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Subkultur an der A9? Der Tatzelturm könnte München für immer verändern

Wo jetzt noch Kies und Wiese ein tristes Dasein fristen, könnte bald ein neues Subkulturzentrum entstehen: Neben der Autobahnbrücke A9 in Freimann wollen David Süß (Harry Klein) und Florian Schönhofer (Café Kosmos) ein mehrstöckiges Gebäude für kreative und gastronomische Nutzungen entstehen lassen. Als dauerhafte Nutzung in Erbpacht für mindestens 30 Jahre. Besonders spannend: Der „Tatzelturm“ soll als Genossenschaft aufgezogen werden, mit verschiedenen Partnern im Boot und einer Nutzung von Stadt- und Bundesflächen.

Gastro, Disco, Ateliers, Proberäume, Sauna, Yoga-Studio, Parallelnutzungen, vieles wäre dort denkbar, sobald ein Gebäude steht. Um die Idee der Öffentlichkeit und eventuellen Partnern vorzustellen, luden die beiden am Montag ins Harry Klein. Zuvor sind die ehrgeizigen Pläne bereits durch verschiedene Onlinemedien publik geworden. In trockenen Tüchern ist das Projekt aber noch nicht – auch wenn die Stadt wohl positive Signale sendet.

v.l.n.r.: David Süß (Harry Klein), Florian Schönhofer (Café Kosmos), Tobias Ruhland (Bayern 2), Louis Grünwald (404)

„Es hat sich ausgezwischennutzt in der Stadt“

So gibt sich Florian Schönhofer kurz nach Beginn der Info-Veranstaltung kämpferisch. Immer nur zwei oder drei Jahre irgendwo demütig Gast sein zu dürfen, das frustet schließlich irgendwann. Obendrein ist das ewige Zwischengenut andere als nachhaltig: „Jedes Mal schmeißt man containerweise Zeug weg und niemals macht man etwas energetisch fair und gut. Gekauft wird immer nur das Billigste.“

Die Erfahrung, die er und sein langjähriger Mitarbeiter und Partner Louis Grünwald mit dem 404 kürzlich machen durften, sitzt wohl noch tief. Das beliebte Zwischennutzungs-Projekt im Glockenbachviertel fand ein schnelles Ende und wurde stets von Nachbarschaftsstreits, zuletzt sogar von einem Gerichtsprozess begleitet.

Das dürfte neben und unter der Autobahn nicht passieren: weit und breit kein Haus in Sicht. Erst jenseits der Straßen befindet sich auf östlicher Seite irgendwann die Studentenstadt – die zudem eine gute Anbindung an die Innenstadt garantiert, durch den U-Bahn-Anschluss.

Zusammen ist man mehr

Klingt vielleicht nicht gerade wahnsinnig sexy oder hip, aber Süß und Schönhofer schwebt eine genossenschaftliche Nutzung vor. Mindestens fünf bis zehn Partner wollen sie dazu anfangs mit ins Boot holen, damit das klappt. Beschlussfähigkeit ist schließlich am Anfang wichtig – ausreichend engagierte Partner*innen aber genau so. Die Münchner Genossenschaft Wogeno berät die Kulturschaffenden bei der Gründung.

Entweder man baut dann gleich selbst als Genossenschaft, oder man sucht nach einem Bauträger, der anschließend vermietet. Das sind die beiden angedachten Modelle. Jedenfalls wollen sie so den „Fantasiepreisen“ (Louis Grünwald im Gespräch mit MUCBOOK) aus der Innenstadt entgehen, die letztlich ja auch immer auf die Besucher*innen und potentielle Untermieter abgewälzt werden müssten.

Kurz zum Verständnis: Die zu gründende Genossenschaft soll sich nur auf die Bebauung und Raumverteilung beziehen. Dieses Bau-Modell erlaubt eine gleichberechtigte Verwaltung des Raums und des Nutzungszugangs. Was dort dann in den Räumen erwirtschaftet wird, bleibt aber in den Kassen der jeweiligen Betreiber*innen. Scherzhaft geben Süß und Schönhofer zur Kenntnis, dass sie ja auch nicht mehr die jüngsten seien – theoretisch könnten sie also auch irgendwann aus der Genossenschaft aussteigen, ohne dass das Projekt an sich stirbt.

Ambitioniert sind sie also, die Pläne von Süß & Co. Dem Stadtteil Freimann blühen ohnehin einige prägende Großprojekte in nächster Zeit: Der Bayetrische Rundfunk wird dort planmäßig 2024 komplett aus der Innenstadt hinziehen und mit der Bayernkaserne entsteht das größte neue Stadtquartier seit Jahren (mit bis zu 6.000 neuen Wohnungen). Wohnraum würde das Tatzelturm-Projekt zudem nicht zunichte machen: Bis in München Wohnungen unter Autobahnbrücken entstehen, wird wohl noch viel Wasser die Isar runter fließen.

