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Talal und Amjad: Die Heimat verlassen

Amjad sieht einem nie lange in die Augen. Auch wenn er mit unserem irakischen Übersetzter Ihab redet, ist er kurz angebunden. Permanent starrt er auf sein Handy. Seit kurzem kann er seine Familie wieder erreichen. Sein Bruder ist in Libyen, die Familie noch im Libanon. Für Talal dagegen scheint die Ankunft in Deutschland wie eine Befreiung zu sein. Eine Befreiung vom Martyrium der Reise und der Beginn eines neuen Lebens in Sicherheit. Er ist offen und redet sich das Erlebte von der Seele. In der ersten Episode unserer Reihe „Talal und Amjad“ beginnen wir mit der Nacherzählung ihrer Flucht aus der Heimat.

Foto: Lion Wanner

Foto: Lion Wanner

Amjad

Als Anfang 2011 der Bürgerkrieg in Syrien ausbricht, lebt Amjads Familie im libanesischen Grenzgebiet zu Syrien in einem kleinen Dorf. Als nach einem Jahr die Raketen Assads auch diese Region erreichen und sich immer mehr Rebellen in der Gegend aufhalten, um Jugendliche zu rekrutieren, das heißt kidnappen und zum Kämpfen zwingen, beschließt die Familie ihr Haus zu verlassen. Nahezu täglich schlagen Bomben in der Umgebung ein. Die Häuser der Nachbarn sind zum Teil zerstört. Sie kommen bei Bekannten und Freunden unter. Doch auch hier ist man vor dem Bombardement nicht lange sicher. Dazu kommt: Einige Freunde stellen sich als weniger freundlich heraus und verraten die Untergetauchten an die Rebellen. Bereits an diesem Punkt lernt Amjad niemandem mehr zu vertrauen.

Da Jungen seines Alters zu den häufigsten Opfern von Entführungen durch syrische Rebellen zählen (18- bis 35-Jährige haben nämlich noch Familie, von der man Geld erpressen kann), beschließt Amjad die Familie zu verlassen und gemeinsam mit seinem Bruder zu fliehen. Der erste Versuch nach Ägypten zu gelangen scheitert an der Passkontrolle am Rafiq-Hariri-Flughafen von Beirut. Reisefreiheit für Menschen aus dem Nahen Osten ist schwer zu bekommen, es sei denn man bringt das nötige Kleingeld mit, sie sich zu erkaufen.

In einer Garage im libanesischen Somarie bestechen sie aus der Not heraus Regierungsbeamte, ihnen den nötigen Stempel in den Pass zu drücken – mit Erfolg. Einige Monate später starten die beiden einen neuen Versuch und tun etwas, das lebensmüde klingt: Sie gehen nach Syrien. Die netten Herren aus der Garage haben die Fahrt dorthin gleich mit im Angebot, doch denen ist nicht zu trauen. Also geht es zu Fuß los in Richtung Grenze und irgendwann mit dem Bus nach Daraa.

Hier buchen sie im Reisebüro (der Laden brummt) einen Flug nach Istanbul. Nach fünf Tagen Aufenthalt in der Metropole am Bosporus merken sie schnell, dass sie hier als Illegale nicht lange bleiben können, geschweige denn Arbeit finden werden. Außerdem spricht dort keiner arabisch. Ihr nächstes Ziel ist Libyen. Sie buchen erneut einen Flug. Diesmal geht es nach Bengasi. Dort angekommen sehen sich die beiden nach Jobs um. Sie werden hier vermutlich kein besseres Leben führen, doch immerhin nicht ständig von Raketenangriffen bedroht sein. Und einen Krieg, der sie nicht betrifft, müssen sie hier auch nicht führen. Für Amjad sollte die Reise jetzt eigentlich zu Ende sein. Aber es kommt anders.

