation Handy! Am Liebsten würde ich ihr das Teil aus der Hand schlagen. Ich verdrehe die Augen. Ein vorbeigehender junger Mann sieht das, blickt dann auf den Applesklaven neben mir und lacht laut los.

Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass sich zu den Sensationslustigen auch andere Personen gesellen. Sie bewegen ihre Lippen, als ob sie die Arie selbst singen würden. Es sind ebenfalls Menschen aller Altersklassen, aber die Pigmentierung ihrer Haut ist doch deutlich variabler als die unsere.

Und da tritt auch schon der erste vor. Er sieht das Mädchen neben mir an, bewegt leicht seine Hand, offensichtlich soll sie ihm folgen.
Nach und nach wird jeder ‚abgeholt‘. Mein Guide, Scherief, ist vielleicht Mitte zwanzig, hat einen orientalischen Touch, vielleicht kommt er ursprünglich aus Israel, Ägypten, so was in der Richtung. Ich folge ihm.

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Hinaus aus der Halle geht es, raus auf die sonnenüberflutete und dicht besiedelte Fläche, wo die Trambahnen fahren. Auf einmal hört die klassische Musik auf, und eine Männerstimme spricht zu mir.
„Ich könnte dir eine Geschichte erzählen. Eine lustige Geschichte, oder eine verstörende. Etwas, was wahr ist, oder etwas, was ich eben erfunden habe.“

Und dann werden Geschichten erzählt. Ich folge Scherief durch München und fühle mich seltsam. Ich kann nicht ganz einordnen, was diese Stimme mit mir macht. Wie paralysiert trotte ich hinter meinem Guide her und lausche andächtig. Einige Details bleiben hängen; ob sie wahr sind, werde ich nicht erfahren. Er sei Mechatroniker bei BMW, sagt er. Seit 22 Jahren lebe er nun hier. Er komme aus dem Irak. Nur zwei Tage war er auf der Flucht, aber Deutschland war das letzte Land, in das er wollte.

Er habe einer Frau in München sein Leben erzählen müssen. Wie er seine Eltern verloren habe. Wie die Reise nach Deutschland war. Und wie er mit ansah, wie seine Schwester vergewaltigt wurde.

Meine Emotionen schwanken zwischen belustigt und fassungslos. Einmal Gefühlspalette durchspielen, bitte. Irgendwie ist es ganz gut, dass ich nicht weiß, was wahr und was erfunden ist.

Unsere Reise endet auf der Theresienwiese, wo kleine Holzhütten aufgebaut sind, jede vielleicht ein mal ein Meter groß. Mein klaustrophobisches Ich meldet sich kurz, die Neugier siegt dann aber doch. Ich setze mich auf den Stuhl, der in der Mitte des Raumes steht. Scherief nimmt mir die Kopfhörer ab. Er singt leise etwas auf einer arabisch klingenden Sprache. Was spricht man denn im Iran? Ich kann es nicht einordnen, aber es klingt schön.
Danach setzt er mir die Kopfhörer wieder auf und schließt die Tür hinter sich, als er hinaus geht.

Über mir beginnt es, hell zu werden. Ein Beamer, offenbar mit einer vor der Hütte platzierten Kamera verbunden, beginnt ein Bild auf die Wand vor mir zu projizieren. Es ist die Theresienwiese. Drei Guides treten vor ‚meine‘ Kamera. Sie sehen mich lange an. Als letzter kommt Scherief. Er richtet seine Augen auf die Kamera, lächelt, und hält dann einen Zettel in die Linse. Mein Name steht darauf. Scherief lächelt noch einmal, dann dreht er sich um. Er und die anderen Guides gehen langsam in Richtung des Horizonts und verschwimmen schließlich.

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Wie nennen wir das Ganze nun? Ist das Theater? Public Performance? Oder eine neue Mischform?
Eines ist jedoch sicher: Es ist auf eine so subtile Art und Weise berührend, dass es einem auch schon mal die Tränen in die Augen treibt. Egal, wie wahr oder falsch Aussagen sind, egal, wie unangenehm es manchmal ist, es ist eine einzigartige Möglichkeit der Kommunikation und des Austausches, die es so in München noch nie zu sehen gab. Unbedingt noch eine Karte sichern!

Karten max. 12 Euro
Informationen zum Stück www.muenchner-kammerspiele.de
Es gibt auch einen Trailer. Das ist übrigens Scherief.
http://muenchner-kammerspiele.de/spielplan/niemandsland/trailer/

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