Wo sind die Haken?

Noch ist aber nichts sicher: Die Grasfläche zwischen den Autospuren ist Stadtgrund. Süß und Schönhofer sind nicht die ersten, die da ran wollen. Aber vielleicht die ersten, die die Fläche kriegen könnten. Nach eigenen Aussagen ist die Resonanz von Seiten der Kommunalpolitik und der Behörden bislang sehr aufgeschlossen und positiv. Auch dem Bürgermeister sollen die Pläne schon vorliegen. „Man rennt überall in der Stadt offene Türen ein, weil jedem der Bedarf einleuchtet“ sagt uns Louis Grünwald, der ebenfalls in das Projekt involviert sein wird, vorab am Telefon. Süß und Schönhofer versprechen am Montag Abend im Harry Klein, dass sie mit Nachdruck dranbleiben. Mindestens 2.000 qm Nutzfläche sollen durch ein mehrstöckiges Gebäude entstehen – „konservative Schätzung“. Die umliegenden Flächen würden freilich noch viel mehr hergeben.

Brücke unter der Autobahn dort, wo später der Tatzelturm entstehen könnte.

Aber hier wird es dann kompliziert: Die Fläche unter der Autobahn ist nämlich Bundesgebiet – verantwortlich dafür ist die Autobahndirektion Süd. „Die Fläche dort wird seit 50 Jahren für nichts genutzt, außer für Kieselsteine. Dort kommt man sich echt vor wie auf dem Mond. Deine Fußabdrücke sind die einzigen und werden auch die einzigen bleiben“ beschreibt Schönhofer die Begehung vor Ort.

Die Genehmigung für die Nutzung dieser Fläche im Erbbaurecht zu bekommen, wird ein dickes Brett: Die Autobahndirektion Süd ist wohl (noch) nicht besonders angetan von den Plänen – Stichwort/Ausrede „Brandschutz“. Schönhofer und Süß erhoffen sich hier Rückendeckung von der Stadt beim Herantreten an den Bund: Wenn sich der Turm auf der Grünfläche (also auf Stadtgrund) bewährt, streben sie die Erweiterung auf die umliegende Fläche an, mit Support von der Kommunalpolitik. Aber eins nach dem anderen: „Zukunft riesig, Beginn klein“ beschreibt Schönhofer den Prozess und die Ambitionen.

Vorbilder für derartige „Brücken-Projekte“ findet man in anderen Städten. Genannt werden Lissabon (LX Factory), Prag (Manifesto) und Zürich (Im Viadukt) – allesamt urbane Zentren, die ebenfalls unter Platzmangel leiden und hierbei kreative Lösungen an eigentlichen Unorten gefunden haben.

Autobahnbrücke, unter der ein Teil des Tatzelturms entstehen könnte

Wann könnte es losgehen?

Dass so ein Projekt ein echter Brocken ist, dürfte jedem klar sein. „2023 wäre ein Erfolg, wenn der Turm steht“, sagt Schönhofer dazu. Schönhofer könnte vor Ort sein 404-Projekt fortsetzen. Auch David Süß muss mittelfristig eine neue Location für sein Harry Klein finden: dort wo der Club jetzt steht, ist wohl spätestens in zwei Jahren Schluss, weil das Gebäude dann zu einem Hotel umgebaut wird.

Mit innovativen Bauideen und Knowhow will übrigens die TU München mithelfen: Der TUM Architecture Research Incubator steht beratend zur Seite. Die Nutzung der Räume soll schließlich möglichst offen gelassen werden und wenig vorgeben. Bei Themen wie Kühlung oder Entsorgung könnten die späteren Genoss*innen etwa Synergien nutzen – falls etwa mehrere Gastronomen einziehen.

Ein fabelhaftes Wesen

Der Projektname Tatzelturm leitet sich übrigens vom Tatzelwurm ab – ein Fabelwesen aus dem Alpenraum. Auch das Stück der Autobahnbrücke in Freimann wird im Volksmund so genannt – der optischen Ähnlichkeit wegen (naja, mit Fantasie).

Es heißt, wenn ein Tatzelwurm durch Sand krieche, werde Sand zu Glas. Was er aus Kies und grüner Wiese so machen kann, ist indes nicht überliefert. Hoffen wir mal, er kann auch einen Turm entstehen lassen. Treten sie die Beweisführung an, verehrte Genoss*innen und Entscheider*innen!


Fotos: © Florian Schönhofer, David Süß, Louis Grünwald

PS: Unter kontakt@tatzelturm.de sind Feedback und Interessent*innen an der richtigen Stelle.

Florian Kraus

Für MUCBOOK unterwegs in der Stadt, meist wenn's um Kultur oder Politik geht.
Florian Kraus
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