 

Foto: Wikipedia

Foto: Wikipedia

Talal

Talal kommt aus Al Yarmouk, einem Stadtteil von Damaskus. Lange Zeit bleiben er und seine Familie von den Wirren des Bürgerkriegs verschont. Der Tag, an dem seine Welt zusammenbricht, ist der 13. Dezember 2013. Unbekannte brechen in das Haus der Nachbarn ein und bringen alle um, die sich darin aufhalten. Als sie sich auch Zugang zu seinem Haus verschaffen, ist er schon weg. Gottseidank ist der Rest der Familie nicht daheim. Talal flieht erstmal zu einem Freund, der ein Sück außerhalb der Stadt wohnt.

Er hört schon seit langem davon, dass immer wieder Leute entführt werden, er hört von Bombenanschlägen, die vornehmlich bei Beerdigungen verübt werden und auch, dass das Militär alle verhaftet, die nicht bereit sind für Assad zu sterben. Talal hat sich schon vor einiger Zeit zum Militärdienst gemeldet, der eigentlich zwei Jahre dauert, bei der aktuellen Lage aber unbegrenzt ist und somit den sicheren Tod bedeutet. Für ein Schmiergeld von 1000$ kann man den Dienst auf sechs Monate verkürzen – natürlich ohne Garantie. Wenn das Militär einen Verweigerer erwischt, kommt er ins Gefängnis und ist als Landesverräter vogelfrei. Kein Wärter greift ein, wenn es Übergriffe auf Häftlinge gibt und meistens foltern und morden sie sogar mit. Talal will weder sein Leben für Assad opfern, noch will er im Knast sterben. Ihm ist klar, dass sie ihn früher oder später in die Finger kriegen. Er beschließt seine Heimat für immer zu verlassen.

Sein Weg führt ihn mit verschiedenen Autos, bis nach Saida, eine Küstenstadt im Libanon. Auf dem Weg gerät er in eine Polizeikontrolle. Der Pass wird ihm entzogen, weil er kein Schmiergeld zahlen will. Er ist illegal im Libanon und darf nun auch nicht mehr ausreisen. Von Saida aus geht es nach Sour. Auf der Straße hat Talal gehört, dass es in Sour Schlepper gibt, die ihn mit gefälschten Papieren nach Libyen bringen. Er zahlt einem Mann, den er jeden Tag mit einem anderen Namen anzusprechen hat, 800$. Dafür fährt dieser ihn nach Beirut und verspricht ihm, dass er dort abgeholt wird. Doch in Beirut kommt niemad. Der Mann mit den vielen Namen ist nach zwei Tagen ebenfalls verschwunden und der 19-Jährige hängt alleine in Beirut fest. Er hört sich dort um nach weiteren Möglichkeiten abzuhauen und bezahlt letzten Endes nochmal 800$ um wieder zurück nach Sour zu kommen. Hier erfährt er von seiner Familie, dass ihr Haus in Damaskus dem Erdboden gleich gemacht wurde. Ein Zurück gibt es für ihn nicht mehr.

Hotel Taka; Foto: Tripadvisor

Hotel Taka; Foto: Tripadvisor

Auf Raten der Schlepper, die er kennenlernt, kauft er sich mit seinen gefälschten Papieren einen Flug von Sour nach Beirut, von Beirut nach Kairo und von Kairo nach Khartoum. Im Sudan ist er noch verlorener als zuvor im Libanon. Keiner spricht seine Sprache, er sieht anders aus und jeder weiß, dass er auf der Flucht ist. Er wohnt im Hotel Taka und versucht jeden Tag auf der Straße verzweifelt neue Leute zu finden, die ihn irgendwie weiterbringen. Was für eine Tortur durch die Wüste ihm noch bevorsteht, ahnt er zu diesem Zeitpunkt nicht.

 

 

Hier zu den anderen Teilen:

Talal und Amjad: Wege in die Bayernkaserne

 

Autoren: Sophie Mathiesen & Christoph Kürbel

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